Meinungen

Trendlos am Zinsmarkt

Die Zinsen fallen seit mehreren Wochen. Warum das trotzdem noch keine Trendumkehr ist. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Andreas Neinhaus.

«Die Wirtschaft wächst zwar, aber die Wachstumsraten selbst fallen künftig wohl nicht mehr von Periode zu Periode höher aus.»

Der klare Aufwärtstrend der mittel- und langfristigen Zinsen im In- und Ausland ist Geschichte. Er begann Anfang des Jahres und erreichte sein Hoch im Mai oder Juni. Seither fällt die Rendite von Staatsanleihen. In der Schweiz liegt sie nahe –0,3% für zehnjährige Laufzeiten. Sie hat damit den Anstieg fast halbiert. Im Euroraum sieht der Verlauf nicht anders aus. Ebenso in den USA, nur hatte die Aufwärtsbewegung dort früher eingesetzt.

Der Zinsrückgang ist insofern überraschend, als die bisherigen fundamentalen Faktoren fortbestehen. Die Konjunktur läuft, und die Inflation fällt erhöht aus. Ausserdem bleibt die US-Notenbank gewillt, die Anleihenkäufe, mit denen sie die Renditen niedrig hält, zu reduzieren.

Die Wirtschaft wächst zwar, aber die Wachstumsraten selbst fallen künftig wohl nicht mehr von Periode zu Periode höher aus. Das Gros der Aufholjagd ist vorüber und damit auch die Wahrscheinlichkeit neuer Rekorde und positiver Überraschungen bei den Konjunktur- und den Inflationszahlen, die die Zinsen steigen liessen.

Was wir derzeit an den Zinsmärkten beobachten, ist allerdings keine Trendumkehr nach unten, sondern eher ein Vortasten, wie es weitergeht. Vielleicht hat die Drosselung der Fed-Käufe doch nicht so drastische Markteffekte wie befürchtet. Die Deltavariante von Corona könnte den Aufschwung doch stärker bremsen als angenommen, und das Inflationsgespenst ängstigt weniger. Aber die US-Zahlen, die im August oder September publiziert werden, könnten neue Inflationsspitzen bei den Mieten aufdecken und Investoren erschrecken. Die Ungewissheit bleibt gross.