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US-Shutdown und Spieltheorie

Kann die Spieltheorie den bizarren Haushaltsstreit in den USA erklären?

Alexander Trentin

In einem Blog der «Washington Post» gibt es ein interessantes Interview mit dem Politikprofessor Daniel Diermeier zu lesen. Der Spezialist für die Spieltheorie in der Politik versucht die Konfrontation zwischen Demokraten und Republikanern im US-Haushaltsstreit zu erklären.

Wie oft beim Aufeinandertreffen zweier kompromissloser Positionen wird der Vergleich zur Kubakrise 1962 gezogen, als sich die Sowjetunion und die USA fast einen Atomkrieg leisteten. Das Stichwort ist Game of Chicken: Zwei (meist junge, männliche) Autofahrer stellen sich einer Mutprobe. Sie rasen aufeinander zu – wer zuerst ausweicht, ist der Feigling (Chicken) und hat verloren. Niemand der beiden will, dass die Autos aufeinanderprallen. Denn die Kosten einer Kollision wären höher als die des Ausweichens. Doch gewinnt man das Spiel, bekommt man den Ruhm.

Hier die spieltheoretische Darstellung der Auszahlungsmatrix (nach Wikipedia):

Oder die Auszahlungen in Zahlen ausgedrückt:

Das Paradox: Eine rationale Strategie wäre, auf jeden Fall auszuweichen, da man viel mehr zu verlieren als zu gewinnen hat. Aber falls man annimmt, dass der Gegner rational handelt und ausweichen wird, ist es wiederum sinnvoll, nicht auszuweichen. Der Trick im Kalten Krieg war daher, sich möglichst irrational und fanatisch zu geben. Denn je rationaler man erscheint, desto eher würde man in einem Konflikt nachgeben. Das könnte der Gegner ausnutzen.

Nimmt man diese Vorlage, um den Streit über die US-Schuldenobergrenze zu verstehen, ergibt das Verhalten der Republikaner Sinn: Je mehr die radikalen Vertreter der Tea Party das Wort erhalten, umso unversöhnlicher scheinen sie. Und desto eher wird Obama etwa bei der Frage der Gesundheitsversorgung einlenken.

Doch Professor Diermeier sieht die Analogien zum Game of Chicken als nicht vollständig:

Those are appropriate analogies to a certain extent, but what they’re missing is the specific nature of the U.S. political system and how public opinion plays a critical role in how damaging it is to be intransigent.

Die öffentliche Meinung spielt demnach eine entscheidende Rolle, die in der obigen Auszahlungsmatrix nicht vorkommt: Eine unversöhnliche Haltung wird nicht gerne gesehen. Das kann den Republikanern Wählerstimmen kosten. Nach Diermeier muss die Obama-Regierung nun versuchen, den öffentlichen Ärger und die Angst vor dem Erreichen der Schuldenobergrenze – und damit faktisch dem Kreditausfall der USA – zu schüren.

Das macht der Präsident tatsächlich: Im Fernsehsender CNBC warnte er vor den dramatischen Folgen eines Kreditausfalls. Dagegen versuchen die Republikaner weiter, ihre kompromisslose Haltung zu manifestieren. Und hier zeigt sich auch der Spieltheoretiker verwirrt, ob das wirklich nur noch taktische Züge sind – oder ob die Republikaner von ihrer Mission tatsächlich so überzeugt sind, wie sie sagen:

It’s hard for me to understand whether it’s posturing or what. It’s very hard to disentangle. Originally it was over defunding Obamacare, but when you go to, «You’re disrespecting me», what that means strategically is, «I’m really not compromising, because the stakes are even higher.» If that’s real or a bluff is hard to say.

Leser-Kommentare

Roland Heinzer 07.10.2013 - 17:58
Obama kann nur gewinnen, er muss sich keiner Wiederwahl stellen. Die Krise hat er ja von den Republikanern übernommen, er kann also ruhig warten, bis die Republikaner mit einem Kompromiss einlenken. Falls sie es nicht tun, dann sind sie in den Augen der Mehrheit die Schuldigen einer neuen Wirtschaftskrise. Die öffentliche Stimmung wird sich gegen sie wenden und sie könnten… Weiterlesen »