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TikTok könnte bald zu Microsoft gehören

Der chinesische Internetgigant ByteDance steht weiterhin unter Druck. Die Socialmedia-Plattform TikTok soll innert 45 Tagen an Microsoft verkauft werden.

(Reuters) Der Poker um die populäre Kurzvideo-Plattform TikTok spitzt sich zu. Der amerikanische Softwareriese Microsoft (MSFT 200.39 -1.24%) erklärte am Sonntag offiziell sein Interesse am Kauf der US-Aktivitäten des chinesischen Videoportals. Zuvor hatte US-Präsident Donald Trump eine 45-tägige Frist gesetzt, um einen Verkauf der App auszuhandeln. Die Gespräche sollen bis zum 15. September abgeschlossen werden, erklärte Microsoft nach einem Gespräch seines Vorstandschefs Satya Nadella mit Trump. Der Konzern wolle sicherstellen, dass alle privaten Daten der amerikanischen Benutzer von TikTok in die USA übertragen werden und dort verbleiben. China reagiert verstimmt und erklärte, die Volksrepublik sei entschieden gegen jegliche US-Aktionen gegen chinesische Softwareunternehmen und hoffe, dass die USA ihre «diskriminierende Politik» stoppten.

Die US-Regierung hat Sicherheits- und Datenschutzbedenken gegen die vor allem bei jungen Menschen beliebte App, die weltweit etwa eine Milliarde Nutzer zählen soll – darunter rund 100 Millionen in den USA. Am Freitag hatte Trump angekündigt, er wolle TikTok in den Vereinigten Staaten verbieten. Der chinesische TikTok-Eigner ByteDance bestätigte die Verhandlungen mit Microsoft zwar nicht offiziell. In einem Reuters vorliegenden Brief an die Mitarbeiter des Unternehmens schrieb ByteDance-Chef Zhang Yiming jedoch, die Gesellschaft habe Gespräche mit einem Technologiekonzern aufgenommen, um ihre App in den USA weiterhin anbieten zu können. Gleichwohl teile das Unternehmen nicht die Auffassung der US-Behörde für Auslandsinvestitionen (CFIUS), dass ByteDance seine US-Aktivitäten vollständig verkaufen müsse. Insidern zufolge werden die Gespräche zwischen Microsoft und dem chinesischen Internetgiganten vom CFIUS überwacht. Die US-Behörde überprüft Transaktionen auf mögliche nationale Sicherheitsrisiken.

«Microsoft ist sich der Bedenken des Präsidenten voll und ganz bewusst», teilte der Softwareriese mit. «Wir wollen TikTok erwerben, sofern eine vollständige Sicherheitsüberprüfung durchgeführt wird und der Deal den Vereinigten Staaten – einschliesslich des US-Finanzministeriums – angemessene wirtschaftliche Vorteile bietet.» Microsoft will neben den US-Aktivitäten auch die von TikTok in Kanada, Australien und Neuseeland übernehmen. Offen blieb zunächst, wie viel Microsoft für TikTok zahlen könnte. Reuters hatte zuletzt berichtet, dass die Bewertungserwartungen von ByteDance für die App 50 Milliarden Dollar übertreffen könnte. Allerdings dürften die Drohung eines US-Verbotes den Verkaufsdruck erhöhen und damit den Preis drücken.

Ein Deal zwischen ByteDance und dem US-Softwareriesen könnte die Social-Media-Landschaft verändern. Sie wäre für Microsoft eine rare Gelegenheit, zu Konkurrenten wie Facebook (FB 252.53 -0.9%) und Snap (SNAP 23.82 -1.98%) aufzuschliessen. Zu Microsoft gehört bereits das Karrierenetzwerk LinkedIn.

Insidern zufolge änderte Trump seine Meinung zu TikTok auf Druck einiger seiner Berater sowie Mitgliedern der Republikaner. Sie warnten mit Blick auf die US-Präsidentschaftswahlen im November, dass ein Verbot von TikTok die vielen jungen Nutzer der App verprellen und wohl eine Welle rechtlicher Probleme auslösen würde. Mehrere prominente republikanische Abgeordnete hatten Trump in den vergangenen Tagen dazu aufgefordert, einen Verkauf von TikTok an Microsoft zu unterstützen. Beim Weissen Haus war zunächst keine Stellungnahme erhältlich.

Mit dem Streit um TikTok hatten sich die anhaltenden Spannungen zwischen den USA und China zuletzt weiter verschärft. Die staatlich unterstützte Zeitung «China Daily» bezeichnete ByteDance am Montag als Opfer einer «Hexenjagd» aus den Vereinigten Staaten. In einem Artikel hiess es, Washington habe keine Beweise zur Untermauerung seiner Behauptung vorgelegt, wonach TikTok eine Bedrohung für die nationale Sicherheit der USA darstelle. Die britische Zeitung «The Sun» berichtete unterdessen, ByteDance wolle seinen Unternehmenssitz von Peking nach London verlegen und bekomme dabei von der britischen Regierung Unterstützung. Eine entsprechende Ankündigung sei in Kürze zu erwarten.

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