Wer denkt, Volvo habe zwar hübsche Familienautos, mit Sportlichkeit jedoch so viel gemeinsam wie Placido Domingo mit Eiskunstlauf, der irrt. Seit die Schweden ihre R-Modelle auf dem Markt haben, muss diese Meinung komplett revidiert werden. Das R steht nicht für Racing, sondern für Refinement, Verfeinerung, und soll die spezielle Stellung dieser Modelle in der Volvo-Palette markieren. Der S60 R und der V70 R sind mit dem stärksten Motor, den Volvo bisher baute, ausgestattet. Mit einer Leistung von 220 kW/300 PS und einem maximalen Drehmoment von 400 Nm von 1950 bis 5250/min gehört der R-Motor zu den Besten in Bezug auf die Literleistung. Ein neuer, schneller höheren Druck aufbauender Turbolader ist Grundlage der Verbesserung.
Volvo baut seit Jahrzehnten Turbomotoren, die in allen Baureihen zum Einsatz kommen. Doch in so hohe Gefilde haben sich die Ingenieure bisher nicht gewagt. Es muss wohl der Drang der Kunden nach mehr Leistung sein, der Volvo dazu anspornte, im Chor der Hochleistungsautomobile mitzusingen. Dass die Schweden nicht gleich die höchsten Töne anschlagen, sie dafür auf Anhieb treffen, ist typisch. Diskret streben sie nach Perfektion und kommen ihr mit jedem neuen Modell etwas näher.
Weil Volvo vor rund zehn Jahren auf Frontantrieb umgestellt hat, wurde der Einsatz von Hochleistungsmotoren in ihren Modellen – wie für alle anderen Fronttriebler – problematisch. Vorderräder, die lenken und Kraft übertragen müssen, verlieren in Kurven eher die Bodenhaftung als Hinterräder, die nur Kraft übertragen. Folglich kommen die Ingenieure nicht um den Vierradantrieb herum, wollen sie sportliche Familienlimousinen sicher fahrbar machen.
Passive Sicherheit steht für Volvo seit Jahrzehnten zuoberst auf der Anforderungsliste – mit erheblichem Erfolg. Die S60-R-Limousine, die wir fuhren, überzeugte auf Anhieb mit ihren ausgesprochen guten Fahreigenschaften, also mit hoher aktiver Sicherheit. Zwar schiebt die Limousine in schnell angegangenen Kurven leicht über die Vorderräder (untersteuert). Das kann mit Gaswegnehmen einfach korrigiert werden. Die dadurch entstehende Lastwechselreaktion fällt so moderat aus, dass sie sogar als angenehme Hilfe empfunden wird. Denen, die sich verschätzen und zu schnell unterwegs sind, hilft die elektronische Stabilitätskontrolle, das Fahrzeug auf Kurs zu halten.
Wegen des leistungsfähigen Fünfzylinder-Reihenmotors passiert zu schnelles Anfahren von Kurven fast unbemerkt. Er spricht schnell auf Gasbefehle an und dreht willig hoch. Dank dem guten Drehmomentverlauf muss nicht immer der ideale Gang des Sechsganggetriebes eingelegt sein, um zum Beispiel zügig aus einer Kurve herauszufahren. Das, und die auf kürzeste Distanz schrumpfenden Überholmanöver sind wichtiger als die Beschleunigung. Die übliche Messdisziplin von 0 bis 100 km/h absolviert der S60 R in 5,7 s, die Geschwindigkeit wird bei 250 km/h abgeriegelt. Das ist keine hausbackene Familienkutsche, sondern eine familientaugliche Limousine für aktive Menschen, die Spass am Fahren haben.
Trotz dem «Frisieren» des S60 gingen seine übrigen Qualitäten nicht verloren. Das in nordisch kühlem Design gehaltene Interieur ist ergonomisch perfekt. Die Schalter und Knöpfe liegen da, wo sie gut erreichbar sind. Allerdings vermehren sie sich gleich wie in anderen Autos. Die immer umfangreicher werdenden Multimedia-Einrichtungen wollen schliesslich bedient werden, was ohne Tasten und Knöpfe kaum geht – ausser mit Spracheingabesystemen, die vorderhand nicht über alle Zweifel erhaben sind. Immerhin gibt’s im Volvo eine Fernsteuerung für die Navigation, mit deren Hilfe sich der Beifahrer um die Wegfindung bemühen kann.
Die Sitze sind enger konturiert, bieten ausgezeichneten Halt und entspanntes Reisen auch auf langen Strecken. Dazu kommt das so genannte Four-C-Fahrwerk. Seine Steuerung regelt in Sekundenbruchteilen elektronisch die Kraftübertragung von vorne und hinten und die Härte der Stossdämpfer. So werden Nick- und Wankbewegungen sowie die Seitenneigung der Karosserie in engen Grenzen gehalten, ohne den Komfort zu beeinträchtigen. Lediglich in niederen Geschwindigkeiten sollte der S60 R Schlaglöcher besser absorbieren. Eine rumplige Innerortsstrasse gerät bald zu einer Schüttelpartie. Dank der hohen Fertigungsqualität entstehen keine störenden Knack- und Knirschgeräusche. Volvo darf sich mit Fug und Recht zu den Premiumherstellern zählen.
Die Mehrleistung fordert einen hohen Preis. Der S60-R-Motor verbrennt im Schnitt rund 12l Benzin auf 100km, und die Reifen halten weniger lang. Das erhöht die Betriebskosten. Die technische Aufrüstung vom S60 2.5 T AWD zum R schlägt mit 23550 Fr. zu Buche. Der stärkste Volvo kostet ab 71500 Fr. Dafür ist er so reichhaltig ausgestattet, dass aus der Liste der Extras lediglich noch etwa 10000 Fr. dazu kommen können. Das Wichtigste – wie heizbare Ledersitze, automatische Klimaanlage, Memory-Sitz für den Fahrer, elektrische Fensterheber, Audioanlage mit CD-Spieler u.a.m. – gehört dazu. Ausserdem sind Service während zehn Jahren und Reparatur während dreier Jahre oder jeweils 100000 km gratis. Der Volvo S60R ist kein Billigangebot, aber eines, das Liebhaber starker Autos in die engere Wahl ziehen sollten.Guy Walder Dieser Text ist für Abonnentinnen und Abonnenten reserviert. Digital 5 Wochen ab CHF 20.– Jetzt testen Bereits abonniert?