Meinungen

Südafrikas Wirtschaft in Lebensgefahr

Das Land am Kap steckt in der tiefsten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten. Doch die Regierung lässt reformerischen Elan vermissen. Ein Kommentar von Wolfgang Drechsler.

Wolfgang Drechsler, Kapstadt
«Der Gang zum Internationalen Währungsfonds ist nur eine Frage der Zeit.»

Nach seinem heftigen Ausbruch in China hat das Coronavirus inzwischen die Volkswirtschaften fast aller Schwellenländer infiziert – mit zum Teil dramatischen Folgen. Kein anderes Land in dieser Gruppe war darauf ähnlich schlecht vorbereitet wie das seit Jahren heruntergewirtschaftete Südafrika. Vieles deutet nun darauf hin, dass die ­Pandemie Südafrikas Wirtschaft endgültig zerstört und eine tiefe, dauerhafte Finanzkrise entfacht hat, von der sich das Land ohne massive Hilfe von aussen kaum mehr erholen wird.

Die jüngste Herabstufung von Süd­afrikas Schulden auf Ramschniveau durch die Ratingagentur Moody’s hat denn auch nichts mit dem Virus, sondern allein mit dem wirtschaftlichen Chaos zu tun, das die Regierungspartei African National Congress (ANC) am Kap in den vergangenen zehn Jahren angerichtet hat. Seit der Fussball-Weltmeisterschaft 2010, die dem Land einen Entwicklungsschub hätte geben sollen, hat der ANC unter dem vorzeitig abgelösten Präsidenten Jacob Zuma (im Amt 2009 bis 2018) so viel Geld ver­untreut und mit seiner wirtschaftsfeind­lichen Politik so viele Investoren in die Flucht gejagt, dass die Staatskasse nun leer ist und kein Spielraum mehr für Stimuli und Hilfsprogramme besteht.

Enormes Haushaltsdefizit

Dies dürfte nicht nur die Mittelschicht schwer treffen, sondern es der Regierung unter Präsident Cyril Ramaphosa auch unmöglich machen, die bevorstehende humanitäre Krise zu schultern, die bereits jetzt weite Teile der fast 60 Mio. Menschen zählenden Bevölkerung erfasst hat.

Wegen der Ende März von der Regierung verhängten, extrem strikten Ausgangssperre und der dadurch verursachten Lähmung der gesamten Wirtschaft  dürfte die bereits zuvor extrem hohe Ar­beitslosenrate von derzeit fast 40% in Kürze auf rekordhohe 50% schnellen, was enormen sozialen Sprengstoff schafft und den Ausbruch politischer Unruhen begünstigt. Ebenso düster klingen die Wachstumsprognosen der Experten, die, wie etwa das Bureau for Economic Research in Stellenbosch, nach der Quasi-Stagnation in den vergangenen sechs Jahren für 2020 einen Einbruch der Wirtschaftsleistung um 10% erwarten. Sollte es tatsächlich dazu kommen, liesse sich das dadurch entstehende Haushaltsdefizit von rund 16% des Bruttoinlandprodukts nicht mehr am einheimischen Bondmarkt finanziert werden.  

Schon jetzt sind die Auswirkungen der finanziellen Kernschmelze auf das Erwerbsleben von Millionen Südafrikanern vielerorts erkennbar: Tausende von Kleinbetrieben, darunter in den Townships, aber auch im Tourismusgewerbe, sind vom Bankrott bedroht oder haben – wie Restaurants, Lebensmittelläden oder Verlagshäuser – bereits ihre Türen geschlossen, weil ihnen die finanzielle Reserven fehlen und der Staat nicht helfen kann.

Zeitgleich dürfte die Staatsverschuldung, die sich seit 2009 bereits mehr als verdoppelt hat, bis 2020 auf über 70% des Bruttoinlandprodukts steigen, allein schon weil die Wirtschaftsleistung des Landes ständig schrumpft. Längst ist Südafrika in eine brandgefährliche Schuldenspirale geraten und ist gezwungen, jedes Jahr immer höhere Zinsen auf seine hohen Verbindlichkeiten zu zahlen.  

Ebenso absehbar ist, dass der Gang zum Internationalen Währungsfonds nur eine Frage der Zeit ist. Damit werden Auflagen verbunden sein, so etwa tiefe Einschnitte im aufgeblähten Staatsapparat und die unverzügliche Abwicklung vieler maroder Staatsunternehmen, wogegen sich der linke Flügel des ANC wegen der befürchteten Aufgabe staatlicher Souveränität zur Wehr setzen wird.

In ihrer Not haben Staatschef Cyril Ramaphosa und der ANC es nun vielen anderen Industrieländern gleichgetan und ein umgerechnet rund 26 Mrd Fr. schweres Hilfsprogramm aufgelegt. Diese verzweifelt zusammengesuchten Mittel werden allerdings eher blindlings auf die tiefe Armut im Land geworfen – genau das hat in Südafrika noch nie den gewünschten Effekt erzielt, zumal es jenseits der Metropolen Kapstadt und Johannesburg kaum noch Verwaltungen gibt, die etwa für eine funktionierende Wasserversorgung oder die dringend benötigte Bereitstellung von Lebensmitteln sorgen könnten.

Aber auch in der Regierung um den ­zögerlichen Ramaphosa selbst mangelt es überall an Know-how, Realismus und vor allem dem notwendigen Mut zu unpopulären Entscheidungen, wie sie jetzt, in der tiefsten Wirtschaftskrise des Landes seit 1945, überfällig sind.

Um die in schwerste See geratene Wirtschaft vielleicht doch noch notdürftig zu stabilisieren, braucht Südafrika vor allem tiefe strukturelle Reformen des Arbeitsmarktes, namentlich einen flexiblen Mindestlohn. Auch muss alles unternommen werden, um das fast völlig geschwundene Vertrauen der Geschäftswelt zu beleben und wirtschaftliche Anreize für In- und Auslandinvestitionen zu schaffen. Bezeichnenderweise investieren südafrikanische Unternehmen derzeit mehr Geld im Ausland als daheim. Doch dazu müsste die Regierung zunächst ihre als «Voodoo Economics» – sozialistisch inspirierte Wirtschaftsvorstellungen mit strikten Rassenquoten und anderen Hemmnissen –  aufgeben (so, wie dies vor dreissig Jahren die letzte weisse Minderheitsregierung ­getan und damit dem Land unter Nelson Mandela den Neustart erleichtert hatte). Doch für einen solchen Befreiungsschlag gibt es derzeit kaum Anzeichen.

Auch beim nun dringend gebotenen schnelleren Ausstieg aus der strikten Ausgangssperre ist eine durchdachte Strategie nicht erkennbar. Stattdessen könnte die Regierung wegen des Aussetzens wesentlicher Bürgerrechte und der dauerhaften Gängelung das Wohlwollen der Menschen am Kap verspielen. Ein Indiz dafür sind die immer heftigeren Proteste in den Townships, wo viele Menschen ohne Einkommen und Ersparnisse inzwischen ums schiere Überleben kämpfen.

Günstige Altersstruktur

Schon deshalb wäre Südafrika gut beraten, dem Westen nicht nur in der Verhängung der Ausgangssperre, sondern nun auch in der Öffnung der Gesellschaft zu  folgen, so, wie die Schweiz, Österreich oder Deutschland sie gerade versuchen. Zumal der wirtschaftliche Schaden den gesundheitlichen bereits jetzt bei weitem übertrifft. Mit rund 7500 Infektionen und 150 Coronatoten ist Südafrika mit ­seiner vergleichsweise günstigen Altersstruktur (Durchschnittsalter 27 Jahre) meilenweit von italienischen oder spanischen Verhältnissen entfernt.

Mehr als jedes andere Schwellenland wird deshalb gerade Südafrikas Regierung  darauf achten müssen, am Ende nicht einen klassischen Pyrrhussieg über das ­Virus zu erringen, bei dem die Verluste die vermeintlichen Gewinne mehr als auf­wiegen und am Ende sogar die Volkswirtschaft dauerhaft zerstört sein könnte.