Märkte / Kunstmarkt

Tiefere Limiten an Auktionen – Gelegenheiten für Kenner und Sammler

Von Christian von Faber-Castell

Kaum fünf Sekunden dauerte es, da war die im Auktionskatalog des St. Galler Auktionshauses Hans Widmer mit einer Limite von 3000 Fr. ausgezeichnete «Winterlandschaft bei St. Moritz» (Öl auf Leinwand, signiert, datiert, 80×121cm) aus dem Jahr 1915 von Carl Albert von Salis bereits über ihre Schätzung von 5000 Fr. geklettert. Damit nicht genug: Zwei Minuten später wurde das Engadinergemälde nach einem von fünf Telefonbietern bestrittenen Bietgefecht für 32000 Fr. zugeschlagen. Einschliesslich Käuferaufgeld kostet es den Käufer 37220 Fr., was einem Auktionsrekordpreis für diesen Maler entspricht.

Die Stunde der Bescheidenheit

Insgesamt dürfte diese Herbstsaison daher vor allem zu einem Fest für die kleineren und für die regionalen Versteigerer werden. In Zürich sind dies in erster Linie der tüchtige Allrounder Philippe Schuler (www.schulerauktionen.ch) sowie Kollers Filiale Koller-West (www.galeriekoller.ch), ferner das Kunstauktionshaus Germann (www.germannauktionen.ch) und der originelle Uitikoner Auktionator Carl Rudolf Curiger (www.curiger.com), dessen Veranstaltung schon allein von ihrer Zirkusatmosphäre her einen Besuch lohnt.
In Basel sind es der Modernespezialist Thomas Rusterholtz (www.rusterholtz.ch) sowie das Auktionshaus Vogler (www.auktionen-vogler.ch), im Aargau das Auktionshaus Zofingen (www.auktionshaus-zofingen.ch), und in Luzern erweist sich das Angebot von Gloggner (www.gloggnerauktionen.ch) regelmässig als besonders ergiebig an günstigen Gelegenheiten für Kenner. In Bern gilt es im umfangreichen Dobiaschofsky-Angebot (www.dobiaschofsky.com) auf Trouvaillensuche zu gehen, obschon sich hierfür schon von ihrem Umfang her auch die neuntägigen Versteigerungen der Galerie Stuker (www.galeriestuker.ch) anbieten. Noch weiter im Westen verdienen die Angebote des jungen Genfer Hôtel des Ventes von Ex-Sotheby’s-Mitarbeiter Bernard Piguet (www.hoteldesventes.ch) die Aufmerksamkeit des Jägers. Aber auch in grösseren Versteigerungen lassen sich günstige Gelegenheiten finden, meint Cyril Koller als Leiter des umsatzstärksten Schweizer Auktionshauses Galerie Koller und erklärt: «Weil viele Lose bereits vor Monaten eingeliefert wurden, erweisen sie sich möglicherweise nicht optimal angepasst an die heutige Kaufbereitschaft. Viele Einlieferer haben sich daher zur Verbesserung der Verkaufschancen dazu durchgerungen, die Mindestpreise nach unten anzupassen. Es kann daher häufiger als noch vor Jahresfrist vorkommen, dass man ein Los erheblich unter seiner tieferen Schätzung zugeschlagen erhält, die ja sonst oft zugleich als Limitepreis anzusehen ist.» Auch Gebote auf unverkaufte Lose im Auktionsnachverkauf können sich heute durchaus lohnen.
Zwar gelten solche Überlegungen in erster Linie für die im preislichen Mittelfeld angesiedelte Routineware. Aber selbst museumswürdige Raritäten, die man unabhängig von der aktuellen Marktlage jeweils dann kaufen muss, wenn sie angeboten werden, weil sie danach meist wieder für lange Zeit in Privat- oder gar Museumsbesitz verschwinden, dürften derzeit vom Lockreiz tiefer Schätzpreise profitieren.

Ketterer begrüsst die Korrektur

Ein Beispiel ist Albert Ankers 1898 gemaltes Meisterwerk «Der Alte Feissli mit Kind auf Ofenbank». Mit einer unteren, vermutlich zugleich der Limite entsprechenden Schätzung von 800000 Fr. hat Kuno Fischer von der Luzerner Galerie Fischer dieses Bild gemessen an den bisherigen Preisen für Spitzenwerke dieses Schweizer Nationalkünstlers betont vorsichtig angesetzt, umso mehr, als es sich nach seinem 46-jährigen Verharren in einer Schweizer Privatsammlung überdies durch eine seltene Marktfrische auszeichnet.
Der Münchner Auktionator Robert Ketterer, der seit seiner ersten Auktion im Jahr 1989 bereits die Kunstmarkteinbrüche in den Jahren 1992 und 2001 erlebt hat, ist «fast froh über eine Korrektur des Kunstmarktes, der mir sonst bald unheimlich geworden wäre». Er ist überzeugt, dass das Problem vor allem im Bereich der aktuellen Kunst liegt, wo durch Spekulationen eine unnatürliche Situation erzeugt wurde. «Dieser in London, Paris und New York orchestrierte und angeheizte Hype ist dabei, sich zu beruhigen», konstatiert Ketterer erleichtert.
Alte Meister, klassische Moderne und Kunst nach 1945 wurden vom Höhenflug des zeitgenössischen Kunstmarktes zwar auch beflügelt, erlebten aber keine derartige Preisexplosion. «Von mangelnder Liquidität können zwar alle Käuferschichten betroffen sein, bei den Spekulanten hingegen ist mit dem Preisverfall auch jegliche Motivation verloren gegangen», weiss Ketterer und meint ganz Händler, «des Spekulanten Leid wird des Sammlers Freud’ werden. Denn nun ist die Gelegenheit, günstig eine hochwertige Sammlung aufzubauen oder zu erweitern.» Dieser Artikel ist für Abonnentinnen und Abonnenten reserviert. Digital-Abonnements ab 28 Fr. / Monat Zu den Abonnements Bereits abonniert?