Meinungen

Teure Alleingänge im Stromsektor

Abschottung gefährdet die Versorgungssicherheit. Ein Kommentar von FuW-Ressortleiterin Claudia Carl.

«Auch die Schweiz ist gut beraten, sich im Stromsektor stärker zu öffnen.»

In der Energiepolitik lohnt es sich, einen Blick über den Tellerrand zu werfen. Etwa dann, wenn das Argument der Versorgungssicherheit gegen eine weitere Liberalisierung des Elektrizitätssektors ins Feld geführt wird. Denn dahinter steht  der Versuch einer stärkeren Marktabschottung und der Begünstigung inländischer Versorger. Dabei verhält es sich genau umgekehrt: Flexible Strukturen, Wettbewerb, Austausch und Effizienz schützen vor Versorgungsengpässen. Monopole und zementierte Strukturen gefährden eine sichere Versorgung.

Die Folgen von Alleingängen und Sonderlösungen im Energiesektor sind teuer. Etwa dann, wenn Elektrizität an einem bestimmten Standort produziert wird, anstatt dort, wo die Bedingungen am besten sind. Im Ausbau der erneuerbaren Energien in Europa zeigt sich dies. So ist der Solarausbau kein Beispiel für eine erfolgreiche Allokation von Ressourcen. Die Vorteile sonnenreicher Länder im Süden werden zu wenig genutzt, nationale Förderregime geben den Ausschlag und haben vor allem Deutschland zum Solar-Eldorado gemacht.

Die zunehmende Re-Nationalisierung der Energiepolitik in Europa beschäftigt die Ökonomen. Gerade wegen des Ausbaus der erneuerbaren Quellen – die damit zusammenhängende Subventionspraxis bringt viele weitere Baustellen – hat eine internationale Zusammenarbeit aber Vorteile. So lässt sich eine zunehmende volatile Stromproduktion durch Wind- und Solaranlagen länderübergreifend besser ausgleichen, weil die Spitzen im Tagesverlauf in den einzelnen Ländern nicht deckungsgleich sind, sondern zeitversetzt anfallen.

Auch die Schweiz ist gut beraten, sich im Stromsektor stärker zu öffnen. Dies zum einen im eigenen Land – die laufende Vernehmlassung zur weiteren Liberalisierung des Marktes sollte dafür genutzt werden. Nicht zuletzt, weil die volle Marktöffnung Schutz vor einer schleichenden Verstaatlichung der hiesigen Elektrizitätswirtschaft bieten kann, die sich derzeit auch im Rahmen der Energiestrategie des Bundes abzeichnet.

Im europäischen Kontext lohnt sich eine stärkere Integration für die Schweiz, weil kleine Länder im Stromsektor wenig eigene Akzente setzen können. Sie übernehmen die Preise der Nachbarländer. So verfolgen etwa Belgien und die Niederlande die Diskussionen der grossen Nachbarn über Kapazitätsmärkte sehr aufmerksam. Es geht darum, ob auch nicht genutzte Kraftwerksreserven vergütet werden sollen, um trotz drastisch gesunkener Grosshandelspreise noch verlässlich verfügbare konventionelle Energie vorrätig zu haben.

Die Einführung eines solchen Regimes hätte auch in der Schweiz Folgen. Fördert etwa Deutschland fossile Kraftwerke, leiden die Produzenten von Schweizer Wasserkraft, wenn sie nicht am Kapazitätsmarkt teilnehmen können. Sie sind vom Preisverfall im Handel betroffen, generieren aber keine Einnahmen über die Bereitstellung von Reserven. Abschottung bringt auch in diesem Fall vor allem eines – Nachteile.

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