Meinungen

Titos Tod war das Fanal für Jugoslawiens Ende

Marschall Tito hinterliess im Mai 1980 ein zerbrechliches Gebilde. Er hatte das Land noch ­zusammengehalten, doch der Zerfall hatte bereits eingesetzt. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Manfred Rösch.

««Der delikateste Balanceakt des Staatschefs war derjenige zwischen den Republiken Jugoslawiens.»»

Vor vierzig Jahren starb Josip Broz. Er nannte sich Tito, was hierzulande bei vielen noch verschwommene Erinnerungen wecken dürfte. Im ehemaligen Jugoslawien hingegen, so heisst es, wissen heute noch alle, die damals den Kindsbeinen entwachsen waren, wo sie sich am 4. Mai 1980 aufgehalten hatten: An diesem Tag nämlich starb Marschall Tito, im Alter von fast genau 88 Jahren.

Staatschef Tito war der «Pater patriae» Nachkriegsjugoslawiens. Wer seinerzeit die westliche Presse las (es gibt auch eine Gnade der frühen Geburt!), wird sich erinnern, was da stand: Mit Tito stirbt Jugoslawien. Das war zwar etwas voreilig, aber letztlich nicht falsch, und spätestens in den Neunzigerjahren bestätigten sich sogar die allerdüstersten Vorahnungen.

Kriegsheld mit Charisma

Tito war eine der seltenen bemerkenswerten Figuren im sozialistischen Teil Nachkriegseuropas. Er war dort wohl der einzige Staatslenker, der – durchaus längere Zeit – im Volk recht beliebt war und wohl sogar freie Wahlen hätte wagen können. Verglichen mit den grauen bis grauen­haften Politbüro-Fratzen à la Breschnew, Ceausescu, Honecker etc. war Tito der einzige, der Charisma, ja Charme ausstrahlte.

Seine Legitimation bezog Tito daraus, dass er als Partisanenführer das Land ein erhebliches Stück weit von Hitlers Wehrmacht befreit hatte und nicht einfach eine von Moskau installierte Marionette war. Just das machte ihn in den Augen Stalins verdächtig: Tito war wohl Kommunist, aber eben «his own man» und nicht geneigt, sich zum Vasallen degradieren zu lassen. Paradoxerweise folgte 1948 der Bruch Belgrads mit Moskau, weil Tito im griechischen Bürgerkrieg die Kommunisten unterstützte – das widersprach der Absprache Moskaus mit den Briten und den Amerikanern; Stalin scheute eine allfällige Konfrontation mit den Westmächten.

Tito aber dachte nicht daran, einzulenken. Jugoslawien wurde nun von seinen vormaligen Bruderstaaten wirtschaftlich boykottiert und musste mit einer Invasion rechnen. Das Land, eben erst von der Wehrmacht geschunden und heimgesucht von schrecklichen innerjugoslawischen Kämpfen (in denen sich Tito ruchlos durchgesetzt hatte), hielt unter der äusseren Bedrohung zusammen; diese negative Integration kaschierte einstweilen die Differenzen zwischen den Völkerschaften. Auf der anderen Seite entschloss sich der Westen, Belgrad wirtschaftlich zu unterstützen. Die Zwischenstellung des Landes, in dem Tito vorerst sozusagen einen Stalinismus ohne Stalin betrieb, begann sich abzuzeichnen.

1953 starb Stalin. Eine Anekdote besagt, in seinen Unterlagen habe sich ein Billet-doux Titos gefunden, sinngemäss des Inhalts: Stalin, wir haben einige Attentäter gefasst, die du auf mich angesetzt hast; hör auf damit, sonst schicke ich dir einen nach Moskau, und ich werde nur einen schicken müssen. Wenn nicht wahr, so doch gut erfunden – Tito, wie ungekünstelt leutselig er auch sein konnte, war aus härtestem Holz geschnitzt.

Das erfuhren auch seine moskautreuen Parteigenossen, die Tito auf der berüchtigten Gefängnisinsel Goli Otok umerziehen liess oder schlimmer. Kein Zweifel, an Titos Händen klebte Blut. Auch mit engen Weggefährten, die Widerworte wagten, sprang er unzimperlich um; bekannt wurde etwa die Inhaftierung des einstigen Kronprinzen Milovan Djilas. Dabei pflegte Tito, unter anderem auf der nicht so weit von Goli Otok gelegenen Privatinsel Brijuni, ein feudales Leben. Der Marschall sonnte sich im Glanz seiner Gäste und kannte dabei keine soziale Distanz: Fidel Castro, der Schah von Persien, Willy Brandt weilten bei ihm; Tito, mit scharfem Auge für Schönheit gesegnet, chauffierte Sophia Loren durch die Gegend.

Mit Stalins Nachfolger Chruschtschow söhnte sich Tito zwar aus, wahrte jedoch Distanz. 1961 hob er in Belgrad die Be­wegung der Blockfreien aus der Taufe, ­zusammen mit Ägyptens Gamal Abdel Nasser und Indiens Jawaharlal Nehru. So, wie Tito die Balance zwischen Ost und West hielt, navigierte er auch zwischen doktrinärem Sozialismus und wirtschaftsliberalen Elementen, namentlich der betrieblichen Selbstverwaltung. Ebenso balancierte er zwischen typisch rotem Polizeistaat und Freizügigkeit im Alltag.

Anders als in den «Volksrepubliken» von Moskaus Gnaden war die Landesgrenze nicht verriegelt. Abertausende ­Jugoslawen fanden Arbeit im Westen. ­Zugleich strömten im Sommer Westler an die adriatische Küste. Das trug zur gesellschaftlichen Öffnung übrigens ähnlich bei wie etwa zeitgleich das massenhafte Erscheinen westeuropäischer Feriengäste an den Stränden von Francos Spanien.

Der delikateste Balanceakt war der­jenige zwischen den Republiken Jugoslawiens. Solange Tito lebte, konnte er dank seines Prestiges und seiner unangefochtenen Autorität die historisch tief verwurzelten Feindseligkeiten, zum Beispiel zwischen Kroaten und Serben oder zwischen Serben und Albanern, unter dem Deckel halten; manchmal spielte er auch Nationalismen gegeneinander aus. Doch ein solides Arrangement, das ihn hätte überdauern können, gelang ihm nicht.

Die Verfassung der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien von 1974 hätte dieser Deal sein sollen. Doch die unbeholfene Ausführlichkeit des Dokuments – was an gleichermassen verästelte wie seelenlose Manifeste der Europäischen Union erinnert – vermochte die inneren Gegensätze nicht aufzulösen. Nach der Wirtschaftsblüte der Fünfziger- und Sechzigerjahre geriet Jugoslawien in Titos letztem Lebensjahrzehnt in Schwierigkeiten. Inflation und Arbeitslosenrate stiegen, die Auslandverschuldung wurde untragbar. Der innerjugoslawische Nord-Süd-Konflikt – die vergleichsweise wohlhabenden Republiken Slowenien und Kroatien wollten keine Transfers mehr bezahlen – findet heute ein fernes kontinentales Echo.

Am Ende gescheitert

Die Heilslehre des Kommunismus verlor mit dem Kollaps des Sowjetreichs ihre letzte Bindekraft. Der Ersatz in weiten Teilen Jugoslawiens, übersteigerter und religiös verbrämter Nationalismus, war leider genauso obszön. Hassausbrüche in Fussballstadien, etwa wenn Dinamo Zagreb gegen Roter Stern Belgrad spielte, waren ein Auftakt zu dem, was dann in den Neunzigerjahren auf den Schlachtfeldern geschah. Simultan zerfiel, unvermeidlich, auch die Einheitswährung Dinar.

Tito, Sohn eines kroatischen Bauern und einer Slowenin, gelernter Schlosser, im Ersten Weltkrieg wagemutiger Feld­webel im habsburgischen Heer, Kriegsgefangener in Russland, dort inspiriert von der Machtübernahme der Bolschewiki, war letztlich nur ein Machtmensch – wiewohl ein farbiger. Doch eine Vision hatte Tito nicht, und daran ist er am Ende gescheitert. Ob er das in seinen letzten Tagen, 1980 im Spital von Ljubljana, ahnte?