Am Meguro-Kanal, nur wenige U-Bahn-Stationen vom Hochbetrieb des Stadtzentrums entfernt, befindet sich der Eingang zum Sato-Sakura-Museum. Es ist ganz der Sakura, der Blütezeit der Kirschbäume, gewidmet. Für die Japaner sind diese wenigen Tage eine Zeit intensiver Lebensfreude und Symbol für die Vergänglichkeit der Schönheit; das Museum ist in keinem Reiseführer erwähnt, vielleicht weil man sich nicht vorstellen kann, dass auch Touristen Interesse daran haben? Der von Kirschbäumen gesäumte Kanal verwandelt sich im Frühling in einen Ort der Besinnung. Bei Einbruch der Dunkelheit drängen sich Anwohner an den Ufern, um einen Blick auf die beleuchteten Bäume zu bekommen. Das kleine dreistöckige Museum liegt nur einen Katzensprung davon entfernt.

Hier gibt es die schönsten zeitgenössischen Gemälde zur Sakura zu sehen. Und darüber hinaus zu beobachten, wie viele Japaner vor den Bildern meditieren. Im nahegelegenen Nakameguro-Quartier mit seinen historischen Gassen treffen sich Kreative. Einladende Cafés und Restaurants, angesagte Boutiquen und das Meguro-Kunstmuseum mit hervorragenden Ausstellungen machen es zu einem lebendigen Stadtviertel. Ein Besuch der bekanntesten Kulturinstitutionen Tokios (Tokyo National Museum, National Art Center, Mori, Suntory, Complex 665) ist ein Muss, kein Zweifel. Doch Ausflüge an unbekanntere Orte lohnen sich ebenfalls. Im ursprünglichen Künstlerviertel Yanaka, das trotz der Gentrifizierung seinen Charakter behalten konnte, hat sich in einem 200 Jahre alten öffentlichen Badehaus die SCAI The Bathhouse Gallery einquartiert.

Dort werden Werke der wichtigen und bekannten Künstler des Landes gezeigt. Toshikatsu Endo, der eine Vorliebe für verbranntes Holz hat, zum Beispiel oder Mariko Mori, die für ihre Performances in auffälliger Kleidung bekannt ist. Die Galerie liegt hinter einer der Riesenspinnen von Louise Bourgeois in den Roppongi Hills. «Mama», so der Name der monumentalen Skulptur, die auch einmal ein paar Tage bei Zürichs Bürkliplatz stand, begrenzt das Roppongi-Kunst-Dreieck, ein neues Künstlerviertel, in dem zurzeit viel passiert.

Ein weiteres Glanzlicht im Yanaka-Quartier ist das Fumio-Asakura-Museum. Das von einem grossen Garten umgebene ehemalige Atelier des Bildhauers bietet Besuchern die Möglichkeit, seine Werke in Ruhe zu betrachten. Anders geht es zu im 3331 Arts Chiyoda. Das Kunstzentrum mit Boutique, Café und Kinderspielplatz versteckt sich in einem ruhigen Quartier nahe Akihabara und stellt Residenzkünstler aus. Interessierte können in der ehemaligen Schule von Klassenzimmer zu Klassenzimmer gehen und sich mit den arbeitenden Künstlern und Künstlerinnen unterhalten. Zur Abwechslung ist ein Besuch in den Galerien der Luxusmarken (Pola, Shiseido, Louis Vuitton) zu empfehlen. Sie sind in den Prachtbauten am japanischen Gegenstück zu den Champs Elysées in Ginza untergebracht und zeigen grosse Namen, etwa Yayoi Kusama mit ihren schier endlosen Punktmustern, Yoko Ono mit ihren avantgardistischen Performances und Takashi Murakami mit seinen von Mangas inspirierten Skulpturen.

_____ Im französischen Viertel gegenüber dem Kagurazaka-Kanal eröffnete Sueo Mizuma 1994 seine erste Galerie. Er hatte damit solchen Erfolg, dass in den vergangenen zehn Jahren weitere Galerien in Peking, Singapur und im indonesischen Yogyadarta hinzukamen. Mizuma gilt als Pionier der zeitgenössischen Kunst in Tokio, weil er immer wieder interessante Künstler mit Potenzial entdeckt. Aufgrund seiner Überzeugung, dass abstrakter Expressionismus, Pop Art und Minimalismus allesamt Strömungen sind, die in Amerika erdacht wurden und westliche Vorstellungen, christliche Werte und amerikanische Kultur vermitteln, bevorzugt er bei seinen Künstlern einen regionalen Stil. Seine Auffassung von Kunst steht für den Groll, den manche Menschen in Japan heute noch immer gegen Amerika und seine Kulturexporte haben, aufgrund der Besatzung nach dem Zweiten Weltkrieg. Trotzdem ist dieser Einfluss in den beispielsweise GI-Uniformen oder Cowboy-Shirts anbietenden Vintage-Läden im Koenji-Viertel nicht zu übersehen. Japanische Folklore fehlt hier gänzlich, und man könnte fast meinen, in Brooklyn zu sein. Intellektuelle urteilen über diesen «Kulturimperialismus» eher streng: Amerika und Länder Europas würden ihre hegemoniale Macht aufrechterhalten, indem sie ihre Werte in der ganzen Welt verbreiten, findet

zum Beispiel ein in Europa lebender japanischer Forscher.

_____ Zu den Grössen der traditionellen japanischen Kultur gehört der Schriftsteller und Dichter Sen no Rikyu. Er hat im 16. Jahrhundert die japanische Teezeremonie Chanoyu mitbegründet und ist eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der Sengoku-Zeit. Sein klarer, schnörkelloser Stil war stilprägend. Wie Duchamp mit seinen «Readymade» Alltagsgegenständen eine künstlerische Dimension verleihen wollte, drückt sich in Japan die Vorliebe für Formales seit jeher in Teezeremonien aus. Diese gewagte Parallele versuchte das Tokyo National Museum 2018 in seiner Ausstellung «Marcel Duchamp and Japanese Art» zu ziehen. Eine der wichtigsten Referenzen im kulturellen Gedächtnis der Japaner ist die Geschichte von Genji aus dem 11. Jahrhundert. Der Roman erzählt das Leben eines kaiserlichen Prinzen von aussergewöhnlicher Schönheit, der sich als Dichter und Frauenheld einen Namen machte. Die Handlung erstreckt sich über Jahrzehnte und wurde zu einer der Lieblings-Inspirationen japanischer Maler.

Ein weiteres Aushängeschild der japanischen Kultur sind Hokusai und seine Grafiken (Die Welle, die 36 Ansichten des Fuji), die in der Pop-Szene hohes An sehen haben. Das Werk des 1760 geborenen Künstlers hatte einen grossen Einfluss auf Gauguin, van Gogh und Monet. Galerist Sueo Mizuma: «Das japanische Kunstschaffen zehrt von diesem Erbe. Zeitgenössische Populärkulturformen davon findet man in Mangas, Comic-Bänden, und Anime, Zeichentrickfilmen, wieder.» Ein westlicher Beobachter nennt weitere Erkennungsmerkmale japanischer Kunst. Florian Helmke-Becker, Inhaber der Humo Gallery in Zürich, sagt: «Japanische Künstler zeichnen sich durch Sorgfalt, Präzision und Liebe zum Detail aus. Sie haben hohe Erwartungen und arbeiten mit Hingabe und einem ausgeprägten Sinn für eine klare Gestaltung.» Als Beispiel erwähnt der Galerist Kouichi Tabata, der 72 Mal die gleiche Zeichnung von zwei Vögeln auf einem Ast anfertigte und diese Skizzen mit hoher Geschwindigkeit in verschiedenen Farben auf einen Bildschirm projizierte. Das Ergebnis überrascht: Der gleiche Vogel ist jedes Mal ein anderer.

_____ Humo vertritt in der Schweiz auch Toshihiko Mitsuya, der aus Aluminiumfolie organische Skulpturen in der japanischen Origami-Tradition faltet. Ähnlich ins Detail geht bei ihrer Arbeit Shiota Chiharu; ihre Werke sind diesen Herbst im Mori Art Museum in Tokio zu sehen. Die Künstlerin verwendet alte Gegenstände wie Betten, Schuhe und Koffer als Skelette, die sie mit Wollfäden einspinnt. Ihre Arbeit erlange 2015 Beachtung, als sie für die Biennale in Venedig zwei Fischerboote mit einem dichten Netz aus roten Fäden und rund 180 000 alten Schlüsseln verwob. Diese Ausstellung des immer besuchenswerten Museums sollte man nicht verpassen, falls man sich demnächst in Tokio aufhält.