Meinungen

Terra incognita

Die amerikanische Notenbank beginnt mit dem Abbau ihrer gigantischen Bilanz. Was damit auf Investoren zukommt, lässt sich kaum abschätzen. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Christoph Gisiger.

«Die Zentralbanken sind weit in unerforschtes Terrain vorgedrungen. Ebenso unbekannt ist der Rückweg zur Normalität.»

Das Federal Reserve läutet eine neue Ära in der Geldpolitik ein. Im Zug der Finanzkrise hat die amerikanische Notenbank in einer beispiellosen Rettungsaktion die Zinsen auf null gesenkt und versucht, die Wirtschaft zusätzlich mit milliardenschweren Wertschriftenkäufen zu stimulieren.

Jetzt beginnt der Abbau dieser Anlagen. Wie Fed-Chefin Janet Yellen diese Woche angekündigt hat, wird die mächtigste Zentralbank der Welt ab Oktober ihre Bilanz verkürzen. Zudem steht Ende Jahr eine weitere Zinserhöhung im Raum, nachdem Yellen die Geldpolitik seit Ende 2015 bereits vier Mal gestrafft hat.

Auf die Finanzmärkte kommt damit Einiges zu. Das Fed hat Investoren zwar gut auf den Bilanzabbau eingestimmt und wird sich zunächst nur in kleinen Schritten vorwagen, doch mit ihren unkonventionellen Stimulusmassnahmen sind die Zentralbanken weit in unerforschtes Terrain vorgedrungen. Ebenso unbekannt ist daher der Rückweg zur Normalität, wie der frühere Fed-Gouverneur Randall Kroszner im Interview warnt.

Die Stimmung an den Börsen ist zu Beginn dieses Abenteuers erstaunlich locker. Seit der Finanzkrise haben die Währungshüter stets versichert, dass ihre Experimente sich positiv auf die Finanzmärkte auswirken. Nun, da diese Eingriffe rückgängig gemacht werden sollen, ist jedoch kaum etwas von negativen Folgen zu hören.

Gerade in den USA jagen Aktien von Rekord zu Rekord. Grössere Kursschwankungen sind nahezu inexistent, und die hohen Bewertungen lassen sich nur rechtfertigen, wenn alles gut gehen wird. Viele Investoren sind sich dessen zwar bewusst, wollen die Party aber nicht zu früh verlassen. Dies im Glauben, sie könnten rechtzeitig aussteigen, wenn es brenzlig wird. Die Geschichte lehrt jedoch, dass dies meist nicht einmal den cleversten Profis an Wallstreet gelingt.