Unternehmen / Ausland

Taiwan – bald Asiens neue Schatzinsel?Politisches Tauwetter zwischen Taipeh und Peking – Gespräche über Rahmenabkommen zur Kooperation – Wachstumschance für Taiwans Wirtschaftskapitäne

Thomas Pentsy

Thomas Pentsy

Nur 1800 Meter trennen an der engsten Stelle die Volksrepublik China von der Republik China. Jahrzehntelang aber bildete die Strasse von Formosa eine schier unüberwindbare Meerespassage, die das chinesische Festland von Taiwan abgrenzte. Rhetorisches Säbelrasseln – und mitunter schlimmer auch Raketen – schienen in den frostigsten Tagen des Kalten Kriegs ausser Schmugglern zeitweise das Einzige zu sein, das seinen Weg über die Meerenge fand. Doch nach gut sechzig Jahren mehr oder weniger diplomatischem Eiszeitklima kommt es nun zusehends zu einem verstärkten wirtschaftlichen Brückenschlag über die 180 km breite Wasserstrasse. Die Kapitalverbindungen zwischen Peking und Taipeh sollen künftig ausgebaut werden. Unter anderem soll der Finanzdienstleistungssektor für gegenseitige Investitionen zugänglich gemacht werden.

Das Eis schmilzt

Seit die Kuomintang (KMT) 2008 in der Inselrepublik die Parlamentswahlen und ihr Kandidat Ma Ying-jeou auch die Präsidentschaftswahlen gewannen, stehen sich Taiwan und die Volksrepublik auf offizieller Ebene näher als je zuvor seit Ende des Bürgerkriegs 1949. Der Sieg der KMT war eine historische Wende zumindest in Wirtschaftsbelangen, denn die Frage nach Taiwans rechtlichem Status quo – bis heute ungeklärt – bleibt in beiden Lagern derzeit unangetastet. Nach Jahren der mitunter verbalen Fehltritten unter Taiwans früherem Präsidenten Chen Shui-bian, einem Vertreter der Democratic Progressive Party (DPP), machen sich jetzt beiderseits Hoffnungen breit auf einen goldenen Handschlag zwischen Ma Ying-jeou und Chinas Staatspräsidenten Hu Jintao noch im laufenden Jahr.

Der Zeitpunkt dazu wäre geschichtsträchtig: Am 1. Oktober feiert die Volksrepublik China ihren 60. Geburtstag – oder anders ausgedrückt: Den Sieg von Mao Tse-tungs Kommunistischer Partei Chinas über Chiang Kai-sheks Kuomintang. Neun Tage später gedenkt man in Taiwan dem Tag der «Doppelten Zehn», dem Jahrestag der Revolution vom 10. Oktober 1911, die zum Sturz der korrupten Ch’ing-Dynastie der Mandschus und zur Gründung der Republik China geführt hatte. Aktien statt Kanonen – heisst nun aber die neue Losung auf dem diplomatischen Parkett: Im Oktober werden die Verhandlungen zum Economic Cooperation Framework Agreement (ECFA) starten, zum Rahmenabkommen für eine wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen den beiden China. Überkreuzbeteiligungen in der Finanzindustrie werden dabei ebenso diskutiert wie die vermehrte Zulassung von chinesischen Kapitalflüssen und Direktinvestitionen in Taiwan. Im Vorfeld dessen gab es diesen April bereits eine historische Investitionsankündigung. Als erstes von Peking kontrolliertes Unternehmen seit Ende des Bürgerkriegs will China Mobile auf der Insel investieren. Der weltgrösste Mobilfunkkonzern beteiligt sich mit 12% am Branchennachbarn Far Eastone Telecommunications. Auch im Tourismusbereich wird seit diesem Jahr die Zusammenarbeit erheblich intensiviert.

Die Lehren aus Hongkong

Taiwans Wirtschaft war bisher sehr protektionistisch. Was auf offizieller Ebene jetzt ins Rollen kommt – eine engere Anbindung von Taiwan an die Festlandwirtschaft –, weckt daher auch Hoffnungen, Hongkongs «China-Story» werde sich im Zuge einer Liberalisierung in Taiwan und an der Börse Taipeh wiederholen. Als Hongkong Anfang 2004 mit Peking das Closer Economic Partnership Arrangement (Cepa) vereinbarte – ein Freihandelsabkommen, in dem die Volksrepublik die Abschaffung von Importzöllen für eine grosse Anzahl von Waren aus der Sonderverwaltungszone garantierte –, stieg der Hang-Seng-Index in den folgenden sechs Monaten etwa 40%. Auf Sicht von vier Jahren waren es gar mehr als 200%. In Taipeh hat der Taiex dieses Jahr 48% gewonnen.

Ist Taiwan also bald schon Asiens neue Schatzinsel? Die Börse Taipeh ist im Regionalvergleich wohl einer der anfälligsten Aktienmärkte für eine allfällig spekulative Blasenbildung. Gefährdet vor allem deshalb, weil das Beispiel Hongkong zeigt, dass solch wirtschaftliche Annäherungen länger brauchen, als es die Börse in ihrem Euphorieschub jeweils vorwegnimmt. In der Sonderverwaltungszone warten die Anleger beispielsweise noch heute auf den sogenannten Through Train, der vor ungefähr drei Jahren angekündigt wurde. Dieses Programm hätte chinesischen Privatanlegern erlaubt, erstmals direkt in Hongkong Aktien zu kaufen.Bisher sind auch weit weniger institutionelle Gelder aus China nach Hongkong geflossen als erwartet. Dennoch: Hongkongs Wirtschaft hat im Grossen und Ganzen nur profitiert von der Integration mit China – und der Chinafaktor dürfte auch Taiwan aus seiner Wachstumsstarre lösen und dazu beitragen, dass sich dem Inselstaat dank neuen Expansionsfeldern einerseits und chinesischen Direktinvestitionen andrerseits neue ökonomische Perspektiven eröffnen.Wirtschaftlich verzahnt sind die beiden Chinas schon länger. Taiwans Handelsvolumen mit der Volksrepublik betrug 2008 etwas mehr als 120 Mrd. $. China ist damit der wichtigste Handelspartner. Seit 1991 haben taiwanesische Unternehmen auf dem Festland auch für mehr als 100 Mrd. $ Direktinvestitionen vorgenommen. Im Rahmen von ECFA sollen solche Investitionen erleichtert und Handelsbarrieren teilweise abgebaut werden.

Die Profiteure

Nutzniesser dieser Entwicklungen sind taiwanesische IT-Riesen wie Hon Hai und Acer oder Konglomerate wie die Formosa Plastics Group und die Far Eastern Group. Diese Konzerne haben schon beträchtlich in China investiert, ihr Wachstumspotenzial wurde da bisher aber durch die bestehenden Handelshemmnisse zurückgebunden. Vor zehn Jahren unterstützten Taiwans Grossunternehmen oft noch die DPP. Doch die DPP und Präsident Chen hatten es in ihrer Regierungszeit verpasst, längst notwendige Wirtschaftsreformen voranzutreiben und einen besseren Zugang zum China-Markt zu eröffnen. Diese Versäumnisse ermöglichten der Kuomintang 2008 die Rückkehr an die Macht.

Dass sich Taiwans Wirtschaftskapitäne nun stärker nach China ausrichten, ist teilweise durch ihre Vita bedingt. Spitzenmanager wie Morris Chang (TSMC) stammen vom Festland oder sind wie Douglas Hsu (Far Eastern Textile) und Terry Guo (Hon Hai) Nachkommen der 1949 zusammen mit der KMT nach Taiwan geflüchteten Unternehmer der ersten Generation (vgl. Portraits). Im Westen sind diese Entrepreneure oft unbekannt – vor allem deshalb, weil Taiwans Top-Unternehmen sich vielfach auf das «gesichtslose» Geschäftsmodell der Auftragsproduktion für Dritte spezialisiert haben, die sich nicht direkt an Endkunden richtet, der die Insel aber ihren Wohlstand verdankt. Sie alle haben auf lange Sicht einen erheblichen Mehrwert für Aktionäre erwirtschaftet – und eine bessere Kooperation zwischen Taipeh und Peking dürfte ihnen die Fortsetzung ihrer Erfolgsgeschichte erleichtern.

Der ganze Text ist für Abonnentinnen und Abonnenten reserviert. Abonnieren Bereits abonniert?