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Meinungen

Trümpfe im Kampf gegen Corona

Arbeitslosenversicherung, Kurzarbeit, Kreditprogramme, dazu Digitalisierung und Arbeit zu Hause: Ohne all das wären die Schäden noch grösser. Ein Kommentar von Luc Zobrist und Michael Grampp.

Luc Zobrist und Michael Grampp
«Covid-19 und die damit verbundenen Einschränkungen der Wirtschaft dürften kurzfristig einen stärkeren relativen Einbruch des BIP mit sich bringen als die Spanische Grippe.»

Der Schweiz steht ein dramatischer Wirtschaftseinbruch bevor. Die globale Coronaviruspandemie und die damit zusammenhängenden massiven Einschränkungen des öffentlichen Lebens in etlichen Ländern dürften der Schweizer Wirtschaft mehr als bloss ein blaues Auge verpassen. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) rechnet für 2020 mittlerweile mit einem realen BIP-Rückgang von fast 7%. Ende März noch gingen dieselben Experten von einem BIP-Rückgang von 1,5% aus.

Auch wenn sich das Ausmass des Wirtschaftseinbruchs derzeit noch nicht genau abschätzen lässt und die Prognosen mit vielen Unsicherheitsfaktoren verbunden sind, versuchen viele, die Krise in einen historischen Kontext zu setzen und mit ähnlichen Ereignissen aus der Geschichte zu vergleichen. Dabei fällt immer wieder ein Begriff: die Spanische Grippe. Sie suchte die Welt nach dem Ersten Weltkrieg heim und tötete binnen zwei Jahren fast 40 Mio. Menschen. In der Schweiz fielen ihr etwa 25’000 Personen zum Opfer.

Die Spanische Grippe und Covid-19 lassen sich natürlich nicht einfach gleichsetzen – allein schon weil Erstere auf ein völlig anderes Gesundheitssystem traf und auch viele jüngere Todesopfer forderte. Dennoch ergibt ein Vergleich der wirtschaftlichen Auswirkungen der beiden Pandemien einige interessante Erkenntnisse.

Vorteile der Digitalisierung

Erstens dürfte der Wirtschaftseinbruch von Covid-19 grösser ausfallen. Ökonomen der Universität Harvard haben jüngst berechnet, dass der Rückgang des realen Bruttoinlandprodukts als Folge der Spanischen Grippe im Durchschnitt über alle Länder etwa 6% betrug – ein Wert, der in den meisten der von Covid-19 stark tangierten Länder und wohl auch in der Schweiz übertroffen werden dürfte, wie die Prognose des Seco zeigt. Das hat vor allem damit zu tun, dass die Einschränkungen für die Wirtschaft vor hundert Jahren viel weniger drastisch ausfielen. Der Bundesrat verzichtete damals auf die Stilllegung grosser Teile des öffentlichen Lebens.

Zweitens gibt es heute einen ausgebauten Sozialstaat und andere staatliche Instrumente. Selbst wenn die Wirtschaft stärker schrumpfen sollte, können die Folgen auf den Arbeitsmarkt sozialpolitisch viel besser abgefedert werden. So kennt die Schweiz heute eine obligatorische Arbeitslosenversicherung und das Instrument der Kurzarbeit. Der Bundesrat hat zudem gemeinsam mit den Banken ein umfassendes Kreditprogramm auf die Beine gestellt, das die Unternehmen mit Liquidität versorgt.

Drittens hat sich die Wirtschaftsstruktur seither fundamental verändert. 1920 arbeiteten in der Schweiz lediglich 30% aller Beschäftigten im Dienstleistungssektor. Heute beträgt dieser Anteil fast 80%. Hinzu kommt, dass in den vergangenen Jahrzehnten digitale Technologien viele Wirtschaftsbereiche ins Virtuelle verlegt haben. Das hat gerade in Zeiten einer Pandemie grosse Vorteile für Anbieter und Nachfrager gleichermassen: Trotz der Stilllegung grosser Teile des öffentlichen Lebens und der Wirtschaft können viele Dienstleitungen immer noch online produziert und erworben werden. Zur Zeit der Spanischen Grippe wäre das undenkbar gewesen.

Fast jeder Zweite arbeitet von zu Hause aus

Die Digitalisierung der Wirtschaft und die Möglichkeit, von zu Hause aus zu arbeiten, helfen, die wirtschaftlichen Begleitschäden von Pandemien zu mindern. Gemäss einer repräsentativen Umfrage von Deloitte hat der Anteil von Beschäftigten in der Schweiz, die mindestens einen halben Tag im Home Office arbeiten, seit Ausbruch der Coronakrise Mitte März von 25 auf heute fast 50% zugenommen. Jeder Zweite arbeitet derzeit also von zu Hause aus. Spannend ist in diesem Zusammenhang die Branchensicht. Vergleicht man den Anteil an Beschäftigten, die im Home Office arbeiten, mit dem Anteil an Beschäftigten, die ihre Arbeit niederlegen mussten (und somit von Kurzarbeit oder Entlassung betroffen sind), zeigt sich ein stark negativer Zusammenhang. Anders gesagt: Je höher der Home-Office-Anteil in einer Branche, desto weniger Beschäftigte mussten ihre Tätigkeit einstellen.

Wie die Abbildung zeigt, sind die negativen Auswirkungen auf die Beschäftigten im Gastgewerbe am grössten: Über 30% mussten ihr Pensum komplett reduzieren. Gleichzeitig weist diese Branche mit 14% den niedrigsten Home-Office-Anteil aus. Ganz anders die Situation in der Informations- und Telekommunikationsbranche (ICT) oder bei den Banken und den Versicherungen, wo die Mehrheit im Home Office arbeitet und nur ein Bruchteil die Arbeit niederlegen musste. Der einzige Ausreisser in diesem Muster ist die Gesundheitsbranche, was aber angesichts der Sonderregeln und der direkten Betroffenheit durch das Coronavirus nicht erstaunlich ist. Natürlich ist der Home-Office-Anteil nicht der einzige Indikator dafür, ob Beschäftigte ihre Tätigkeit niederlegen mussten. Entscheidend ist auch die Frage, ob ein Beruf ohne unmittelbaren Kontakt zu anderen Menschen ausgeübt werden kann. Trifft dies zu, war er kaum von den Stilllegungsmassnahmen des Bundesrats betroffen.

Kurzum: Covid-19 und die damit verbundenen Einschränkungen der Wirtschaft dürften kurzfristig einen stärkeren relativen Einbruch des BIP mit sich bringen als die Spanische Grippe. Allerdings haben wir heute ein paar Trümpfe in der Hand, die uns helfen, die sozialpolitischen Folgen zu mindern. Dazu gehören nicht nur die Arbeitslosenversicherung, die Kurzarbeit und die Kreditprogramme, sondern auch die Digitalisierung und das Home Office. Ohne sie würden die wirtschaftlichen Verwerfungen zweifellos noch um einiges grösser ausfallen.

Leser-Kommentare

Nader Rodolfo Fassbind 15.05.2020 - 15:08

Die spanische Grippe breitete sich gegen Ende des 1. Weltkrieges aus, in einer Zeit also, in welcher die Wirtschaft bereits sehr geschwächt war. Die spanische Grippe breitete sich in 3 Wellen aus (1918 bis 1920). Wir stehen also mit dem Coronavirus erst am Anfang. Sämtliche Vergleiche sind somit völlig verfrüht und somit wertlos.