Meinungen

Trügerisch gute Performance

Hoher Deckungsgrad der Schweizer Vorsorgeeinrichtungen zur Jahresmitte. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Peter Morf.

«Die Reform der zweiten Säule darf nicht auf der langen Bank landen.»

Die gute Nachricht vorweg: Den Pensionskassen geht es zur Jahresmitte 2021 insgesamt gut bis sehr gut, was vor dem Hintergrund der Coronakrise überraschen mag. Gemäss einer Hochrechnung der Oberaufsichtskommission Berufliche Vorsorge (OAK BV) betrug der durchschnittliche Deckungsgrad der Vorsorgeeinrichtungen zur Jahresmitte 119,9%. Das ist ein stolzer Wert, Ende 2020 erreichte er schon gute 113,5%. Zur Jahresmitte 2021 befanden sich gerade einmal zwanzig Kassen in Unterdeckung.

Damit verfügen die Kassen grundsätzlich über einen guten Puffer zur Abfederung von Marktschwankungen. Die dafür vorgesehenen Wertschwankungsreserven erreichten 17,8% der Vorsorgekapitalien. Rund zwei Drittel der Kassen haben ihre Reserven vollständig aufgebaut.

Diese insgesamt komfortable Situation ist gemäss der Kommission «auf die ausgesprochen gute Marktentwicklung in der ersten Jahreshälfte» zurückzuführen. Vor allem in den Kategorien Aktien und alternative Anlagen wurde eine gute Rendite erarbeitet.

Darin schlummert aber auch die erste negative Nachricht. Der gute Deckungsgrad ist nicht auf strukturelle Verbesserungen, sondern auf die Märkte zurückzuführen. Und diese sind und bleiben volatil. Kehrt der Markttrend, schmelzen auch Deckungsgrad und Wertschwankungsreserven relativ rasch. Die hohen Werte sind also keineswegs in Stein gemeisselt.

Die zweite schlechte Nachricht besteht darin, dass der Reformbedarf in der beruflichen Vorsorge überdeckt wird. Er bleibt unverändert gross, woran auch ein guter Deckungsgrad nichts ändert. Die OAK weist denn auch darauf hin, dass der viel zu hohe Umwandlungssatz vor allem in Kassen, die nur das BVG-Obligatorium versichern, zu einer erheblichen internen Umverteilung von Aktiven zu Rentnern führt. Dies kann die Verpflichtungen der betreffenden Kassen langfristig in Frage stellen.

Deshalb ruft die OAK die Politik auf, die nötigen Anpassungen vorzunehmen. Die Reform der beruflichen Vorsorge ist unterwegs, die vorberatende nationalrätliche Kommission hat die Vorlage Ende Juni in einer ersten Lesung beraten. Dabei hat sie sich im Wesentlichen an die Eckwerte der bundesrätlichen Vorlage gehalten, die sich ihrerseits am Kompromiss der Sozialpartner orientiert.

Die Vorlage allerdings weist einen schwerwiegenden Mangel auf. Sie will zur Kompensation des niedrigeren Umwandlungssatzes einen pauschalen Rentenausgleich für alle einführen – ob reich oder arm. Der Zuschlag soll entsprechend der AHV über 0,5 Lohnprozente finanziert werden.

Damit werden die erste und die zweite Säule in unzulässiger Art und Weise vermischt. Zudem wird die Reform so sehr teuer. Die Kommission wird nach der Sommerpause eine zweite Lesung durchführen. Bleibt es beim pauschalen Rentenausgleich, dürfte die Vorlage es schon im Rat, voraussichtlich in der Herbstsession, schwer haben. Das Gleiche gilt erst recht für eine allfällige spätere Volksabstimmung.

Wird auf diesen Zuschlag verzichtet, ist eine mehrheitsfähige Vorlage wahrscheinlicher. Die Reform der zweiten Säule darf nicht auf der langen Bank landen.

Leser-Kommentare

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Roland Heinzer 25.07.2021 - 15:57

Man sollte BITTE einmal einen ECHTEN VERGLEICH der PKs machen und zwar mit einem EINHEITLICHEN TECHNISCHEN ZINS vom max. 1%. Es ist ein Unterschied. ob mit 2%, 1% oder o.75% gerechnet wird. Ein fairere Wert wäre für alle Kassen für den Vergleich einen TZ von 1 Prozent azunehmen.

Philip Hjelmer 29.07.2021 - 12:07

Nicht nur unterschiedliche technische Zinssätze machen einen Vergleich der vielen Pensionskassen schwierig. Die unterschiedliche Altersstruktur der Versicherten der verschiedenen Kassen, und auch der angewandte Umwandlungssatz erschweren einen Vergleich. Der Deckungsgrad sollte nur unter der Berücksichtigung dieser Faktoren beurteilt werden.

Philip Hjelmer 29.07.2021 - 01:16
Das Dreisäulenprinzip unserer Vorsorgesysteme, um das wir lange Zeit vom Ausland beneidet wurden, droht zunehmend in finanzielle Schieflage zu geraten. Die Ausgangslage war lange sehr gut, bis versäumt wurde, der ersten beiden Säulen notwendige Reformen aufgrund der Alterung der Gesellschaft zu verpassen. Anstatt stets zu wiederholen, dass eine finanziell nachhaltige Reform nicht mehrheitsfähig sei, wäre der zuständige Bundesrat gut beraten,… Weiterlesen »