Zum Thema: Schuldenfaktor gewinnt an Bedeutung

Syngenta: Gefahr aus China

Der Basler Konzern muss helfen, ChemChinas Schuldenlast zu tragen.

Dem Basler Agrochemiekonzern Syngenta ist es vergangene Woche geglückt, Bonds im Umfang von 4,75 Mrd. $ zu platzieren. Das Orderbuch soll mehr als viermal überzeichnet gewesen sein – was aufhorchen lässt, angesichts der Schuldenlast von Syngenta und ihrem Besitzer ChemChina.

Der Fall zeige, dass «nach wie vor Hunger nach Rendite da ist», erläutert Thomas Isler, der zuständige Analyst beim Bonitätsinstitut Independent Credit View (I-CV). Er fügt an, mit der Dollar-Emission über die ganze Zinsstrukturkurve und mit dem Marketing in Asien sei auch das Investorenuniversum vergrössert worden. Das Angebot von Syngenta war aufgeteilt in sechs Tranchen, von zweijährigen bis zu dreissigjährigen Laufzeiten.

Der Erlös soll dazu dienen, Schulden von Syngentas neuem Besitzer abzulösen. ChemChina übernahm 2017 den Basler Agrochemiekonzern für 43 Mrd. $, der Deal war fast vollständig fremdfinanziert. Nun bürden die Chinesen einen Teil der Übernahmekosten ihrem Übernahmeobjekt auf: ein Vorgehen, das Private-Equity-Investoren gern anwenden.

Problematisch sind die Schuldenrelationen: Unter Berücksichtigung der jüngsten Bondaufnahme, der Übernahme des Saatgutanbieters Nidera, einer Strafzahlung für eine US-Sammelklage und hängiger Rechtsfälle erwartet Isler von I-CV, dass die Nettoschulden von Syngenta auf 9,1 Mrd. $ steigen. Das wäre das 3,5-Fache des Betriebsergebnisses auf Stufe Ebitda – ein Wert ab 3 wird allgemein als kritisch angesehen. Noch bedrohlicher wirkt die Lage von ChemChina: Nach den Zahlen von 2016 betrugen die Nettoschulden 23 Mrd. $ oder das 7-Fache des Ebitda, wobei Isler davon ausgeht, dass die Schulden und die Verschuldungsratio im vergangenen Jahr weiter zunahmen.

Im Rahmen der Übernahme hatte Syngentas Finanzchef Mark Patrick gesagt, der Agrochemiekonzern wolle ein Investment-Grade-Rating beziehungsweise eine anlagewürdige Bonität beibehalten. Die Ratingagentur Moody’s hat die Bonitätsnote für Syngenta inzwischen aber auf Ba2 und damit auf Ramschniveau gesenkt. Bei den Agenturen Standard & Poor’s und Fitch liegt das Rating zwei bis drei Stufen höher – so grosse Differenzen in der Benotung sind selten zu sehen.

Sie erklären sich mit dem unterschiedlichen Mass an Unterstützung, das einberechnet wird: In den höheren Bonitätsnoten von Standard & Poor’s und Fitch spiegelt sich die Erwartung, dass Syngenta in finanzieller Not auf Hilfe des Staatsbetriebs ChemChina resp. des dahinter stehenden Staats China zählen kann.

Auch in anderen Fällen wird gern angenommen, dass China schlimmstenfalls eingreifen würde. Die Frage bleibt offen, inwieweit das realistisch ist. Die Verschuldung im Reich der Mitte ist seit der Finanzkrise stark gestiegen. Das gilt insbesondere für die Unternehmensschulden. Platzt hier einmal eine Blase, wird der Staat kaum überall dort, wo es die Investoren von ihm erwarten, Unterstützung leisten können.

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