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Stimmungswandel im Chipsektor

China bereitet nicht nur der heimischen U-Blox Probleme. Die Sonderkonjunktur der Branche stottert.

Anleger in Aktien der Halbleiter-Industrie haben bisher keinen Grund zur Klage. Fast 400% Gewinn haben sie etwa gemacht, wenn sie vor zwei Jahren Papiere von Nvidia gekauft haben. Fast 200% gab es für Anteilseigner an Micron Technolgy. Mehr als 130% immerhin waren noch drin, wenn sie zum selben Zeitpunkt in Papiere der österreichischen AMS investiert hätten, die an der Schweizer Börse kotiert sind.

Doch der Langfristvergleich darf nicht darüber hinwegtäuschen: Seit ein paar Monaten harzt es. Nvidia ist da nur noch knapp im Plus, Micron und AMS deutlich im Minus. China bereitet den Anlegern Sorge – und das gleich in doppelter Hinsicht. Ist die Luft bei Halbleiterwerten erstmal draussen?

Die Chipbranche ist eigentlich für ihren Schweinezyklus bekannt. Der Begriff stammt aus der Landwirtschaft: In guten Zeiten wird investiert. Die Aufzucht der Schweine verzögert sich, mit Verzögerung kommt es zu einem Überangebot. Analog gilt das für die Chipindustrie.

Schon seit geraumer Zeit gibt es Befürchtungen, die Kapazitäten der Branche könnten zu hoch sein. Doch bislang stimmt die Nachfrage. Die Digitalisierung des Alltags, der Einzug von Smartphone, Smartwatch, Smart TV und allerlei anderen smarten, stets mit dem Internet verbundenen Geräten verlangt nach technischen Komponenten.

Boomender Speicher-Markt

Allein im vergangenen Jahr ist der Umsatz mit Halbleitern gemäss Marktforschungsinstitut Gartner weltweit 21,6% auf 420,4 Mrd. $ gestiegen. Getrieben wurde das Geschäft insbesondere von der Nachfrage nach Speicherchips. In diesem Segment stieg der Umsatz 62% auf 130 Mrd. $. Wer den Langfristchart betrachtet, sieht ebenso ein beinahe ungebremstes Wachsen des Bedarfs nach Chips, auch in naher Zukunft. Aktien des Sektors profitieren: Der Philadelphia Semiconductor Index mit seinen Halbleiterwerten hat sich besser entwickelt als der Nasdaq.

Alles paletti also? Würde da nicht ein in vielerlei Hinsicht ungewöhnlicher Präsident im Weissen Haus regieren – und auf der anderen Seite des Erdballs ein mindestens ebenso ehrgeiziger Staatschef die Geschicke im Reich der Mitte lenken. Die Rede ist natürlich vom Handelskrieg zwischen USA und China sowie den chinesischen Bestrebungen, eine eigene Chipindustrie aufzubauen. Beide Entwicklungen haben das Zeug dazu, der Sonderkonjunktur der Halbleiterbranche einen gehörigen Dämpfer zu verpassen.

Die heimische U-Blox hat das bereits zum jüngsten Semesterabschluss zu spüren bekommen. «In China ändert sich der Markt schnell», sagt Thomas Seiler, CEO des Thalwiler Chipdesigners. Dort erwirtschaftet das Unternehmen fast ein Drittel des Umsatzes: Smartwatches, Drohnen oder Module zum Orten von Mietvelos  etwa werden im Reich der Mitte mit Hilfe von U-Blox-Technologie produziert. Ein Fünftel lag der Umsatz zum Halbjahresabschluss unter dem Vorjahr. An der Börse verlor U-Blox deutlich (vgl. Aktienboxen).

Zusätzliche Abgaben von 25% auf chinesische Waren im Importwert von inzwischen 50 Mrd. $ erhebt die USA, darunter viele Produkte aus der Halbleiterindustrie, wie der US-Verband Semi mitteilt; Testgeräte für die Chipherstellung beispielsweise oder Ersatzteile. Manche Unternehmen sind direkt betroffen: ZTE beispielsweise, denen es zeitweilig untersagt wurde, Geschäftsbeziehungen mit US-Gesellschaften zu unterhalten. Dieser Bann hat die Chinesen an den Rand des Ruins gebracht, und sie haben in der Folge Bestellungen bei U-Blox storniert.

Hinzu kommt, dass nirgendwo sonst in der Welt so viel in Chipfabriken investiert wird wie in China. Der Anteil der dortigen Produktionskapazitäten an der weltweiten Halbleiterherstellung wird nach Angaben des Branchenverbands Semi von jetzt 16 auf 20% im Jahr 2020 steigen.

Bereits vor vier Jahren hat der Staatsrat der Volksrepublik beschlossen, die heimische Chip-Industrie zu stärken – und das geschieht mit sozialistischer Zielstrebigkeit.  2014 hat der China Integrated Circuit Industry Investment Fund mit einem Volumen von 22 Mrd. $ die Arbeit aufgenommen. In diesem Jahr hat der Staat weitere knapp 50 Mrd. $ zugeschossen, um die heimische Halbleiterindustrie noch weiter zu stärken und unabhängiger vor allem von US-Einflüssen zu machen. In diesem Jahr wächst der chinesische Chip-Markt Schätzungen zufolge 10% auf ein Volumen von dann mehr als 200 Mrd. $.

Auswahl wird wichtiger

Dazu kommen interne Faktoren, die den globalen Chip-Markt belasten. So wird sich die Nachfrage nach Speicherchips gemäss Schätzungen von Morgan Stanley  dieses Jahr abkühlen. Das Kursziel für Speicherchipspezialist Micron hat das Wertschriftenhaus daher schon gesenkt.

Für Investoren bedeutet das: Sie müssen wählerischer werden. Es gibt Perlen (vgl. Aktienboxen) wie AMD, die weiterhin Potenzial aufweisen. Die Sonderkonjunktur des Sektors jedoch wird durch die politischen Wirren erstmal ausgebremst.


AMD

Läuft AMD heiss? Um mehr als 150% haben sich die Papiere des Chipherstellers in diesem Jahr schon verteuert, 40% allein in den vergangenen vier Wochen. Die Valoren notieren auf 10-Jahres-Hoch. Lange gab es Zweifel, ob CEO Lisa Su der Umschwung des ewigen Sorgenkinds der Chipindustrie gelingen könnte. Insbesondere seit Vorlage des Semesterberichts schwinden diese Sorgen. Das Unternehmen hat nun einen Chip für Netzrechner im Angebot, der den Offerten des Rivalen Intel das Wasser reichen kann.

Ende des Jahres will AMD einen Anteil bei Server-Prozessoren im mittleren einstelligen Prozentbereich erzielen. Das würde Platzhirsch Intel zwar nur piesacken, wäre aber dennoch ein grosser Erfolg für AMD. Noch 2018 könnte AMD zudem erstmals einen Prozessor mit einer höheren Transistorendichte als Intel ausliefern. Obschon die AMD-Papiere einen fantastischen Lauf hatten, scheinen sie weiter eine Wette wert.


AMS

Nächste Woche wird es wieder spannend für AMS. Kommenden Mittwoch hat Apple zur Präsentation geladen. Erwartet werden gleich drei neue iPhones, und alle sollen die Face-Unlock-Technik beherrschen. Die österreichische AMS, deren Aktien an der Schweizer Börse gehandelt werden, liefert wichtige Komponenten für das Apple-System. Und doch lief es zuletzt nicht rund. Weil Grosskunde Apple in letzter Sekunde die Produktion umgestellt hat, war die Fabrikation von AMS nicht ausgelastet, was im zweiten Quartal für einen Verlust gesorgt hat. Zudem fehlt Investoren die Aussicht auf weitere, namhafte Gesellschaften, die auf die 3-D-Technik setzen.

Im Moment überprüft AMS alle Geschäftsbereiche wohl mit Blick auf Devestitionen, denn das Wachstum des Unternehmens basiert auf Schulden. Die Abhängigkeit von Apple könnte kurzfristig positive Impulse bringen, bleibt mittelfristig jedoch ein Problem für die Österreicher.


Intel

Dass es AMD in diesem Jahr so gut geht, liegt nicht zuletzt an Intel. Im Frühsommer hat der nach Samsung weltweit grösste Chiphersteller seinen CEO verloren, wegen der Beziehung zu einer Angestellten. Seither sucht das Unternehmen nach einer neuen Führungskraft. CFO Robert Swan hat interim übernommen. Aktuell dominieren die negativen Schlagzeilen: Bei Prozessoren für Mobilgeräte hat Intel die Führung anderen überlassen.

Zuletzt hat das Unternehmen wohl noch einen Auftrag für Apple-Geräte verloren. Die Produktion von 10-Nanometer-Chips verzögert sich. Rivalen gelingt der Einstieg in die neue Technologie besser. Auch das ein Novum. Bei Trendthemen wie künstliche Intelligenz oder autonomes Fahren liegen ebenso andere vorne. Die Intel-Papiere bewegen sich seit Anfang Jahr seitwärts. Bevor es keine Neuigkeiten zum CEO und einem möglichen Turnaround des Chip-Giganten gibt, wird sich das nicht ändern.


U-Blox

Der Handelsstreit zwischen USA und China erwischt U-Blox voll. Der Chipdesigner aus Thalwil am Zürichsee entwickelt Chipmodule für die Positionierung und die Kommunikation via Funk. Mietvelos beispielsweise enthalten solche Module, um die Position der Räder an die Zentrale durchzugeben. In der Region Asien-Pazifik fiel der Umsatz im ersten Halbjahr 20%. Die anderen Regionen konnten den Rückgang nur knapp kompensieren. Dort verzeichnet U-Blox zwar noch gutes Wachstum.

Doch im ersten Semester stieg der Umsatz insgesamt nur 2,6% auf 199 Mio. Fr. Die Umsatzerwartungen für das laufende Jahr hat das U-Blox-Management nach unten angepasst. Seit der Enttäuschung notieren die U-Blox-Aktien auf deutlich niedrigerem Niveau. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis 2019 liegt nur noch bei 19. Im Moment fehlen jedoch die Wachstumstreiber. Impulse könnte der Investorentag bringen, der für den 21. November angesetzt ist.

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