Meinungen

Technologische Innovation für Finanzgeschäfte

Die Finma will die Nutzung neuer Technologien im Finanzgeschäft erleichtern. Ihre Massnahmen gehen allerdings nicht weit genug. Ein Kommentar von Philippe Braillard.

Philippe Braillard
«Die Risiken, die mit dem Ausbau des grenzüberschreitenden Geschäfts verbunden sind, würden deutlich reduziert. »

Die Initiativen, die die Finma jüngst ergriffen hat, um die Nutzung der neuen Technologien im Finanzgeschäft zu erleichtern, sind zu begrüssen. Es geht um Verfahren zur Identifizierung der Kunden über Video, die Möglichkeit für im Fintech-Bereich tätige Start-ups, ihre Dienstleistungen in einem praktisch nicht reglementierten Rahmen zu testen (Sandbox), oder die Bereitstellung einer Fintech-Lizenz, für die weniger strikte regulatorische Auflagen gelten als für eine vollständige Banklizenz.

Die Finma sollte jedoch nicht auf halbem Wege stehen bleiben. Statt sich wie heute darauf zu beschränken, die technologische Innovation zu begleiten, sollte sie neue Initiativen in die Wege leiten – vor allem in der präventiven Aufsicht.

Voraussetzung dafür wäre eine enge Zusammenarbeit mit der Finanzbranche zum Aufbau einer Infrastruktur, mit der die schweizerischen Finanzakteure dank den neuen Technologien ihr Geschäft effizienter und sicherer betreiben könnten.

Nationale Datenbank

Das Beispiel von Singapur könnte wegweisend sein. Die Behörden dieses Landes haben sich verpflichtet, in enger Zusammenarbeit mit der Finanzbranche ein auf Innovation und Fintech beruhendes Smart Financial Center aufzubauen.

Kürzlich hat Ravi Menon, der Chef der Monetary Authority of Singapore (MAS), an einer grossen Fintech-Konferenz die Schaffung einer nationalen Datenbank angekündigt, mit der Kunden von Finanzinstituten präzise und sicher identifiziert werden können (National KYC Utility).

Von einigen wenigen Dienstleistungsanbietern zur Sicherstellung eines besseren Informationsaustauschs zwischen Finanzinstituten bereitgestellte Datenbanken (KYC Utilities) gibt es zwar bereits, doch decken diese Instrumente nur eine begrenzte Anzahl von Partnern ab.

Mit dem Projekt von Singapur ergreift zum ersten Mal eine nationale Regulierungs- und Aufsichtsbehörde die Initiative, eine Infrastruktur zu schaffen, die sämtliche Institute eines Finanzplatzes erfasst.

Damit wird offensichtlich einem Bedürfnis praktisch aller Akteure der Branche entsprochen. Dies geht insbesondere aus einer vor kurzem von LexisNexis Risk Solutions im Finanzsektor bei rund 300 Compliance Officers zur Bekämpfung der Geldwäscherei durchgeführten internationalen Umfrage hervor: Alle haben grosses Interesse an der Schaffung einer globalen Datenbank zur Kundenidentifizierung bekundet.

Innovationsförderndes System

Die Infrastruktur, die in Singapur entstehen wird, ist einer der Bausteine eines innovationsfördernden Systems. Sie wird den singapurischen Finanzinstituten die – oft komplexe und kostspielige – Identifizierung und Authentifizierung sehr erleichtern, zu der sie verpflichtet sind. Dadurch werden sie vor allem ihrer Sorgfaltspflicht effizienter nachkommen und so die Geldwäscherei- und Korruptionsrisiken verringern können.

Die Finanzinstitute könnten diese zentralisierte Datenbank beispielsweise konsultieren, um sich zu vergewissern, dass einem potenziellen Neukunden das Konto nicht bereits bei einem anderen Institut des Landes geschlossen wurde. Die Risiken, die mit dem Ausbau des grenzüberschreitenden Geschäfts verbunden sind, würden deutlich reduziert.

Dies ist der Grund, weshalb eine solche Initiative ein unbestrittener Beitrag der Behörden zur präventiven Aufsicht über die Finanzintermediäre und somit zur Verbesserung der Reputation und zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit eines Finanzplatzes ist.

Präventive Aufsicht

Liesse sich die Finma von dieser Initiative inspirieren, würde sie damit der Forderung nach einem Ausbau der präventiven Aufsicht entsprechen, die ihr Direktor Mark Branson an der Jahresmedienkonferenz im April zu Geldwäschereirisiken vorgebracht hatte. Einige der für die Schaffung einer schweizerischen KYC Utility notwendigen Massnahmen würden unter Umständen eine Anpassung bestimmter bestehender gesetzlicher Grundlagen erfordern.

Allerdings wäre dies kein unüberwindbares Hindernis. Dieser Ausbau der präventiven Aufsicht wäre – neben den repressiven Massnahmen, die der Finma zur Verfügung stehen (Enforcement) – noch wertvoller, wenn er mit einer Intensivierung der Bemühungen einhergehen würde, den beaufsichtigten Instituten präzisere Weisungen zu den Risiken des Ausbaus des grenzüberschreitenden Geschäfts und zur guten Geschäftspraxis zu geben.

Diese Initiative würde sich zudem hervorragend mit den strategischen Zielen decken, die sich die Finma für den Zeitraum 2017 bis 2020 gesetzt hat.