Meinungen

Stilloser Abgang bei LafargeHolcim

VR-Präsident Wolfgang Reitzle verlässt nach weniger als einem Jahr die Brücke des fusionierten Zementriesen. Das ist stillos, kommentiert FuW-Chefredaktor Mark Dittli.

«LafargeHolcim wird noch über Jahre eine Baustelle sein – und Reitzle war ein Architekt von zentraler Bedeutung.»

«Der Verwaltungsrat ist überzeugt, dass wir das Beste der beiden Unternehmen zusammenführen und dadurch eine einzigartige Wachstumsbasis schaffen werden.» Mit diesen Worten wandte sich Wolfgang Reitzle, damals Verwaltungsratspräsident von Holcim, im Frühjahr 2015 in einem Schreiben an die Aktionäre des Zementriesen.

Es gelang ihm damit, die Eigentümer von den Vorteilen der Fusion mit dem französischen Konkurrenten Lafarge zu überzeugen: Mit sehr deutlicher Mehrheit stimmten die Aktionäre an der ausserordentlichen Generalversammlung vom 8. Mai 2015 der zuvor monatelang umstrittenen Transaktion zu. Am 10. Juli wurde die Fusion formell vollzogen.

Seither ist der Aktienkurs von LafargeHolcim (LHN 42.26 3.63%) 53% eingebrochen. Und nun geht Reitzle von Bord: Nach nur gerade einem Jahr im Amt tritt er an der nächsten Generalversammlung nicht zur Wiederwahl an. Er kehrt nach Deutschland zurück und übernimmt das Aufsichtsratspräsidium von Linde (LNA 193.7 0.36%).

Von einem schalen Nachgeschmack zu sprechen, wäre stark untertrieben. Reitzle, der das VR-Präsidium von Holcim im Frühjahr 2014 von Rolf Soiron übernommen hatte, war eine Gallionsfigur für die Fusion mit Lafarge. Vor und hinter den Kulissen haben er und andere Holcim-Exponenten im Frühjahr 2015 lobbyiert, um kritische Aktionäre und Medien – dazu gehörte auch «Finanz und Wirtschaft» – umzustimmen.

Eines der damals wichtigsten Argumente: Die Schweizer Holcim-Leute besetzen die Schlüsselpositionen im fusionierten Konzern und stellen so sicher, dass LafargeHolcim nicht unter eine französische Managementkultur fällt, sondern schweizerisch-solid bleibt. Hinter vorgehaltener Hand sagten sie stolz, die Transaktion sei zwar als Fusion unter Gleichen strukturiert, in Wahrheit aber übernehme die Schweizer Holcim die französische Lafarge.

Als Vorzeigeobjekte für dieses Versprechen dienten vor allem Reitzle, der als statutarischer Präsident dem Verwaltungsrat des fusionierten Konzerns vorstand, und der langjährige Holcim-Finanzchef Thomas Aebischer.

Es kam anders. Aebischer wurde wenige Monate nach der Fusion aus dem Amt gefegt und durch den Niederländer Ron Wirahadiraksa ersetzt. Und wenn Reitzle im Frühjahr abtritt, wird er weniger als zehn Monate die Geschicke des Konzerns geleitet haben. Dass der vorgeschlagene Nachfolger Beat Hess ein Schweizer ist, vermag nicht zu beruhigen: Der 66-Jährige wird nicht mehr als eine Übergangslösung sein.

Gewiss, die widrigen Umstände in Schwellenländern, in denen der Zementriese tätig ist, lassen sich vom Verwaltungsrat ebenso wenig kontrollieren wie das aktuelle, von Panik dominierte Börsenumfeld. Doch sicher ist: LafargeHolcim wird noch über Jahre eine von grossen Ungewissheiten geprägte Baustelle sein – und Wolfgang Reitzle war ein Architekt von zentraler Bedeutung. Sein überstürzter Abgang ist eine ungeheure Stillosigkeit.

Leser-Kommentare

Peter W. Ulli 09.02.2016 - 18:14
Besten Dank für diese klaren Worte. Habe schon gestern ähnlich aber nicht so fundiert meine Enttäuschung über den Abgang wie auch die fehlende Loyalität gegenüber den ehemaligen Holcim Aktionären durch Herr Reitzle ausgedrückt. Eigentlich hätte ich auch eine Stellungsname durch Herr Schmidheini erwartet, hat er doch im Laufe des Werbens um einen Zusammenschluss von einem Potential des Wechselkurses Richtung CHF… Weiterlesen »
Peter Hunziker 10.02.2016 - 21:09

Wer glaubt immer noch daran, dass es ein Vorteil sei, einen guten CH-Konzern zu “französisieren” ? Viel Glück den Altaktionären!