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St. Galler KB: «Der Euro wird schwächer»

Die St. Galler Kantonalbank erwartet für 2019 Druck auf den Euro. Die SNB werde die Zinsen im Herbst erhöhen – auch im Alleingang, falls die EZB zögere.

Fünf Thesen stellt die St. Galler Kantonalbank (SGKN 483.5 1.15%) (SGKB) jeweils fürs neue Jahr vor. Für 2018 gingen alle in Erfüllung, sieht man davon ab, dass der Ölpreis, der stärker erwartet wurde, zuletzt einbrach. Die hohe Trefferquote weckt Interesse für den Ausblick 2019. Eine der aktuellen fünf Thesen lautet: Der Euro wird zum Franken schwächer.

Wie CIO Thomas Stucki am Donnerstag vor den Medien ausführte, wird die Eurozone auch im kommenden Jahr Zerreissproben ausgesetzt. Politischer Art sind der Brexit und der Haushaltsstreit mit Italien, wobei Stucki davon ausgeht, dass Italiens Regierung unter dem Druck des Finanzmarktes und des Kapitalabflusses, der sich vor allem nach Deutschland ergiesst, im Laufe des Jahres einknicken werde. Dem Euro schaden wird aber auch die konjunkturelle Abkühlung, die vor Europa nicht Halt machen wird. Die SGKB sieht den Euro zum Franken gegen 1.08 Fr. sinken. Falle er tiefer, werde die SNB (SNBN 5870 3.89%) am Devisenmarkt intervenieren, sagt Stucki.

SNB hat Spielraum

Die Schweizerische Nationalbank erhöht erstmals seit zehn Jahren die Zinsen, lautet eine weitere These der Bank. Obschon der Euro schwächer erwartet wird, geht Stucki davon aus, dass die SNB auch autonom handeln werde, sollte die EZB ihren für Herbst in Aussicht gestellten Zinsschritt hinauszögern. Eine Steigerung um je ein Viertel Prozentpunkt im September und im Dezember hält er für wahrscheinlich. Mit –0,25 wären dann die kurzen Zinsen nicht mehr so arg im Minus wie jetzt. «Die auf 3,5 Prozentpunkte gestiegene Zinsdifferenz zum Dollar verleiht der SNB Spielraum, und auch die Gefahr einer Blase am Immobilienmarkt könnte die Nationalbank verleiten, allenfalls unabhängig von der EZB an der Zinsschraube zu drehen», sagt Stucki.

Die nächste These: Am Aktienmarkt setzt ein schleichender Rückgang ein. Dieses Jahr habe die Börse zwar auch Boden verloren, doch bei rund 10’000 Punkten im SPI (SXGE 11479.28 -0.14%) fing sie sich immer wieder auf. Das setze sich noch eine Weile fort. «Die gute Wirtschaftslage gibt den Aktienkursen Halt, zumindest im ersten Halbjahr.» Aber spätestens dann schlagen die beiden übrigen Thesen der SGKB durch: Eine Wachstumspause in China, sprich eine Abkühlung des Wachstums auf noch knapp 6% (China spürt den Handelskonflikt stärker als die USA, erwähnt der CIO in diesem Zusammenhang). Aber Bremswirkung entfaltet vor allem die letzte Voraussage: Der konjunkturelle Wendepunkt ist erreicht – ein Abschwung kündigt sich an.

Nicht Rezession sei das Thema, doch die Weltkonjunktur, und mit ihr die Schweiz, verliere an Dynamik. Für die Schweiz und für die Eurozone sagt die SGKB für 2019 je ein BIP-Wachstum von 1,5% (nach 3 resp. 1,7% 2018) und für die USA von 2,2% (dieses Jahr 2,9%) voraus. Inflationsgefahren sieht die Bank einzig in den USA als Folge der angespannten Lage am Arbeitsmarkt. «Lohninflation führt automatisch zu Preisinflation», erklärt Stucki. Das Fed werde dementsprechend 2019 mit mindestens drei weiteren Zinssteigerungen dagegenhalten.

Sorgsame Aktienselektion

Was bedeutet dieses Umfeld für Anleger? Ein Aktiencrash sei unwahrscheinlich, dafür fehle die Blase, die das Bankensystem ins Wanken brächte, lautet die gute Nachricht der St. Galler. Die schlechte: Aktien werden im nächsten Jahr kein positiver Treiber im Portfolio sein. Die Unternehmen werden ihre guten Ergebnisse von 2018 nicht wiederholen können, auch weil die Margen sinken und die Produktionskosten, besonders die Löhne, steigen werden. Auch die expansive Geldpolitik als Markttreiber fällt weg. So sei ein leicht negativer Grundtrend an der Börse fast unausweichlich, bevor 2020 oder spätestens 2021 der Horizont wieder heller erscheine.

Als Konsequenz hält die SGKB am Untergewicht von Obligationen fest. Aktien werden im ausgewogenen Portfolio noch übergewichtet, man sei nach voraussichtlich gutem Start ins Jahr 2019 für eine Reduktion jedoch gewappnet. Favorisiert werden im Aktiendepot amerikanische und Schweizer Aktien – mit Neigung zu defensiven Titeln. Laut Caroline Hilb, Leiterin Anlagestrategie und Analyse, ist ein aktives Vorgehen mehr denn je Trumpf: «Den Fokus auf Unternehmen mit robustem Geschäftsmodell legen, das auch in einem schlechteren Umfeld Mehrwert bietet.» Auch eine hohe und nachhaltige Dividende werde wieder zu einem Pluspunkt.

Einzelwerte, die Hilb favorisiert, sind in der Schweiz unter anderem Nestlé (NESN 95.85 0.8%), Sika (SIKA 151.65 -0.07%), Ems-Chemie (EMSN 623 0.32%), Kühne + Nagel (KNIN 145.35 0.28%), Lindt & Sprüngli (LISN 78400 1.29%) und Belimo (BEAN 5350 1.33%).

 

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