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Tiefgraue Weihnachten in Deutschland

Eine neue Aufschwungswelle in Deutschland ab Frühjahr ist möglich. Doch es lassen sich auch Tendenzen erkennen, die eine Erholung abwürgen können.

André Kühnlenz

Nach einer kleinen Pause wollte ich eigentlich schon länger wieder einen Beitrag zur deutschen Konjunktur schreiben. Doch mit jedem Monat, der verging, wenn die Statistiker die neuesten Zahlen zur Auftragslage und zur Produktion in der Industrie veröffentlichten, mit jeder neuen Umfrage des Ifo-Instituts oder neuen Frühindikatoren zum Arbeitsmarkt schwand meine Hoffnung. Nein, nicht die Hoffnung auf eine konjunkturelle Besserung, sondern die Hoffnung, endlich etwas klarer zu sehen.

Mit Blick (hier der Twitter-Thread von Ende November) auf die jüngsten Daten kommt mir nur ein komisches Wort in den Sinn: *PaintItExtremDunkelGrau*. Bei all der Indikatorschau und Kaffeesatzleserei auf Twitter (TWTR 37.02 -0.7%) fällt mir dann doch noch mein Lieblingsfrühindikator auf. Der hat nur einen Nachteil: Die Google-Suchanfragen nach «konjunktureller Kurzarbeit» schwanken sehr stark. Und wenn Weihnachten ansteht, wird eben weniger nach solchen Wörtern gesucht. Hier brauchen wir also noch eine Bestätigung im Januar. Stand heute zeichnet sich immerhin eine Entspannung im März und April ab.

Gleichwohl steht die deutsche Industrie zur Jahreswende auf der Kippe, nachdem sie sich im Frühjahr noch stabilisiert hatte. Wer die Konjunkturberichte in den Medien regelmässig verfolgt, weiss natürlich, dass Zulassungsprobleme der Autoindustrie das deutsche Bruttoinlandprodukt im Sommer ins Minus gedrückt haben (wahrscheinlich um 0,4 Prozentpunkte). In der Schweiz und in Italien können solche Sondereffekte aber nicht den gesamten Rückgang der Wirtschaftsleistung erklären.

Und selbst in Deutschland deutet einiges darauf hin, dass es mehr sein könnte als nur Probleme einer einzigen Branche – auch wenn sich das Wachstum höchstwahrscheinlich zur Jahreswende erholen sollte. Trotz der trüber werdenden Stimmung zum Jahreswechsel bleibt es völlig unklar, ob der Wachstumsknick in Europa länger dauert und vielleicht noch schlimmer wird. Oder ob dieser Achterbahn-Konjunkturzyklus tatsächlich noch in eine neue Aufschwungswelle übergeht.

Kräftiger Schub von der Fiskalpolitik 2019 absehbar

Bemerkenswerterweise wird der deutsche Staat der Wirtschaft im neuen Jahr sogar einen kräftigen Schub verpassen. Nach EU-Prognose werden die Sozialausgaben (+4,9%) sowie die investiven plus konsumtiven Staatsausgaben (+4,9%) in Deutschland jeweils einen Prozentpunkt schneller wachsen als das nominale BIP (+3,9%). Bei den Staatsausgaben liegt Deutschland damit nur knapp über Trump (+4,8%) und erheblich über Italien (+1,1%), wo dafür die Sozialausgaben fast wie in den USA um 6,2% steigen sollen.

Für die kurzfristigen Updates zu den deutschen und den amerikanischen Konjunkturindikatoren sei wieder auf Twitter verwiesen. Hier im Blog wollen wir jetzt noch schauen, was die volkswirtschaftlichen Quoten über die Konjunkturimpulse und den Verlauf des Zyklus in Deutschland aussagen.

Da sind zum einen die Investitionen im Privatsektor. Klar lagen viele Prognostiker Ende 2017 daneben, als sie wegen der hohen Auslastung der Produktionskapazitäten einen starken Anstieg der Bruttoinvestitionen erwartet hatten. Der blieb zwar aus, aber immerhin hielt der Privatsektor bislang das Tempo des Vorjahres: Nichtstaatliche Ausrüstungsinvestitionen stiegen in den ersten drei Quartalen 4,3% über das Vorjahresniveau, 2017 lag das Plus bei 4,2%. Ohne Abschreibungen sahen die Privatinvestitionen als Konjunkturimpuls wie folgt aus:

Wie üblich in Aufschwungsphasen sind es die Nettoinvestitionen, die den Konjunkturverlauf positiv bestimmen. Zwar steigt die Quote nicht so stark wie in früheren Boomphasen, aber der positive Impuls hält sich robust. Das macht ihn zugleich sehr anfällig und damit die deutsche Konjunktur überhaupt, denn ein so geringer Impuls vom Kapitalaufbau (also von den Neuinvestitionen) kann sehr schnell ins Negative drehen.

Für gewöhnlich sinken im Aufschwung die Staatsausgaben sowie die privaten Konsumausgaben – im Verhältnis zum Einkommen. Das muss schon allein mathematisch so sein, wenn der Kapitalaufbau den Aufschwung bestimmt, die Nettoinvestitionsquote also steigt: Denn die Veränderungen aller Bestandteile der Wirtschaftsleistung ergeben in der Summe immer null. Aber natürlich sind Staatsausgaben keine passive Grösse, sondern sie werden von der Politik bestimmt. Was wir in folgender Grafik sehen:

Wenn die Staatsausgaben im Aufschwung schneller als die Wirtschaftsleistung wachsen (in dem Fall steigt die Staatsausgabenquote, wie im Chart zu sehen), können wir also von einer prozyklischen Fiskalpolitik reden. Obwohl die öffentlichen Investitionen noch immer schwach sind in Deutschland, sehen wir, wie die staatlichen Haushalte seit der Flüchtlingswelle von 2015 noch immer als wichtige Konjunkturstütze fungieren.

Womit sich die Frage stellt, ob eine prozyklische Fiskalpolitik nicht den Zyklus zur Überhitzung (mit stärker steigenden Inflationsraten) treibt. Bekanntlich kann davon in Deutschland aber schon lange nicht mehr die Rede sein. Einerseits sinkt die Kapazitätsauslastung längst wieder, wenn auch noch moderat. Auf der anderen Seite kommen wir zu der volkswirtschaftlichen Grösse, die das BIP derzeit am meisten als Impuls herunterzieht: dem Exportüberschuss.

Drehte der Impuls vom Aussenhandel im Frühjahr wieder ins Plus, kam nun die Gegenbewegung zurück ins Negative. Allgemein wirkt der Aussenhandel in Deutschland allerdings oft indirekt auf die Konjunktur, wenn die Unternehmen eben auch abhängig vom Exporterfolg in neue Maschinen und Ausrüstung investieren. Dass sich der Investitionsmotor dennoch so gut hält, ist schon bemerkenswert – deutet es doch auf eine gewisse strukturelle Verschiebung der Wachstumskräfte hin zur Binnenwirtschaft und damit weniger Abhängigkeit von der Weltkonjunktur hin.

Konjunkturell fällt aber auf, dass die Profitabilität des Standorts (ohne die Konzerngewinne im Ausland) sich immer noch nicht erholt hat und auch wieder sinkt. Auch wenn die Aussichten zur Jahreswende also nicht komplett schwarz (eher tiefgrau) sind, kann man doch die Tendenzen erkennen, die eine Aufschwungswelle ab dem Frühjahr verhindern könnten.

Hinweis: Die Beiträge in diesem Blog erscheinen in Kooperation mit dem Online-Magazin Makronom. Worum es hier eigentlich geht, habe ich im ersten Beitrag beschrieben: Konjunkturanalyse geht jeden an – oder warum wir einen Taktikblog der Konjunkturanalyse brauchen. Zur State-of-Swing-Taktiktafel der Konjunkturanalyse geht es hier entlang auf die Makronom-Seite.