Meinungen

Südafrika zwanzig Jahre nach der Wende – Kater statt Party

Am 7. Mai wird in Südafrika das Parlament gewählt. Die schier endlose Geduld der schwarzen Südafrikaner mit ihren Befreiern geht allmählich zu Ende. Ein Kommentar von Wolfgang Drechsler.

Wolfgang Drechsler, Kapstadt
«An einem klaren Wahlsieg der früheren Widerstandsbewegung ANC besteht trotz Präsident Zumas Unbeliebtheit und der immer neuen Skandale der Regierung kein Zweifel.»

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Der Schriftsteller André Brink sprach von seiner südafrikanischen Heimat einst als einem Ort, an dem man beim Nachdenken über die Zukunft zunächst die eigenen Ängste überwinden müsse, so schwer dies auch sei. «Auf dem langen Weg, der vor uns liegt», schrieb Brink noch zu Zeiten der Apartheid, «geht es nicht um grosse Visionen, sondern vor allem um ein stilles Zutrauen in die Zukunft des Landes.» Wer die Vielfalt und Lebensfreude, aber auch die ethnische Zerrissenheit und die Geschichte des Landes kennt, wird diese Worte besser verstehen.

Spätestens seit dem Tod seines Gründervaters Nelson Mandela im vergangenen Dezember geht es am Kap nicht mehr darum, wie weit Südafrika seit den Tagen der Apartheid gekommen ist, sondern darum, was für ein Land der frühere Rassenstaat künftig sein wird. Neben der Trauer über Mandelas Hinschied hat zuletzt vor allem die Ungewissheit über die Zukunft die nationale Debatte dominiert. Viele Südafrikaner scheinen erst jetzt zu begreifen, dass die Abschaffung der Apartheid vor zwanzig Jahren der leichtere Teil des Umbruchs war – und dass zur Belohnung für diese historische Leistung nicht automatisch eine funktionierende Demokratie auf sie wartet, wie viele in der ersten Euphorie vermeint hatten. Als weit schwieriger hat es sich erwiesen, eine erfolgreiche Wirtschaft und effiziente Institutionen zur Abstützung des gesellschaftlichen Wandels aufzubauen.

Kriminalität und Korruption

Wenn Südafrika am Mittwoch, fast auf den Tag genau zwanzig Jahre nach der Vereidigung Mandelas zum ersten schwarzen Staatspräsidenten, zum fünften Mal an die Wahlurnen geht, werden die Schlangen wartender Menschen viel kürzer sein als damals. Viele Schwarze, vor allem der Generation der «Born Frees», die keine Erinnerung mehr an die Apartheid haben, glauben nicht mehr daran, dass ihre Stimme wirklich etwas bewirken kann. Dass dies so ist, liegt an der zunehmenden Machtarroganz des regierenden Afrikanischen Nationalkongresses (ANC), ferner auch daran, dass Südafrika mittlerweile in einer oft bedrückenden Normalität angelangt ist: Zwar ist die Bürgerkriegsgefahr von einst gebannt, doch hat das Land nun ganz andere Sorgen. Wie die Konkurrenten in Brasilien, Mexiko oder Russland wird auch Südafrika von hoher Kriminalität, scharfen sozialen Gegensätzen und einer überbordenden Korruption geprägt. Von der Regenbogennation, wo Gut über Böse triumphiert und Schwarz und Weiss gemeinsam in die Zukunft schreiten, ist es weit entfernt. Im Gegenteil: Statt an Mandelas Versöhnungspolitik festzuhalten, forciert der ANC nun mit rigiden Quoten einen oft umgekehrten Rassismus und diskriminiert offen die Weissen.

Die dadurch geweckten Ängste verdecken jedoch – genau wie die Verklärung der Zustände –, dass Südafrika in den vergangenen Jahren gelernt hat, ohne seinen Gründervater zu leben. Dass es dem ANC bislang nicht gelungen ist, die Verfassung nachhaltig zu unterminieren, verdankt das Land vor allem seiner lebendigen Bürgergesellschaft, besonders den kritischen Medien und der (noch) unabhängigen Justiz, darunter einer (schwarzen) Ombudsfrau, die bei der Aufdeckung politischer Missstände Grosses geleistet hat.

Auch ist die Opposition, vor allem die liberale Demokratische Allianz, die die Provinz Westkap mit der Metropole Kapstadt regiert, lebendiger und dynamischer, als viele glauben. Ganz langsam zerspringen auch die alten Rassenschablonen: Nicht nur unter den Weissen, sondern auch unter schwarzen Südafrikanern wächst der Unmut über die ständig neuen Korruptionsvorwürfe gegen Präsident Jacob Zuma, ebenso über seine schlechte Führung. An einem klaren Wahlsieg der früheren Widerstandsbewegung besteht jedoch trotz seiner Unbeliebtheit und der immer neuen Skandale der Regierung kein Zweifel. Dazu ist Mandelas ANC auch zwanzig Jahre nach seinem Machtantritt noch immer eine viel zu starke Marke.

ANC lebt vom Nimbus – wie lange noch?

Dass diese Marke jedoch zunehmend an Attraktivität verliert, hat der Tod Mandelas gezeigt. Vielen Bürgern ist durch die Trauer um den grossen Freiheitskämpfer und sein Erbe schmerzlich bewusst geworden, wie tief das Land unter seinen Nachfolgern in nur einer Generation gesunken ist. In Südafrika selbst herrscht zum zwanzigsten Jahrestag der ersten freien Wahl deshalb zwar ein gewisser Stolz auf die junge, fragile Demokratie, doch Festtagsstimmung, wie der ANC sie vorgaukelt, sucht man vergebens.

Bezeichnend dafür ist, dass Südafrika auf dem Demokratie-Index des britischen «Economist» zwar auf Platz 31 gleich hinter Frankreich rangiert, doch in der Bewertung der Zufriedenheit mit dieser Demokratie, wie sie der Global-Happiness-Index der Uno misst, nur abgeschlagen auf Platz 96 landet. Im Fall von Singapur ist das Bild genau umgekehrt: Trotz der dort weit schwächeren Demokratie sind die Bürger insgesamt viel glücklicher. Die Autoren der Studie erklären dies damit, dass die Bereitstellung öffentlicher Dienstleistungen wie im effizient regierten Singapur für viele Menschen weit wichtiger ist als das blosse Abhalten von Wahlen. Die immer häufigeren Proteste gegen die vielen inkompetenten Stadtverwaltungen am Kap sind ein klares Indiz dafür, dass die schier endlose Geduld der schwarzen Südafrikaner mit ihren Befreiern allmählich zu Ende geht.