James Joyce bezog seine Inspiration für den «Ulysses» nicht ausschliesslich aus Dublin, sondern auch aus seinen süffigen Streunereien durch Triest. Er lebte vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs in der Stadt am Nordende der Adria, als sie noch Österreich-Ungarns Kriegs- und Handelshafen war und sich in den Gassen ein mediterran-mitteleuropäisches Publikum tummelte. Joyce hielt sich dort als Sprachlehrer über Wasser; er versuchte überdies, ohne Erfolg, irischen Tweedstoff nach Triest einzuführen – das Potenzial der Stadt als Drehscheibe für den Güteraustausch war ihm klar. Der chinesischen Regierung von heute auch: Peking und Rom haben 2019 einen Vertrag über die Teilnahme Italiens am Netzwerk der «Neuen Seidenstrasse» unterzeichnet; ein Kernpunkt ist chinesisches Engagement im Freihafen Triest. Der wäre ein idealer Endpunkt für die maritime Seidenstrasse, mit Bahn- und Strassenanbindung direkt ins Herz des Kontinents. Das ist effizienter als von Piräus aus; Athens Hafen ist bereits in chinesischem Besitz. Doch in Rom, Brüssel und Washington regt sich zunehmend Widerstand gegen Pekings Zugriffigkeit. Daher regt sich in Triest wenig. Auch Joyce steht still, auf dem Ponte Rosso zu Bronze erstarrt. (Bild: Enrico Caccia Fotografie/Keystone)