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Das Dokument, das den Streit zwischen dem englischen König und dem Adel schlichtete, verankerte den Grundsatz Recht vor Macht.

König Johann Ohneland war nicht amüsiert, als er 1215 in Runnymede an der Themse die Magna Carta Libertatum unterzeichnete. Das Dokument beschnitt die Macht des englischen Monarchen und stärkte diejenige der Barone: Der Hochadel hatte sich durchgesetzt und auf seinen alten Freiheiten bestanden, die City of London unterstützte ihn darin. Weil ein offener Bürgerkrieg zwischen den Baronen und der Krone drohte, hatte sich der Erzbischof von Westminster eingeschaltet, Stephen Langton.

Die Magna Carta hat er zwar kaum allein verfasst, doch es ist anzunehmen, dass Langton dabei federführend war. Er war, für seine Zeit, ein politisch denkender Theologe, einer der bedeutendsten Bibelexegeten, der aus den heiligen Schriften abzuleiten versuchte, wie eine Gesellschaft zu ordnen sei. Schon mit fünfzehn Jahren hatte er das heimatliche Lincolnshire verlassen, um in Paris zu studieren. Er wurde dort Professor, später in Rom Kardinalpriester, schliesslich 1207 eben Primas der englischen Kirche.

Sein Amt antreten konnte Langton jedoch erst 1213. König Johann – John Lackland – akzeptierte ihn nicht und wollte überhaupt ein Wörtchen mitreden, wenn es um die Besetzung der englischen Bistümer ging. Schliesslich hatte er ein Interesse daran, Gefolgsleute mit gediegenen Pfründen zu versehen. William Shakespeare inszenierte das in seinem nur noch selten gespielten Bühnenstück «King John». Der Gesandte des Papstes fragt den König, warum er denn «Stephen Langton, chosen archbishop of Canterbury», zurückstosse, «from that holy see?». Der König aber will sich von Rom nichts vorschreiben lassen: «…no Italian priest shall tithe or toll in our dominions» – kein italienischer Priester werde in seinem Reich Zehnten oder Zölle erheben.

Seinerzeit wird dem Monarchen nicht entgangen sein, dass Langton der Meinung war, Gott wünsche nicht, dass die Welt von gewalttätigen, die Gesetze missachtenden Königen beherrscht werde; just so einer eben war Johann. Langton sprach den Untertanen zwar kein Recht zur Rebellion zu, doch immerhin ein Recht darauf, ungesetzliche Befehle nicht zu befolgen. Er selbst weigerte sich 1215, das Schloss Rochester an den König herauszugeben. Recht vor Macht, das ist die Essenz der Magna Carta. Die Macht liegt zudem nicht nur in der Hand des Monarchen.

Mit der ersten Fassung war der komplizierte Machtkampf zwischen dem Adel bzw. der Kirche und dem König noch längst nicht beigelegt. Langton musste England verlassen und kehrte erst nach Johanns Tod 1218 zurück. Zur Zeit Heinrichs III. wurde der Erzbischof zur Schlüsselfigur der definitiven Magna Carta, die 1225 in Kraft trat. Erzbischof Langton drohte allen – König, Hof, Adel – die Exkommunikation an für den Fall der Missachtung. Fortan galt das Schriftstück als sakrosankt. Der jeweilige König pflegte die Magna Carta zu bestätigen, und der Primas erneuerte Langtons Mahnung.

Der heute berühmteste der 63 Artikel lautet: «Kein freier Mann soll verhaftet, gefangen gesetzt, seiner Güter beraubt, geächtet, verbannt oder sonst angegriffen werden; noch werden wir ihm anders etwas zufügen, oder ihn ins Gefängnis werfen lassen, als durch das gesetzliche Urteil von seinesgleichen oder durch das Landesgesetz.» Ursprünglich erkannte die Magna Carta dieses Prozessrecht nur den Baronen zu, doch in der endgültigen Fassung allen freien Bürgern. Damals war das noch eine Minderheit – die meisten Menschen waren Leibeigene, doch mit der Zeit stieg die Zahl der Freien erheblich. Wesentlich ist auch Artikel eins, der die Freiheit der englischen Kirche anerkennt. Die Bedeutung des Dualismus Kirche-Staat für die politische und die kulturelle Entwicklung (West-)Europas ist enorm.

Eine Verfassung im modernen Sinn, wie etwa die amerikanische von 1776, ist die Magna Carta nicht, doch sie ist eines der wichtigsten Dokumente der Entwicklung der modernen Demokratie. Im Verlauf der Jahrhunderte berief sich die politische Debatte immer wieder auf sie. So im Vorfeld der Glorious Revolution 1688, als sich das englische Parlament endgültig die Vormacht über die Monarchie sicherte. Die englischen Kolonisten, später Revolutionäre in Nordamerika hielten die Magna Carta in hohen Ehren. Charles-Louis de Montesquieu, der im 18. Jahrhundert die Philosophie der Gewaltentrennung entwickelte, war massgeblich beeinflusst von der englischen Verfassungstradition, damit von der Magna Carta.

1989 fiel die Berliner Mauer, das Gesellschaftsmodell der liberalen Demokratie schien keine Konkurrenz mehr zu haben: War das Ende der Geschichte erreicht? Mitnichten. Autokraten wie Erdogan, Putin oder Xi Jinping verachten den Grundsatz der Magna Carta; für sie gilt: Macht über Recht.