Meinungen

Trügerisch

Die Kursgewinne der letzten Tage sind kein Grund, wieder voll in den Aktienmarkt zu investieren. Ein Kommentar von FuW-Chefredaktor Jan Schwalbe.

«Der Sturm gewinnt Spiele, die Defensive aber Meisterschaften.»

Wir sehnen das Ende der Krise so sehr herbei, dass jeder Hoffnungsschimmer als Beweis für auf Dauer bessere ­Zeiten gesehen wird. Das ist zwar menschlich und beruhigt auch das Gemüt, doch für die sonst zu Recht so rationalen Anleger im Aktienmarkt führt derlei zu Fehlinterpretationen – mit schwerwiegenden Folgen.

Sobald es wie jetzt zwei Tage hintereinander nach oben geht, rufen Anleger und selbst ernannte Strategen auf den ­Aktienblogs dieser Welt den nächsten Bullenmarkt aus. Danach kann man die Uhr stellen. Ja, es gibt durchaus den berühmten Silberstreifen am ­Horizont, wenn es um die Ausbreitung der Pandemie geht. Doch reicht das wirklich, um jetzt euphorisch in den Markt zurückzukehren?

«Finanz und Wirtschaft» hat vor Wochenfrist sechs Punkte definiert, wann einer Erholung zu trauen ist. Ein Blick darauf zeigt, dass es für solchen Optimismus noch zu früh ist und dass es sich wohl um eine «Bullenfalle» handelt. Zusammengefasst: Die Gewinnerwartungen wurden noch nicht ­genug nach unten korrigiert, die ­Pandemie ist nicht unter Kontrolle, die Auswirkungen auf die Wirtschaft und besonders die Konjunktur stehen in den Sternen, die Bewertungen sind günstig, aber nicht günstig ­genug, und das Vertrauen der Anleger ist noch äusserst fragil.

Um eine Regel aus dem Sport zu gebrauchen: Der Sturm gewinnt Spiele, die Defensive aber Meisterschaften. Wer jetzt wieder voll in den Markt geht, der sieht sich vielleicht in den nächsten Tagen als ­Sieger. Doch im Moment gibt es noch viel zu viele Unsicherheitsfaktoren, als dass man schon wieder alle ­Ampeln auf Grün stellen sollte.

Leser-Kommentare