«Dass die Regierung das Volk vertrete, ist eine Fiktion, eine Lüge.» Das leuchtete zu Zeiten des weisen Weltliteraten Leo Tolstoi (1828–1910), im Reich der Romanows, unmittelbar ein. Anschliessend sogar noch krasser, als die roten Zaren wüteten. 1989 erlebte Europa die Epochenwende, die den Kontinent an seinen eurasischen Ausfransungen jedoch nur kurz streifte. Seit 2000 herrscht der gelernte Geheimpolizist Wladimir Putin. Nach der Wahlfarce, die er für nächsten Sonntag in Szene gesetzt hat, wird er weitere sechs Jahre Präsident sein. Putins Programm ist unbekannt, weil inexistent (Aufrüstung ausgenommen). Russland reformieren und modernisieren ist unvereinbar mit dem Erhalten der Machtpyramide: oben die bemerkenswert rasch reich Gewordenen, unten das Volk. Tolstoi selig, der gewiss auf Engelsflügeln durch seine Bibliothek auf dem Landgut Jasnaja Poljana schwebt, kommt das vertraut vor. Womöglich seufzt er gar, tauben Ohren und verstockten Gemütern allerdings unvernehmlich: «Wie viel Mühe kostet die Niederschlagung und Verhütung von Aufständen: Geheimpolizei, andere Polizei, Spitzel, Gefängnisse, Verbannungen, Militär. Und wie leicht sind die Ursachen für Aufstände zu beseitigen!»