Meinungen

Terra incognita

Die konventionelle Geldpolitik der Notenbanken ist längst ausgeschöpft. Sollte sich die Weltwirtschaft nun abkühlen, werden sie noch unkonventioneller experimentieren müssen. Ein Kommentar von FuW-Chefredaktor Mark Dittli.

«Was haben Yellen, Kuroda, Draghi, Carney und Jordan gemeinsam? Sie haben noch nie die Zinsen erhöht.»

Janet Yellen, Mario Draghi, Haruhiko Kuroda, Mark Carney, Thomas Jordan: Was haben die Vorsitzenden der mächtigsten Notenbanken gemeinsam? Sie alle haben in ihrem Amt noch nie die Zinsen erhöht. Nie.

Besser lässt sich nicht veranschaulichen, in welch abnormalen Zeiten sich Weltwirtschaft und Finanzmärkte befinden. Sieben Jahre sind seit dem Höhepunkt der Finanzkrise vergangen und sechs Jahre, seit die Rezession in den wichtigsten Wirtschaftsregionen ihr Ende fand. In einem normalen Zyklus müsste die Konjunktur längst überhitzen. Zinserhöhungen wären die Tagesordnung.

Stattdessen liegen die Leitzinsen weltweit auf – oder unter – null: eine historisch beispiellose Situation, Terra incognita in der Geldpolitik.

Was, wenn nun die Weltkonjunktur abschmiert? Die Warnsignale mehren sich. China kühlt sich deutlich ab, was Rohstoffexporteure von Brasilien über Indonesien bis Kanada belastet. Es ist eine Frage der Zeit, bis auch das Exportwunderkind Deutschland getroffen wird. Die Schweiz steht ohnehin vor der Rezession (lesen Sie hier mehr).

Zudem: Die meisten Schwellenländer haben seit 2009 alle Sünden der Vergangenheit wiederholt, sie gaben sich einem Exzess hin und haben horrende Schulden – meist in Dollar – aufgebaut. Nun haben sie mit einer heftigen Kapitalflucht zu kämpfen.

Wachstumsschwäche, Kapitalflucht, Zahlungsbilanzkrisen: Das ist eine gefährliche Mischung. Was, wenn ein Unfall passiert? Wenn eine Bank unter notleidenden Krediten wankt und das Finanzsystem gefährdet? Konventionelle Munition besitzen die Notenbanken dann nicht mehr. Sie können die Zinsen nicht senken. Sie werden nur noch mehr mit Negativzinsen und quantitativer Lockerung experimentieren können. Und damit noch weiter in unbekanntes Territorium vordringen.