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Staatskapitalismus taugt nur zur Aufholjagd

Dem Gegensatz zwischen freien Märkten und Staatskapitalismus liegt ein gesellschaftlicher zugrunde: der zwischen inklusiven und extraktiven Institutionen. Ein Kommentar von Daron Acemoglu und James A. Robinson.

Daron Acemoglu und James A. Robinson
«Im Staatskapitalismus geht es nicht um effiziente Allokation wirtschaftlicher Ressourcen, sondern um die Maximierung politischer Kontrolle über Gesellschaft und Wirtschaft.»

Der Staatskapitalismus scheint in dem seit Jahrhunderten dauernden Wettstreit der Wirtschaftswachstumsmodelle in jüngerer Zeit vorne zu liegen. Paradefälle des liberalen Kapitalismus wie die USA oder Grossbritannien wuchsen auch 2012 schwach. Dagegen wuchsen viele Länder Asiens, deren Wirtschaftssysteme auf verschiedenen Formen des Dirigismus beruhen, in den vergangenen Jahrzehnten rasch und beständig und überstanden die jüngsten wirtschaftlichen Turbulenzen erstaunlich mühelos. Ist es also Zeit, die Lehrbücher der Wirtschaftswissenschaften anzupassen?

Tatsächlich besagt die Wirtschaftswissenschaft nicht, ungezügelte Märkte seien besser als staatliche Intervention oder gar Staatskapitalismus. Die Probleme mit dem Staatskapitalismus sind primär politischer und nicht ökonomischer Natur. Jede Ökonomie ist mit Marktversagen konfrontiert, und eine wohlwollende und allmächtige Regierung könnte häufig intervenieren. Doch wer hat schon je eine wohlwollende und allmächtige Regierung gesehen?

Um die Logik des Staatskapitalismus zu verstehen, empfiehlt sich das Studium früherer Beispiele – aus Zivilisationen des Altertums. Tatsächlich scheinen Formen des Staatskapitalismus, ebenso wie der Ackerbau oder die Demokratie, im Lauf der Weltgeschichte mehrmals unabhängig voneinander erfunden worden zu sein.

Wie bei den alten Griechen

Etwa in der griechischen Bronzezeit: Damals entstanden im Mittelmeerraum rund um Städte, in denen die politische Elite lebte, mächtige Staaten. Dort gab es kein Geld und kaum Märkte. Der Staat besteuerte die landwirtschaftliche Produktion und kontrollierte beinahe die gesamte Güterproduktion. Er verfügte über ein Handelsmonopol und bewegte, weil Geld fehlte, diese Güter per Dekret. Er versorgte bspw. Weber mit Nahrung und Grund­materialien für die Produktion und nahm ihnen die produzierten Güter ab. Im Kern betrieben die Gesellschaften der griechischen Bronzezeit ein System, das frappant an den Staatskapitalismus erinnert.

Ebenso war es bei den Inkas, als sie vor der Ankunft der Spanier (ab 1530) ihr Reich aufbauten. Auch sie kannten kein Geld (und keine Schrift), doch der Staat führte regelmässig Volkszählungen durch, baute 40 000 km Strassen, betrieb einen Nachrichtendienst und dokumentierte dessen Informationen auf verknoteten Schnüren. Das alles war Teil der Kontrolle über Land und Arbeit auf Grundlage zentraler Ressourcenallokation und Zwang.

Wie ist es möglich, dass so unterschiedliche Gesellschaften wie die griechischen Städte der Bronzezeit, das Inkareich, die Sowjetunion, Südkorea und heute China auf den Staatskapitalismus kommen?

Die Antwort liegt in der Erkenntnis, dass es im Staatskapitalismus nicht um ­effiziente Allokation wirtschaftlicher Ressourcen geht, sondern um die Maximierung politischer Kontrolle über Gesellschaft und Wirtschaft. Wenn staatliche Akteure alle produktiven Ressourcen an sich reissen und den Zugang dazu beherrschen, kommt dies einer Maximierung der Kontrolle gleich – auch wenn es zulasten wirtschaftlicher Effizienz geht.

Natürlich hat der Staatskapitalismus in vielen Teilen der Welt zur Konsolidierung von Staaten und zur Zentralisierung der Staatsmacht beigetragen – und somit die Grundvoraussetzungen für die Entwicklung moderner Gesellschaften und Ökonomien geschaffen. Doch die politische Kontrolle der Wirtschaft wird generell problematisch, weil es denjenigen, die den Staat führen, nicht um Wohlfahrt oder die optimale Allokation von Ressourcen geht. Die Motivation für den Staatskapitalismus der griechischen Bronzezeit oder des Inkareichs war nicht wirtschaftliche Effizienz, man schuf damit nicht unbedingt eine effizientere Ökonomie – doch er half, politische Macht zu konsolidieren.

Hinter dem Gegensatz zwischen Staatskapitalismus und ungezügelten Märkten steht derjenige zwischen extraktiven und inklusiven wirtschaftlichen Institutionen. Extraktive Institutionen schaffen ungleiche Bedingungen und Ertrag sowie Vorteile, die nur einem eng begrenzten Kreis zugutekommen, der über politische Macht und Verbindungen verfügt. Inklusive In­stitutionen dagegen bieten gleiche Bedingungen und Anreize sowie Chancen für die grosse Masse der Menschen an.

Darin liegt das Problem des Staatskapitalismus: Inklusive Institutionen bedürfen eines privaten Sektors, der stark genug ist, die Macht des Staats auszugleichen und zu kontrollieren. Daher tendiert staatliche Eigentümerschaft dazu, eine der wichtigsten Säulen einer inklusiven Gesellschaft zu beseitigen. Es überrascht deshalb nicht, dass Staatskapitalismus beinahe immer mit autoritären Regimes und extraktiven politischen Institutionen einhergeht.

Wirtschaftswachstum führt in unserer Zeit auch mit inklusiven Institutionen oft zu tiefgreifenden Ungleichheiten und ungleichen Bedingungen, was das Überleben genau dieser Institutionen gefährdet. Innerhalb gewisser Grenzen kann der moderne Regulierungs- und Umverteilungsstaat dabei helfen, diese Probleme zu überwinden. Doch der Erfolg eines derartigen Projekts hängt davon ab, ob die Gesellschaft die Kontrolle über den Staat hat – und nicht umgekehrt.

Innovation heisst Instabilität

Die Argumentation, wonach der Erfolg des Staatskapitalismus seine Überlegenheit beweise, hiesse, das Pferd beim Schwanz aufzuzäumen. Ja, Südkorea wuchs rasch unter dem Staatskapitalismus, Gleiches geschieht heute in China. Doch der Staatskapitalismus entwickelte sich nicht, weil es keine andere Möglichkeit gab, dort Wirtschaftswachstum zu ­erreichen, sondern er ermöglichte Wachstum, ohne dabei existierende Machtstrukturen zu destabilisieren.

Das Wesen des chinesischen Staats­kapitalismus besteht darin, dass er die fortgesetzte Herrschaft der Kommunistischen Partei gewährleistet und gleichzeitig die Ressourcenallokation verbessert – nicht darin, dass nur der Staatskapitalismus in der Lage gewesen wäre, Preisanreize für Bauern zu schaffen und die Liberalisierung urbaner Märkte zu bewerkstelligen.

Den Staatskapitalismus wird es geben, solange bestehende Eliten in der Lage sind, ihn aufrechtzuerhalten und davon zu ­profitieren, selbst wenn das Wirtschaftswachstum am Ende zum Stillstand kommt. Und es gibt gute Gründe, warum dies letztlich geschehen wird. Nachhaltiges Wirtschaftswachstum erfordert inklusive Institutionen, weil Innovation – sowie die dafür nötige schöpferische Zerstörung und Instabilität – davon abhängt. Extraktive Institutionen, besonders Staatskapitalismus, können Wirtschaftswachstum eine Weile fördern, doch nur die Art von Aufholwachstum, die Südkorea erlebte, bevor es begann, Gesellschaft und Wirtschaft radikaler umzugestalten.

Sobald die niedrig hängenden Früchte des Aufholwachstums geerntet sind, wird auch China wählen müssen: wirtschaftliche und soziale Freiheit, Innovation und Instabilität, die nur durch inklusive Institutionen herzustellen sind, oder soziale Kontrolle im Dienst herrschender Eliten.

 

 Copyright: Project Syndicate

Leser-Kommentare

Ulrich Fiechter 20.12.2012 - 20:31
Dazu kann das Buch von Yang Jisheng “Grabstein – Die grosse chinesische Hungerkatastrophe 1958 – 1962” empfohlen werden. In diesem Buch zeigt der Autor, gestützt auf umfangreiche Recherchen, die Folgen des durch Mao Zedong bis zum Exzess betriebenen Staatskapitalismus auf. Die Bauern wurden bis zum Tode ausgebeutet. Die Zahl der Opfer wird auf 30 bis 35 Mio. geschätzt. Die Leute… Weiterlesen »