Unternehmen / Schweiz

Sulzer manövriert geschickt durch die Krise

Analyse | Der Bestellungseingang sinkt vergleichsweise bescheiden, und die Kosten sind dank frühzeitiger Massnahmen unter Kontrolle.

Im dritten Quartal hat sich der Auftragseingang der Industriegruppe Sulzer stärker zurückgebildet als im ersten Halbjahr. Doch der Rückgang ist insgesamt klar geringer als bei vielen anderen Industrieunternehmen. Und obwohl Sulzer stark der Öl- und Gasbranche ausgesetzt ist, kamen von dieser Seite in der Neunmonatsperiode organisch gar mehr Aufträge herein als im Vorjahreszeitraum.

Zeigte der Bestellungseingang Ende Juni noch einen Rückgang um 4,8%, waren es Ende September –8,5% auf 2614 Mio. Fr. Organisch – also währungs- und akquisitionsbereinigt – werden gar nur –0,6 und –3,6% ausgewiesen.

Harter Franken belastet nur bedingt

Der Währungseffekt spielte vor allem im zweiten und im dritten Quartal eine bedeutende Rolle. Im Semester machte er 4,2 Prozentpunkte aus, in der Neunmonatsperiode waren es 4,9 Prozentpunkte.

Im dritten Quartal betrug der Währungseinfluss bereits 6,1 Prozentpunkte. Da Sulzers Kosten in Franken niedrig sind – es gibt nur noch eine kleine Produktionsbasis in der Schweiz –, schlägt die Frankenstärke kaum auf die Marge durch.

Noch immer glimpflich

Der Auftragseingang im dritten Quartal sank in Franken 16%, organisch waren es 9,9%. Auch das sind vergleichsweise robuste Werte.

Sulzer profitiert dabei vom hohen Anteil des sogenannten After-Sales-Geschäfts, also der Wartung, des Verkaufs von Ersatzteilen und Installationsarbeiten. Es weist einen viel stabileren Verlauf auf als das Neugeschäft. CEO Greg Poux-Guillaume beziffert den Anteil dieses Geschäfts auf 45% des Umsatzes.

Der Tiefpunkt wurde in den Divisionen Pumps Equipment und Rotating Equipment Services im Juli und August erreicht, im September setzte eine Erholung ein, die im Oktober weiterging. Chemtech konnte im dritten Quartal das Vorjahresniveau halten, trotz niedrigen Aktivitäten in den Monaten Juli und August. Geholfen hat hier die spürbar höhere Nachfrage aus China.

Applicator Systems auf Erholungskurs

Den grössten Rückgang im Bestellungsaufkommen musste die kleinste Division, Applicator Systems, hinnehmen, doch zeigten sich im dritten Quartal deutliche Erholungsanzeichen. Betrug das Minus Ende Juni organisch 27,3%, waren es Ende September noch 19,8%. August und September waren höher als vor Jahresfrist.

Applicator Systems ist eine noch junge Division innerhalb von Sulzer. Sie baute auf dem angestammten Dispensergeschäft auf – wozu etwa Leimpistolen zählen. Über diverse Akquisitionen kamen Dispenser für dentalmedizinische Anwendungen dazu sowie Schminkutensilien, Letztere werden mit den gleichen Fabrikationsprozessen hergestellt wie die Dispenser.

Vor allem das Schminkutensiliengeschäft kam im Lockdown unter Druck, weil die Läden geschlossen blieben und die Nachfrage zurückging. Ausgehmöglichkeiten waren beschränkt, frauliches Aufhübschen daher auf den häuslichen Bedarf beschränkt.

Medtech-Anteil steigt

Applicator Systems wurde per Anfang Oktober mit dem deutschen Hersteller von Injektionssystemen Haselmeier ergänzt. Auch dessen Produkte werden im Spritzgussverfahren hergestellt, was Synergien schaffen soll.

Bis 2025 soll sein Umsatz von 35 auf 100 Mio. €, die Ebitda-Marge von 15 auf 30% erhöht werden. Dabei soll unter anderem die weltweite Präsenz von Applicator Systems zur Verkaufsförderung genutzt werden. Expansionsmöglichkeiten sieht Poux-Guillaume unter anderem im schnell wachsenden Markt für Biosimilars.

Vorausschauend gehandelt

Im Frühling, kurz nach dem Lockdown, hatte Sulzer ein Kostensparprogramm und eine Kapazitätsreduktion in den Bereichen, die auf die Energiemärkte ausgerichtet sind, angestossen. 60 Mio. Fr. an Kosten sollten eingespart werden. Bis Ende September waren 45 Mio. Fr. davon umgesetzt. Kapazitätsreduktionen sollen zu 70 Mio. Fr. weniger Kosten führen, was aber grösstenteils erst in der Erfolgsrechnung von 2021 Wirkung entfaltet.

Die Kapazitätsreduktionen erlauben es Sulzer, Aufträge selektiver anzunehmen und grösseres Gewicht auf die Profitabilität zu setzen. Die jetzt hereingenommenen Orders wiesen eine um 0,8 Prozentpunkte höhere Marge auf, unterstreicht Poux-Guillaume.

Margenprognose unverändert

Sulzer profitiert vom hohen Anteil an After-Sales-Geschäft, von den frühzeitig initiierten Kapazitätsreduktionen und dem Kostensparprogramm. Das alles soll dazu beitragen, den Gewinnrückschlag im laufenden Jahr in Grenzen zu halten und 2021 wieder eine operative Betriebsmarge (opEbita) zu erreichen wie vor der Pandemie, also etwa 10%, wie es 2019 der Fall war.

Im laufenden Jahr sollen es 8,5 bis 9% sein; diese Prognose hat das Unternehmen schon im Sommer gestellt. Neu wird auch für Umsatz und Bestellungseingang eine Guidance abgegeben. Im Gesamtjahr sieht Sulzer organisch einen Umsatzrückgang um 5% voraus und einen Rückgang im Bestellungseingang von 3 bis 4%.

Die Aktien von Sulzer haben seit Mitte September 18% verloren und notieren jetzt wieder so tief wie letztmals Mitte Juni. Der recht robuste Geschäftsgang und die vorausschauenden Kostenmassnahmen wirken stabilisierend auf die Profitabilität.

Aktien wieder kaufenswert

Zwar steigen nun wieder die Risiken rund um Covid-19, doch trifft dies vor allem für Europa zu. In Nahost und Asien, wo Sulzer gut präsent ist, setzt sich der Aufschwung – Stand heute – fort, was die Einbussen in Europa, vor allem im Industriesektor, eindämmen wird.

Der um Einmalkosten bereinigte Gewinn pro Aktie sollte 2021 mindestens etwa 5 Fr. erreichen (2019: 6.10 Fr.), wenn sich Sulzers Projektionen einigermassen erfüllen. Daraus errechnet sich ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 13. Das ist ein niedriger Wert, entsprechend sind die Titel jetzt wieder kaufenswert.

Leser-Kommentare