Märkte / Rohstoffe

Tropensturm «Harvey» belastet den US-Ölpreis

Das schlimmste Unwetter seit Jahrzehnten hat in Texas zum Ausfall mehrerer Raffinerien geführt. Die US-Rohöllager dürften sich wieder füllen.

Tropensturm «Harvey» hat den Südosten der USA fest im Griff. Am Sonntag sind in der texanischen Grossstadt Houston stellenweise bis zu 60 Zentimeter Regen gefallen. In manchen Strassen steht das Wasser meterhoch. Häuser und Fabriken wurden geflutet. Auch die Ölindustrie ist betroffen: Einige Bohrstellen und viele Raffinerien stehen seit dem Wochenende still.

Der Ausfall liess den Benzinpreis zeitweise auf 1.77 $ je Gallone (3,79 Liter) und damit auf den höchsten Stand seit zwei Jahren steigen. Mit dem Preis für US-Leichtöl der Sorte West Texas Intermediate ging es dagegen deutlich nach unten. Am Dienstag kostete ein Fass noch 46.90 $. Nordseeöl Brent verbilligte sich dagegen nur leicht auf 52.10 $ je Fass. Damit ist die Preisdifferenz zwischen den Sorten so gross wie seit Oktober 2015 nicht mehr.

Fehlende Kapazität

Grund für die unterschiedliche Preisentwicklung bei WTI (WBS 117.46 +2.28%) und US-Benzin ist gemäss den Analysten der Commerzbank (CBK 5.89 +1.55%) die beschränkte Raffineriekapazität. Infolge des Regens wird in den USA gut 10% weniger Rohöl verarbeitet: Die Nachfrage nach Öl sinkt, während beim Benzin eine Verknappung droht.

Eine Entspannung ist derzeit nicht in Sicht. Nach den schlimmsten Unwettern seit Jahrzehnten herrscht in der Region um Houston weiterhin der Ausnahmezustand. Diese Woche erwartet der US-Wetterdienst NWS stellenweise nochmals mehr als einen Meter Regen. Das ist etwa so viel, wie in Zürich in einem Jahr fällt. Wie lange die Raffinerien geschlossen bleiben, lässt sich im Moment nicht abschätzen.

Der Ausfall bei der Verarbeitung dürfte Auswirkungen auf die Rohöllager haben. Seit Anfang April war der Bestand dank der hohen Nachfrage nach Rohöl stetig gesunken, wie aus den Zahlen der US-Energiebehörde EIA hervorgeht. Dies, obwohl die Produktion in den USA in derselben Zeit von 9,2 auf 9,5 Mio. Fass pro Tag zugenommen hat und auch die Nettoimporte vergangene Woche mit täglich 7,8 Mio. Fass auf dem höchsten Stand seit Anfang Jahr lagen.

Seltenes Muster am Ölmarkt

Das Auseinandergehen von Produktion und Lager ist ein historisch seltenes Muster. In der Regel folgt auf den Anstieg bei der Förderung und den Einfuhren von Rohöl ein höherer Bestand. Die Umweltkatastrophe in Texas könnte zumindest zeitweise zu einer Umkehr des seit Anfang März anhaltenden Trends führen. Das würde den WTI- relativ zum Brent-Preis weiter belasten.

Denn ausserhalb der USA ist die Nachfrage nach Rohöl stabil. Gemäss Jan Edelmann, Rohstoffexperte bei der deutschen HSH Nordbank, machen sich am Brent-Markt erste Anzeichen von Knappheit bemerkbar. Dies, obwohl die Förderdisziplin der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) im zweiten Halbjahr abgenommen hat. Einige Förderer haben im Juli mehr produziert, als gemäss der Vereinbarung erlaubt gewesen wäre.

Mittelfristig dürften sich die Notierungen wieder annähern. Im September sinkt der Ölbedarf traditionell. Zudem könnten die US-Produzenten vermehrt Rohöl exportieren, was das Angebot ausserhalb der USA nach oben treibt. Entscheidend für das Gleichgewicht wird aber sein, ob die Opec ihre Förderkürzung über März 2018 hinaus verlängert. Damit rückt bereits das Treffen des Ölkartells im November in den Fokus, auch wenn es dauern wird, bis die Spuren von «Harvey» beseitigt sind.