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Meinungen

Südafrika braucht einen Neuanfang

Wolfgang Drechsler, Kapstadt
«Wie lange ein Nieder- oder Übergang dauern kann, zeigt ein Blick auf Simbabwe.»
Südafrika war einst ein Hoffnungsträger, doch Präsident Zuma richtet eine Verwüstung an. Die Wende zum Besseren wird herausfordernd sein. Ein Kommentar von Wolfgang Drechsler,

Seit dem Ende der Apartheid vor fast 25 Jahren galt Südafrika lange Zeit als Hoffnungsträger in einem Kontinent, der geprägt ist von tiefer Armut und politischer Stagnation. Ausser an der Versöhnungspolitik von Nelson Mandela, dem ersten schwarzen Präsidenten, lag dies vor allem daran, dass nur wenige Länder, die durch derart tiefe Umbrüche gingen, ihre Staatsfinanzen ähnlich gut in den Griff bekamen, wie dies Südafrika zunächst gelang. Das Tempo, mit dem die junge Demokratie damit an den Märkten Vertrauen schuf, wurde weltweit bewundert – und von den Ratingagenturen im Gegenzug mit immer besseren Noten belohnt.

Doch längst ist die Bewunderung für das friedliche Überwinden der Rassentrennung und die zunächst geschaffene wirtschaftliche Stabilität tiefer Ernüchterung über die jüngste Entwicklung des Landes gewichen. Unter dem 2009 in einer Palastrevolte an die Macht gelangten Präsidenten Jacob Zuma ist die fiskalische Disziplin komplett  in ihr Gegenteil verkehrt und Südafrika auf Ramschstatus hinabgestuft worden. Innerhalb von nur zehn Jahren hat sich der Anteil der staatlichen Schulden am Sozialprodukt mehr als verdoppelt.

Fassungslos schauen die Menschen am Kap aber auch auf die inzwischen völlig aus dem Ruder gelaufene Korruption. Der jüngste von Hunderten Vorwürfen gegen Zuma und seinen Afrikanischen Nationalkongress (ANC) übertrifft die schlimmsten Befürchtungen: Immer deutlicher zeigt sich, dass die eng mit dem Präsidenten verbandelte Unternehmerfamilie Gupta den südafrikanischen Staat quasi gekapert hat. Seit Monaten sind die Zeitungen randvoll mit Berichten über gekaufte Minister, veruntreute Gelder und illegal zugeschobene Staatsaufträge. Den Guptas wird vorgeworfen, den südafrikanischen Staat über ein undurchschaubares Netz eigener oder ihnen nahestehender Gesellschaften um Milliardensummen geprellt zu haben.

Ausländer im Sumpf der Korruption

Besonders besorgniserregend ist dabei, dass inzwischen immer mehr Tochtergesellschaften ausländischer Unternehmen wegen ihrer ausgesprochen engen Geschäftsbeziehungen zu den Guptas in Verruf geraten sind, darunter nun auch ausgerechnet die Unternehmensberater McKinsey und KPMG, die eigentlich für Transparenz im System sorgen sollen. McKinsey wird unter anderem bezichtigt, aus Geldgier einen äusserst lukrativen, aber auch ausgesprochen dubiosen Beratervertrag mit dem staatlichen Strommonopolisten Eskom geschlossen zu haben, an dem auch das eng mit der Gupta-Familie verbandelte Unternehmen Trillian partizipierte. Nach Angaben des südafrikanischen Wirtschaftsblatts Business Day, das die berechneten Gebühren als völlig überzogen anprangert, fordert Eskom von McKinsey und Trillian die Rückzahlung von umgerechnet 114 Mio. Fr.

KPMG wurde, neben vielen anderen Verfehlungen, zum Verhängnis, dass ehemalige Partner 2013 eine Einladung zu einer extravaganten Gupta-Hochzeit angenommen hatten (und offenbar illegal dafür umgeleitete Gelder später testierten). Allein damit wurde aus Sicht von Kritikern die gebotene Unabhängigkeit massgeblich verletzt.

KPMG und McKinsey sind nicht die Einzigen, die in den Strudel der Guptas und ihrer korrupten Praktiken geraten sind. Zuletzt hat die einst einflussreiche britische PR-Gesellschaft Bell Pottinger einen noch rascheren Niedergang erlebt. Sie hatte für die Guptas eine rassistisch aufgeladene Kampagne zum angeblichen «weissen Monopolkapital» entworfen, das Südafrika, so wurde suggeriert, im Würgegriff halte. Im Juli waren zudem die deutschen Unternehmen Software AG (SOW 47.095 1.2%) (SOW 40.935 0.45%) und SAP (SAP 98.45 1.13%) (SAP 95.69 0.25%) in Erklärungsnot geraten, ebenfalls wegen vermeintlicher Schmiergeldzahlungen an Gupta-Firmen. SAP wechselte daraufhin, wie zuletzt auch KMPG, quasi das komplette Management in Südafrika aus. McKinsey hat für die Zeit, in der nun eine interne Untersuchung läuft, einen Partner beurlaubt.

Eine Folge der immer neuen Skandale ist, dass Südafrika in der aktuellen Bewertung seiner internationalen Wettbewerbsfähigkeit durch das Weltwirtschaftsforum (Wef) gerade erst sagenhafte 14 Plätze nach unten gerutscht ist: Insgesamt liegt es in puncto Wettbewerbsfähigkeit inzwischen nur noch auf Platz 61 unter 137 Ländern und ist wegen der immer stärkeren politischen Unsicherheit selbst in Afrika inzwischen von Mauritius und Ruanda überholt worden. Sein einst gleichwertiger Schwellenmarktkonkurrent Indien rangiert derweil auf Platz 40. Besonders dramatisch ist – wenig erstaunlich –  der Einbruch von Südafrikas Standards im Bereich Bilanzprüfung. In dieser Kategorie ist das Land von einer Spitzenposition auf Platz 30 zurückgefallen.

Eine weitere Folge der chaotischen Politik ist zudem der Niedergang von Afrikas stärkster Volkswirtschaft, die sich seit der 2010 am Kap ausgerichteten Fussball-WM in stetem Sinkflug befindet. Nicht zuletzt wegen der unter  Zuma noch weiter verschärften Rassenquoten, die Unternehmen oft zwingen, Menschen allein wegen ihrer Hautfarbe, doch ohne die notwendige Ausbildung einzustellen, ist das Wachstum inzwischen auf kümmerliche 1% abgesackt. Unerfüllbare staatliche Vorgaben für den Minensektor drangsalieren diese wichtige Branche und gefährden gar ihr Überleben. Während  der Bergbau in Australien und  Brasilien floriert, hat sich sein Anteil an Südafrikas Wirtschaftsleistung wegen der ständigen staatlichen Gängelei seit der Jahrtausendwende halbiert. Nicht ein einziger südafrikanischer Goldförderer war im ersten Quartal 2017 noch profitabel.

Die meisten Ökonomen erwarten deshalb für die nächsten drei bis fünf Jahre einen allenfalls sehr langsamen Anstieg des Wachstums auf 2%, was aber kaum die Bevölkerungszunahme von 1,7% pro Jahr kompensieren würde. Dabei braucht Südafrika nach Ansicht der Weltbank über viele Jahre Zuwachsraten von mindestens 7%, um die anhaltend hohe Armut unter den 54 Mio. Südafrikanern (von denen rund 43 Mio. schwarz sind) auch nur ansatzweise zu reduzieren. Allein unter den schwarzen Jugendlichen haben zwei von drei keine Arbeit.

Trotz seiner katastrophalen Bilanz wäre es falsch, den Machiavellisten Zuma voreilig abzuschreiben. Obwohl schwer angeschlagen, hat sich der 75-Jährige als politischer Überlebenskünstler erster Güte erwiesen und Anfang August den bereits siebten Misstrauensantrag überstanden. So verfügt der Vater von mehr als zwanzig Kindern vor allem über die Unterstützung der traditionsbewussten Landbevölkerung. Auch versucht Zuma nach dem Vorbild der Kirchners in Argentinien seit längerem, seine noch dogmatischere Ex-Frau Nkosazana Dlamini-Zuma als Nachfolgerin zu küren. Er verspricht sich von der Mutter von vier seiner Kinder Schutz vor strafrechtlicher Verfolgung und die Aussicht auf eine Fortführung seiner dubiosen Geschäfte. Ob ihm dies gelingt, wird sich auf dem wichtigen ANC-Parteikongress im Dezember entscheiden, an dem ein neuer Parteichef bestimmt wird, der bei den Wahlen in zwei Jahren auch als Präsidentschaftskandidat antreten dürfte.

Ein Desaster für den ganzen Kontinent

Wie lange ein Nieder- oder Übergang dauern kann, zeigt ein Blick auf Südafrikas Nachbarland Simbabwe, wo Robert Mugabe (94) seit 1980 selbstherrlich und hochkorrupt herrscht – und dennoch von fast allen afrikanischen Staatschefs hofiert wird. Für den Kontinent ist der Ausfall des einstigen Hoffnungsträgers Südafrika ein Desaster, weil ihm nun genau die Wachstumslokomotive fehlt, die Asien mit China hat. Zumal Südafrika stets eine Sonderrolle in Afrika spielte, als dessen einziger Industriestandort, der ausländischen Investoren eine Basis bot für die Expansion auf dem Kontinent – einem potenziellen Wachstumsmarkt mit 1,2 Mrd. Menschen. Ohne Südafrika als Zugpferd ist es unwahrscheinlich, dass Afrika der überfällige Sprung in die Moderne gelingt.

Leicht wird die Wende zum Besseren nach den langen Jahren der Misswirtschaft nicht werden. Nach Zumas verheerender Präsidentschaft braucht Südafrika dringend einen Staatschef, der den Menschen, wie einst Mandela, eine neue Vision geben und Aufbruchstimmung verbreiten kann. Unter Mandela kämpfte das Land mühsam, aber am Ende doch erfolgreich für den Aufbau einer liberalen Demokratie. Im neuen Kampf geht es nun vor allem darum, diese grosse Errungenschaft vor der endgültigen Zerstörung durch Mandelas Nachfolger zu bewahren.

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Ein Kommentar zu «Südafrika braucht einen Neuanfang»

  • Jürg Brechbühl sagt: 11.10.2017 – 09:42 Uhr

    Der Artikel geht von einer falschen Prämisse aus. Zur Zeit als Nelson Mandela Präsident Südafrikas wurde, war er zwar Gallionsfigur des ANC, hatte aber weder mit dessen Realitäten etwas zu tun, noch hatte er darin etwas zu sagen. Der ANC war eine kommunistische Frontorganisation der Sovjets, mit dem Ziel, den Süden Afrikas zu erobern und zu kolonisieren. Er führte vom Ausland her Krieg gegen die gesamte südafrikanische Bevölkerung. Von den hiesigen Medien systematisch übergangen wurde die Tatsache, dass der ANC mindestes viermal soviel Schwarze meuchelte wie Weisse. Der ANC war zudem eine Stammesorganisation der Xhosa und führte Krieg gegen die Zulu.
    Im ganzen Gesehen hatte die südafrikanische Demokratie und Wirtschaft zur Zeit der ersten allgemeinen Wahlen 1994 keine rosigen Aussichten — ausser in der Berichterstattung der realitätsverleugnenden, von Alt-68ern beherrschten europäischen Medien.