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Die drei Probleme der Titlis-Bahnen

Analyse | Der Bergbahnbetreiber ist von Baustellen umgeben. Doch die Erholung hat eingesetzt. Und damit die Hoffnung.

«Der Winter bereitet mir Sorgen.» In Norbert Patts Stimme klingt Unsicherheit nach, als er diese Formulierung wählt. Der CEO der Titlis-Bahnen (TIBN 40.70 +0.49%) kämpft an mehreren Fronten. Am dringendsten aber beschäftigt ihn die Frage, wo er das Personal für die nächste Wintersaison hernehmen soll. «Uns fehlen nicht nur Fachkräfte, wir finden auch kaum ungelernte Mitarbeiter», sagt er. «Und das geht nicht nur uns so, die Tourismusbranche hat ein massives Personalproblem.»

Der Zeitpunkt ist denkbar ungünstig. Das Bergbahnunternehmen hat im Wintersemester zum ersten Mal seit Ausbruch der Coronakrise ein Halbjahr mit Gewinn abgeschlossen. Mit 1,1 Mio. Fr. lag er zwar meilenweit unter den profitablen Zeiten von vor der Krise, aber die Erholung ist spürbar. Die Besucherzahlen übertrafen in einzelnen Kundensegmenten gar die aus der Zeit vor der Krise. Für das aktuelle Sommerhalbjahr verspricht sich das Management weitere Erholung, auch im Winter soll der Steigerungslauf weitergehen. Damit der Besucherstrom bedient werden kann, muss Patt allerdings erst sein Personalproblem lösen.

Viele Baustellen

Die Zahlen sprechen für den Optimismus. Was fehlt, ist das, was Patt «interkontinentale Gäste» nennt – Besucher aus Asien, den USA und darüber hinaus. Die umsatzstärksten Märkte sind China, Indien und Südostasien. Sie machen den Hauptteil der 45% des Gesamtumsatzes aus, den die Titlis-Bahnen mit interkontinentalen Gästen erwirtschaften. In den Mitteilungen des Unternehmens ist in diesem Zusammenhang meist von «Gruppenreisenden» zu lesen, weil sich diese Gäste organisiert über Reisegesellschaften in Gruppen bewegen. 14’637 Eintritte aus Gruppenreisen wurden im Wintersemester registriert. Zehnmal weniger als in normalen Jahren.

Die fehlenden Gruppenreisen sind nach der Personalfrage die zweite Baustelle. Sie zu umfahren, fordert Patt viel Geduld ab. Zumal ihm grösstenteils die Hände gebunden sind. Reisende aus China dürften wegen der staatlichen Massnahmen auch 2023 noch kaum im grossen Stil unterwegs sein. Besser sieht es für den ähnlich wichtigen indischen Markt aus. 80% des Niveaus von 2019 sollen 2023 erreicht werden. Doch vieles ist noch Hoffnung.

Inflation belastet

Bangen erfordert auch Problemfeld Nummer drei: die Inflation. «Die Teuerung stellt uns vor grosse Herausforderungen», sagt Patt. Nicht nur steigt der Druck auf die Personalkosten und verteuern sich die Waren. Die Frage steht im Raum, ob die Titlis-Bahnen die Preise überhaupt weitergeben können. Patt: «Vergleiche zeigen, dass wir bei den Preisen nicht mehr viel Luft nach oben haben.» Was nicht weitergegeben werden kann, geht zulasten der Margen.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Bergbahnbetreiber die Planung für das ambitionierte Projekt «Titlis 3020» wieder aufgenommen hat. Geplant sind der Bau einer neuen Bergstation, der Ausbau des Richtstrahlturms und eine neue Pendelbahn auf der Strecke Stand–Titlis. Die meisten Bewilligungen liegen vor, kommenden Frühling sollen die Bauarbeiten starten. Was eigentlich eine gute Sache ist, wird für das Portemonnaie zum Stresstest. 110 Mio. Fr. sollte der Bau kosten. Eine Utopie. «Unter den jetzigen Rahmenbedingungen können wir das nicht einhalten», sagt Patt.

Schwierige Prognosen

Dem zum Trotz sind die Chancen intakt, dass die Titlis-Bahnen auch im Gesamtjahr wieder Gewinn schreiben. Zum Gradmesser wird die Sommersaison. Sie dürfte einerseits andeuten, wie sich der internationale Tourismus entwickelt – Patt rechnet damit, «dass die Nachfrage aus Europa wieder auf dem Vorkrisenniveau sein wird und die Saison dank des sich erholenden interkontinentalen Tourismus das Vorjahr übertrifft». Andererseits wird sie zeigen, wie stark der Hunger der Schweizer nach Auslandferien den Rebound behindert.

Die Aktien, die ein Drittel unter dem Niveau von vor der Krise handeln, haben Erholungspotenzial. Doch es lasten zu viele Baustellen auf ihnen, als dass sich ein Einstieg anbieten würde. Die Bilanz ist zwar nach wie vor felsenfest, und die Aussicht auf Erholung lockt. Aber unter den Unternehmen, die von der Erholung des Tourismus profitieren könnten, finden sich attraktivere Titel. Nicht zu vergessen, dass die Liquidität der Titlis-Valoren extrem gering ist, was ebenfalls gegen ein Engagement spricht.

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