Meinungen

Straffen mit lockeren Zügeln

Notenbanken versprechen inzwischen zu viel, um die Angst vor der notwendigen geldpolitischen Normalisierung zu nehmen. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Andreas Neinhaus.

«Der Druck, sich gegen den Wind zu lehnen, wird in den kommenden sechs Monaten deutlich zunehmen.»

Die äusserst expansive Geldpolitik der meisten Zentralbanken verträgt sich immer weniger mit dem soliden Aufschwung der Weltwirtschaft. Mehr und mehr Stimmungsindikatoren fallen inzwischen so optimistisch aus wie in vergangenen Boomphasen. Aktienindizes notieren rekordhoch. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch die harten realwirtschaftlichen Daten kräftig anziehen.

Spätestens dann müssen die Zentralbanken den Fuss vom geldpolitischen Gaspedal genommen haben. Andernfalls besteht die Gefahr, dass sich der Zyklus überhitzt, mit unabsehbaren Auswirkungen in den nachfolgenden Jahren. Der Druck, sich gegen den Wind zu lehnen, wird in den kommenden sechs Monaten daher deutlich zunehmen.

Die Notenbanken haben diese Gefahr erkannt und beraten darüber, wie sie ihr am besten begegnen. Die Lage ist unübersichtlich, zum einen weil die Inflation immer noch vergleichsweise schwach ist, zum anderen weil viele Zentralbanken geldpolitisches Multitasking betreiben, das weit über die traditionelle Zinspolitik hinausreicht. Hier auszusteigen, verlangt viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl.

In Europa und den USA sucht man daher nach Richtgrössen. So wird auf den Gleichgewichtszins verwiesen. Er legt nahe, dass die Leitzinsen bereits am Optimum liegen und künftig nur noch leicht erhöht werden müssen. Ähnlich in der Frage sieht es für die Anleihenkäufe und die Überschussliquidität aus: Die Notenbanken sichern zu, sich so lautlos wie möglich zurückzuziehen.

Die geldpolitischen Zügel werden also gestrafft, aber sie sollen locker bleiben. Das beruhigt die Gemüter. Ob es sich mit Blick auf die Zukunft um die beste Strategie handelt, ist dagegen fraglich.