Kaffee mit…

Tobias Reichmuth, Investor

Der Starkregen vom frühen Morgen hat nachgelassen und die träge Sommerluft abgekühlt. Im Radio verdrängt Sam Cookes «Wonderful World» gerade die Temptations, hinter dem Tresen dampft eine dreikolbige Kaffeemaschine. Für einen Moment scheint zwischen der leeren Reihe schmuckloser Holztischchen im Zürcher Café Oskar Kowalski die Zeit stillzustehen. Es bleibt beim Moment. «Sorry für die Verspätung», sagt Tobias Reichmuth mit leichtem Basler Akzent, während er mit Vierbeiner Fritz, einem Rhodesian Ridgeback, durch die Tür tritt. «Ich hatte Ihnen eine Mail geschickt.» Es ist fünf nach zehn Uhr. Für Reichmuth zählen die Minuten. Seine Zeit steht selten still. Dafür hat er zu wenig.

Tobias Reichmuth arbeitet an der Energiewende. Nicht mit Transparenten und Parolen, sondern mit Investments. Der Vierzigjährige verwaltet als Gründer und CEO des Zürcher Fondsmanagers SUSI Partners nachhaltige Anlagen über mehr als 1,1 Mrd. Fr. Eine stolze Summe. Und doch sagt er: «Wir müssen schneller wachsen. Unser Zeitfenster ist verdammt klein, wenn wir das Klimaziel erreichen wollen. Die Uhr zeigt nicht fünf vor zwölf, sie zeigt nach halb eins.» Klimaziel? Fünf vor zwölf? Ein Investment-Manager, dessen erstes Wort nicht der Rendite gilt, fällt aus dem Rahmen. «Natürlich will ich mit SUSI Geld verdienen», sagt Reichmuth. «Ich bin ja nicht nur Gutmensch, sondern auch Investment-Manager. Aber dafür muss ich nicht den Planeten zerstören.»

Im Juli gab SUSI bekannt, man habe Kapitalzusagen über 150 Mio. € für einen zweiten Energieeffizienzfonds gesammelt. Hinter dem langen Wort steckt ein Exempel dafür, wie Reichmuth Profit und Nachhaltigkeit verbindet. Überall in Europa rüstet SUSI städtische Strassenbeleuchtungen auf CO2-sparende LED-Lampen um. Auf eigene Bilanz, ohne das Budget der Städte zu belasten. Von den gesparten Stromkosten erhält der Fondsmanager über eine bestimmte Laufzeit rund die Hälfte ausgezahlt. «Light as a Service» nennt sich das. Mit den Einnahmen werden die Investitionen zurückgeführt und eine Rendite generiert. Der Clou: Für die Rendite bürgen die Lampenhersteller, die die Einsparungen garantieren.

Wer ist der Mann, der mit solch raffinierten Ansätzen zur Lösung des drängendsten Problems unserer Gesellschaft beiträgt? Noch während seines Studiums der Betriebswirtschaft an der Universität St. Gallen gründet Reichmuth sein erstes Unternehmen. Mit 23 Jahren verkauft er es und wechselt zum Strategieberater Boston Consulting. Mit 26 macht er sich auf eine zweijährige Weltreise in einem alten Geländewagen, während deren er, schockiert vom Zustand des Permafrosts in Alaska, über den Klimawandel nachzudenken beginnt. Zurück, gründet Reichmuth 2009 SUSI und macht sich daran, nachhaltige Anlagen salonfähig zu machen.

Zu Beginn habe es vor allem eines gebraucht: viel Überzeugungsarbeit. Ihre erste grüne Investition, eine Solaranlage in Deutschland, finanzieren die Aktionäre von SUSI selbst. Zum Beweis, dass sich Nachhaltigkeit lohnt. Die Rendite liegt bei 12%, das Interesse der Anleger steigt. Allerdings nur zaghaft. «Bis wir die ersten 10 Mio. Fr. hatten, dauerte es zwei Jahre», erinnert sich Reichmuth. «Türklinken putzen» nennt er diese Zeit heute.

Inzwischen fliesst das Kapital schneller. Auch weil das Thema aktueller geworden ist. Doch ist die Entwicklung schnell genug, um die Energieziele zu erreichen? «Führt man sich die enormen Investitionsbedürfnisse zur Erreichung der Energiewende vor Augen, stehen wir ganz am Anfang», sagt Reichmuth. «Trotzdem bin ich optimistisch. Ich glaube, dass die Technologie sich exponentiell entwickelt und uns hilft, die Probleme zu lösen.»

Der Lösungsweg, der Reichmuth vorschwebt, baut nicht auf Verzicht, sondern auf Innovationen. Innovationen wie die Luftwärmepumpe, mit der er seinen Bauernhof ausgerüstet hat. Oder den Bausatz, mit dem er seinen 1962er Jaguar zum Elektro-Oldtimer umrüsten will. «Verbote sind kaum umsetzbar – einfacher ist es, den Menschen bessere Alternativen anzubieten», sagt er. Mit seinem Glauben an den Erfindergeist der Menschen bleibt Reichmuth sich selbst treu. Jüngst hielt er in der TV24-Sendung «Die Höhle der Löwen» als Investor nach Jungunternehmern Ausschau. Nach Optimisten, die auf der grünen Wiese starten, um etwas zu bewegen. Wie er es getan hat. «Gerade beim Thema Energiewende braucht es diesen Optimismus», sagt Reichmuth. «Pessimismus heisst Resignation. Dann sitzt du nur noch im Oskar Kowalski, trinkst Bier und wartest auf das Ende. So weit kommt es bestimmt nicht.»

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