Meinungen

Thailand hat zwei Gesichter

Das Königreich macht wieder eine Phase der zivilen Proteste durch. Die innenpolitische Zerbrechlichkeit steht im Kontrast zur aussenpolitischen Stabilität. Ein Kommentar von Urs Schoettli.

Urs Schoettli
«Im Visier der Protestierenden steht dieses Mal auch die Monarchie.»

Die jüngste Geschichte Thailands ist eine Abfolge von aus freien Wahlen hervorgegangenen Regierungen, Militärputschs, Protesten und demokratischen Neuanfängen. Letztmals hat die Armee 2014 ­geputscht. Im vergangenen Jahr hat sich der Anführer des Umsturzes, General Prayut Chan-o-cha, nach Wahlen als Regierungschef bestätigen lassen. Seit einigen Monaten steht Prayut unter Druck. In diesen Tagen marschieren Demonstranten, vornehmlich junge Menschen und auch viele Frauen, in grosser Zahl auf und fordern die Rückkehr zur ­Demokratie. Etliche der Manifestanten scheinen die Proteste, die in den letzten Jahren in der ehemaligen britischen Kolonie Hongkong stattgefunden haben, zum Vorbild zu nehmen.

Im Visier der Protestierenden ist dieses Mal auch die Monarchie. 2016 starb der populäre Bhumibol Adulyadej, Rama IX. in der seit 1782 herrschenden Chakri-Dynastie, nach einer Rekordzeit von siebzig Jahren auf dem Thron. Sein Nachfolger, Maha Vajiralongkorn (Rama X.), war schon als Kronprinz unbeliebt und hat seit der Thronbesteigung nichts getan, was seiner Popularität hätte dienlich sein können. Im Gegenteil, mit seinem extravaganten Lebenswandel, der auch lange Perioden des Aufenthalts in ­Bayern umfasst, stösst er bei vielen Thai so massiv an, dass trotz scharfen Massnahmen gegen jeden, der den Monarchen kritisiert, die öffentliche Unmut über den König immer breitere Kreise erfasst. Zu den Forderungen der Protestierenden gehören eine demokratische Verfassung und mehr Rechenschaft vonseiten des Monarchen.

Nie unter fremden Herren

Thailand gehört zu den Staaten, die in vielen Teilen der Welt ein öffentliches Image haben, das mit der historisch gewachsenen Realität wenig gemein hat. Das Land wird vornehmlich als exotische Reisedestination wahrgenommen. Kaum bekannt sind die beachtlichen Erfolge, die im Verlauf einer bewegten Geschichte erzielt wurden.

Als einziger Staat in Südostasien hat Thailand es geschafft, während der Expansion der europäischen Kolonialreiche in ganz Asien die Fremdlinge fernzuhalten. Sowohl die Briten als auch die Franzosen hatten ein Auge auf Thailand als neue, lukrative Besitzung geworfen, schafften es jedoch nicht, das Königreich zu übernehmen. So ist es den stolzen Thai erspart geblieben, sich fremden Herren unterwerfen zu müssen.

Während des Zweiten Weltkriegs, als Japan sein Imperium in weiten Teilen Asiens ausbreitete, konnte Thailand die Unabhängigkeit zu bewahren. Als Folge davon blieb den Thai die Misshandlung durch japanische ­Eroberer erspart, die in Singapur und Indonesien tiefe Spuren der Erbitterung über Nippon hinterlassen hat.

Während des Vietnamkriegs, als Nachbarstaaten wie Kambodscha und Laos in den Konflikt einbezogen ­wurden, hielt sich Thailand ebenfalls erfolgreich aus den Streitereien heraus und kam unbeschadet durch eine Zeit der massiven Zerstörung in der Nachbarschaft. Wenn es Bangkok also in drei turbulenten Epochen gelang, Krieg vom Land fernzuhalten, so kann dies nicht mehr bloss als Zufall gesehen werden, sondern es muss auch den offensichtlichen Führungsqualitäten der Thai-Eliten zugeschrieben werden.

In nahezu allen südostasiatischen Ländern spielen die chinesischen Überseegemeinschaften seit langer Zeit eine wichtige Rolle. In der Regel haben sie eine starke ­Präsenz in der Wirtschaft, vor allem auch in Kleinbetrieben und im Finanzsektor. In vielen südostasiatischen Städten gibt es Chinatowns, die in der Regel zu den geschäftigsten Vierteln gehören. Im Verlauf der Zeit ist die Integration dieser chinesischen Minderheiten von Land zu Land sehr verschieden verlaufen. In Indonesien und Philippinen ist es gar zu antichinesischen Pogromen gekommen. Häufig hat dabei Neid auf die ökonomischen Erfolge der Chinesen mitgespielt, und zuweilen sind diese wegen ihres engen familiären Zusammenhalts auch als «fünfte Kolonne» Festland­chinas verdächtigt worden.

Abgesehen von Singapur, dessen Bevölkerung zu drei Vierteln chinesischer Herkunft ist, hat Thailand die chinesische Überseegemeinschaft am besten integriert. Auch in Thailand gehören viele Chinesen zu den erfolgreichsten Unternehmern und Investoren, doch werden sie weniger als Fremdkörper wahrgenommen. Als Folge davon sind die Beziehungen zwischen Thailand und China traditionell gut. Seit Chinas Öffnung Ende der Siebzigerjahre hat sich der wirtschaftliche Austausch zwischen Thailand und der Volksrepublik China stark entwickelt. Zudem geniesst Thailand bei den Chinesen auch grosse Beliebtheit als Touristendestination.

Natürlich ist auch Thailands Wirtschaft von der Covid-19-Pandemie stark in Mitleidenschaft gezogen worden; die Fremdenverkehrsbranche leidet schwer. Bemerkenswert ist, dass Thailand die Pandemie gut unter Kontrolle gebracht hat. Statistiken weisen für Thailand weniger als 4000 Coronakrankheitsfälle auf. Auch dies ist ein bemerkenswerter Leistungsausweis.

Wie alle südostasiatischen Staaten blickt auch Thailand mit Besorgnis auf die expansiven geopolitischen Ambitionen Chinas im Grossraum des Südchinesischen Meeres. Bangkok sucht nach Wegen, die chine­sische Dominanz zu mindern, ohne sich mit Peking zu überwerfen. Es hilft, dass Thailand im Unterschied zu anderen südostasiatischen Staaten keine territorialen Dispute mit China hat.

In den Bemühungen, den chinesischen Einfluss in der Region etwas zurückzubinden, befindet sich Thailand im Gleichschritt mit Japan. Bei den ausländischen Direktinvestitionen führen Japan und Singapur die Liste an, im Aussenhandel liegen Japan und China ungefähr gleichauf. Unter Ministerpräsident Shinzo Abe hatte Tokio Japans Profil in Südostasien aufpoliert und versucht, mit einer Verstärkung der Handels­beziehungen und einer Erhöhung der Investitionen in Südostasien ein gewisses Gegengewicht zu den chinesischen Ambitionen zu schaffen.

Mächtige Armee, einflussreicher Klerus

Bereits vor dem Aufbruch Chinas unter Staatschef Xi ­Jinping hatten viele japanische Unternehmen sich in Thailand engagiert und in manchen Fällen ihre Pro­duktionsstätten und die regionalen Hauptquartiere für ganz Südostasien in Thailand angesiedelt, besonders im Grossraum Bangkok.

Auf viele Beobachter wirkt Thailand janusköpfig. Auf der einen Seite hat das Königreich in der Wahrung seiner nationalen Interessen grosse Erfolge auszuweisen, auf der anderen Seite gelingt es ihm partout nicht, eine stabile innenpolitische Ordnung mit einer funk­tionierenden Demokratie zu errichten. Immer wieder haben die thailändische Streitkräfte das Versagen von ­zivilen Politikern zum Anlass genommen, sich an die Macht zu putschen. Andererseits hat auch das Volk wiederholt und mit grosser Zivilcourage die Demokratie verteidigt und wieder hergestellt.

Die Erfahrung lehrt, dass auch die jetzige Militär­herrschaft eines Tages zu einem Ende kommen wird. Die Frage stellt sich, ob aus den jüngsten Protesten neue Konstellationen in der Thai-Gesellschaft hervorgehen werden. Bemerkenswert ist das starke Engagement der jüngeren Thai und der Frauen. Auch was die Rolle der Geschlechter anbetrifft, ist Thailand janusköpfig. In der Familien haben die Frauen traditionell eine führende Rolle inne, und häufig funktioniert ein Haushalt nur dank der resoluten Frauen, doch im öffentlichen Leben sind sie kaum vertreten. Wegen der starken Stellung der Armee und der buddhistischen Mönche ist Thailand  männerorientiert, ein Sachverhalt, den die jüngeren ­Generationen vor allem unter den städtischen Mittelschichten ändern wollen.