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Tito Tettamanti: «Es wird zu einem Crash kommen»

Der Financier Tito Tettamanti warnt im Interview mit «Finanz und Wirtschaft» vor der Politik der Zentralbanken. Er plädiert für das Bankgeheimnis und den starken Franken.

Der bald 85-jährige Tito Tettamanti ist immer noch aktiver Investor durch die Investmentgesellschaft Sterling Strategic Value. Er ist ein Gegner von staatlichen Eingriffen und hält eisern an liberalen wirtschaftlichen Prinzipien fest.

Herr Tettamanti, weshalb braucht die Schweiz ein Bankgeheimnis?
Das Bankgeheimnis ist kein Vorteil für die Banken, einige Banken sind gar nicht mehr daran interessiert. Das Bankgeheimnis ist aber sehr wichtig für unsere Privatsphäre. Diese Privatsphäre wird in unserer Gesellschaft immer kleiner, eine Gesellschaft ohne Privatsphäre gefällt mir nicht.

Weshalb ist das Bankgeheimnis kein Vorteil mehr für die Banken?
Die Banken sind sehr bequem geworden. Sie denken nur an ihre eigenen Interessen. Sie haben das Bankgeheimnis im Ausland nicht geschickt verteidigt. Sie haben es als Vorteil für die Banken verteidigt und nicht als zentrales Stück der Privatsphäre für die Kunden.

Mit der Aufhebung des Bankgeheimnisses würde ja nur die Steuerbehörde Informationen erhalten. Haben Sie vor der Steuerbehörde etwas zu verstecken?
Nein, überhaupt nicht. Es ist meine Pflicht, die Steuerbehörde zu informieren, aber auch mein Recht. Ich will meine Angaben selbst deklarieren. Die Privatsphäre ist ein wichtiger Wert, der verteidigt werden muss. Ich bin sehr enttäuscht über die Banken in dieser Frage. Sie verraten die Marktwirtschaft.

Zur Marktwirtschaft gehört aber Offenheit.
Offenheit bedeutet nicht die Aufhebung der Privatsphäre. Die totale Transparenz ist ein Gefallen an die Macht. Vor dieser Gesellschaft hat schon Orwell gewarnt. Die Macht will uns beherrschen.

Welche Macht?
Die Politik, die Regierung, die Bürokratie, die Technokratie, die Zentralbanken. Die Staaten sind überschuldet. Sie streben nach Inflation, weil ihre Obligationen immer durch die Inflation zurückgezahlt wurden. Sie werden eine hohe Vermögenssteuer einführen. Christine Lagarde, die Chefin des Internationalen Währungsfonds, hat bereits am Wef in Davos eine Vermögenssteuer von 10% gefordert, um einen Ausgleich zwischen Arm und Reich zu erreichen. Man will auch nicht, dass wir Bürger Bargeld besitzen, sondern wir sollten alles auf der Bank deponieren. So kann die Regierung sehr einfach 10% von den Konten nehmen. Das ist in Italien und Zypern schon einmal passiert.

Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer grösser. Was ist schlimm daran, wenn Lagarde Gegensteuer geben will?
Das ist nicht der richtige Weg. Das ist keine Steuer, das ist eine Enteignung. Das ist nicht demokratisch legitimiert. Wollen wir ein dirigistisches Staatsmodell oder eine freie Marktwirtschaft in einer Demokratie?

Das Bankgeheimnis wird sich aber auch in der Schweiz nicht halten können.
Warten wir es ab.

Weshalb sind Sie ein Verfechter des starken Frankens?
Die Alternative ist ein schwacher Franken? Möchten Sie in einem Land leben, in dem der Wert der Währung jedes Jahr abnimmt? Damit werden Sie jedes Jahr ärmer. Die dreieinhalb Jahre des Mindestkurses dauerten zu lange. Man behauptet, wir haben dadurch 70 Mrd. Fr. verloren.

Sie meinen die Schweizerische Nationalbank.
Ja. Panik ist nach der Aufhebung des Mindestkurses unbegründet. Wir haben Angst vor dem Risiko. Aber Risiko gehört zum Leben. Wir sind eine hysterische Gesellschaft und haben nach dem Entscheid sofort reagiert. Konjunkturforscher haben die Prognosen runtergeschraubt, 2015 werde die Volkswirtschaft um 0,8% schrumpfen. Nach einem Monat hat man die Prognosen wieder auf +0,5% korrigiert. Es gab auch Unternehmer, die wollten sofort die Saläre kürzen. Aber das ist unangebracht.

Aber der für die Schweiz so wichtige Exportsektor und seine Zulieferer kommen unter Druck. Ist Ihnen egal, wenn das Rückgrat der Schweizer Wirtschaft Schaden nimmt?
Unternehmen profitieren via Import aber auch vom starken Franken. Zudem exportieren wir auch in den Dollarraum. Die Luxusuhrenindustrie hat keine echte Konkurrenz, so kann sie die Preise erhöhen. Der Finanzchef von Georg Fischer (FI-N 1'457.00 -1.22%) und der CEO von Bühler haben gesagt, dass sie vorbereitet sind. Das sind gute Unternehmen. Firmen, die wegen des starken Frankens unter Druck kamen, waren schon vorher unter Druck, wie zum Beispiel Arbonia-Forster, die 200 Arbeitsstellen streichen will. Aber Arbonia-Forster lief seit einigen Jahren nicht gut.

Dort tut sich aber einiges.
Zum Glück hat Arbonia-Forster mit Michael Pieper einen guten, erfahrenen industriellen Investor erhalten. Es werden vielleicht einige Unternehmen ihre Tätigkeit in der Schweiz aufgeben müssen, dafür kommen andere, gesunde, die die Mitarbeiter auch besser bezahlen können. Die Volkswirtschaft ist dynamisch. Die Schweiz lebt nicht nur von der Exportwirtschaft.

Ist die Schweiz als Produktionsstandort noch attraktiv?
Ja, sofern sie sich anstrengt und die Rahmenbedingungen gut sind. Wir haben aber derzeit zu viele Behörden, Gesetze und Reglementierungen. Bern hat 300 Leute für die Kommunikation. Wofür? Um uns zu beeinflussen. Das ist die Macht. Zudem müssen sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer wieder finden. Ich höre klassenfeindliche Ausdrücke von den Jungsozialisten.

In der Schweiz von Klassenkampf zu reden, ist doch lächerlich.
Im Programm der SP steht aber die Überwindung des Kapitalismus. Entweder machen sie es, oder sie streichen das. Es gibt jedoch auch sture Arbeitgeber. Ich verstehe nicht, weshalb sich die Gewerkschaften nicht mehr gegen die Zentralbanken wehren, zum Beispiel beim Nullzins, ein Beschluss von Technokraten. Man nimmt das Geld von Sparern, zum Beispiel Pensionskassen, und gibt es den Schuldnern.

Und was ist Ihre Prognose für die Finanzmärkte?
Wir leben heutzutage auf einem Vulkan. Und die Zentralbanken regieren mit grosser «Meisterschaft». Die Schulden werden mit Schulden bezahlt. Das ist das neue Paradigma. Die Rendite wird enteignet. Früher oder später wird es zum Crash kommen. Aber das werde ich vielleicht nicht mehr erleben. Ich befürchte auch eine dirigistische Welt.

In welche Aktien haben Sie investiert?
Das möchte ich nicht sagen. Gerade jetzt lohnt es sich, in Aktien zu investieren, weil das Geld sonst keine Rendite bringt. Es gibt erstklassige Schweizer Titel mit guter Dividende, aber auch europäischen Aktien. Diese werden 2015 ziemlich stark steigen wegen der Politik der EZB. Aber das führt zur Asset-Inflation.

Weshalb sind Sie bei Bravofly nach dem Börsengang ausgestiegen? Haben Sie den Misserfolg geahnt?
Das war von Anfang an so vorgesehen, dass wir Bravofly Kapital geben bis zum Börsengang und dann aussteigen. Das machen wir auch mit anderen Unternehmen.

Sie haben die Investmentgesellschaft Sterling Strategic gegründet und sind heute Ehrenpräsident. Welches sind die Kriterien für die Investments?
Wir investieren in Unternehmen, die unterbewertet sind. Wir sind keine Stock Pickers oder Vermögensverwalter. Wir analysieren diese Gesellschaften genau und wissen oft besser Bescheid als einige Verwaltungsräte. Es sind kleine und mittelgrosse Unternehmen, die nicht in der Öffentlichkeit stehen. Das sind keine Portfolioinvestitionen, das ist ein Beruf. Wir arbeiten aber oft auch mit dem Management zusammen, um die Unternehmen zu fördern.

Wie wird man Mitglied von Sterling?
Sterling ist eine geschlossene Gesellschaft. Auf Empfehlung kann man dort Aktionär werden. In sechzehn Jahren haben wir eine Rendite von 515% erreicht, und das ohne Schulden.

Das klingt beeindruckend, doch letztes Jahr hat Sterling nichts verdient.
Aber 2013 dafür 20%. Von 45 Unternehmen, in die wir insgesamt investiert haben und aus denen wir ausgestiegen sind, haben wir nur bei einem verloren.

Und das war Charles Vögele.
Ja, genau.

Derzeit tobt ein Übernahmekampf um Sika (SIKA 329.90 -1.67%). Was ist Ihre Haltung zum Prinzip «Eine Aktie, eine Stimme», und was halten Sie davon, wenn bei einer Übernahme nicht allen Aktionären ein Angebot unterbreitet werden muss?
Ich bin für «Eine Aktie, eine Stimme», aber wie für alle Prinzipien kann es vernünftige Ausnahmen geben. Zum Beispiel kann eine Familie dem Unternehmen eine gewisse Beruhigung geben. Wenn gewisse Leute mehr Stimmrecht haben als andere, dann würde ich nicht in ein solches Unternehmen investieren, wenn mich die Halter der Stimmrechte nicht überzeugen. Bei Sika habe ich deshalb nicht investiert.

Sie haben Ihre Anteile an der «Basler Zeitung» an Christoph Blocher, Markus Somm und Rolf Bollmann verkauft und die «Weltwoche» an Roger Köppel. Besitzen Sie immer noch Anteile an Medientiteln?
Nein. Verleger ist heutzutage ein schwieriges Metier. Ich war eigentlich nie ein richtiger Verleger, aber ich wollte, dass die Medien in die richtigen Hände kommen, zum Beispiel der Verlag Jean Frey an Springer.

«Richtig» heisst für Sie rechts. Ist der Mediensektor für Investoren gar nicht mehr interessant?
Er ist schwierig. Warren Buffett investiert in lokale Zeitungen. Ich bin zu unbegabt, um einzuschätzen, was die Digitalisierung noch alles bringen wird.

Ihr Erbe soll in eine Stiftung fliessen.
Das ist schon lange gemacht. Ein grosser Teil meines Vermögens gehört bereits einer Stiftung im Ausland, und in der Schweiz gibt es die Fidinam-Stiftung. Dazu werden auch meine drei guten, sanften Töchter etwas erben.

Und was machen diese Stiftungen?
Das Vermögen der ausländischen Stiftung dient der Charity. In der Schweiz sponsert Fidinam zum Beispiel einen Lehrstuhl an der Universität Lugano, Recherchen für Onkologie und Kardiologie im Tessin oder unterstützt Buchprojekte mit liberalem Gedankengut, aber auch Projekte, die gegen den Hunger kämpfen.

Sie werden dieses Jahr 85 Jahre alt. Was machen Sie heute als Investor besser als früher?
Ich mache weniger Fehler, weil ich weniger investiere.