Dossier-Bild Ein Artikel aus dem Dossier US-Wahlen 2020
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Trump gelingt kein Wunder

Nach der letzten Debatte rückt Joe Biden dem Weissen Haus einen weiteren Schritt näher. Ein Kommentar von USA-Korrespondent Martin Lüscher.

«Für Trump war es definitiv zu wenig, um genügend unentschlossene Wähler noch ins Boot zu holen.»

Kurz nach halb zehn Uhr Ortszeit war es endlich soweit. Die letzte Debatte der US-Präsidentschaftswahl 2020 war vorbei.  Nun folgt nur noch der Wahltag am 3. November. Obwohl, gewählt wird bereits seit Wochen: Bis heute haben 49 Mio. Amerikaner ihre Stimme abgegeben – das entspricht mehr als einem Drittel aller Stimmen, die 2016 eingegangen waren.

Für diese Wähler spielte es keine Rolle mehr, wie sich Amtsinhaber Donald Trump und Herausforderer Joe Biden während ihres Rencontres in Nashville, Tennessee, schlugen. Doch auch für die restlichen Wähler dürfte die Debatte keine bleibenden Spuren hinterlassen haben.

Mit dem Rücken zur Wand

Die Ausgangslage vor der Debatte war klar. Trump musste gegenüber dem ersten Treffen eine deutlich bessere Performance abliefern. Gemäss Umfragen liegt der Präsident landesweit sowie in einigen wichtigen Swing States gegenüber seinem demokratischen Herausforderer deutlich zurück.

Hatten sich die zwei Bewerber während der ersten Debatte eine Schlammschlacht geliefert, die den neutralen Beobachter verstört zurückliess, verlief das zweite Aufeinandertreffen so schlimm nicht. Besonders die ersten Hälfte verlief überraschend gesittet.

Gleich zu Beginn malte Trump, wie er das seit Jahresbeginn macht, ein wissenschaftlich unfundiertes, zuversichtliches Bild der Coronapandemie, während Biden erklärte, er werde mit wissenschaftlich fundierten Massnahmen und Regeln die Pandemie unter Kontrolle bringen. Auch sonst machten sich zwischen den beiden Kandidaten erwartungsgemäss Gräben auf.

Die Debatte und die Kandidaten anhand von politischen Themen und Problemlösungsvorschlägen abzuarbeiten, würde dem Donnerstagabend aber nicht gerecht werden, denn spätestens als die zwei Bewerber über die Wahleinflussnahme von Russland und Iran zu sprechen begannen, kippte die Stimmung von gesittet in erhitzt.

Immer wieder Russland

Als Biden warnte, dass Trumps Anwalt Rudy Giuliani mit russischer Propaganda gefüttert werde – was gemäss des amerikanischen Geheimdienstes zumindest der Plan war, wie die Washington Post schreibt – platzte Trump der Kragen. Haltlos unterstellte er Biden, von Russland Geld angenommen zu haben und sich während seiner Amtszeit als Vizepräsident in China und in der Ukraine illegal bereichert zu haben. Er bezog sich auf E-Mails und Zahlungen, Zusammenhänge, die Leute ausserhalb der Nachrichtenwelt Trumps kaum verstehen konnten.

Er fabulierte erneut davon, dass er Obamacare abschaffen und mit einer besseren Versicherung ersetzen werde – seit 2015 gehört dies zum Mantra der Republikaner. Einen konkreten Plan hat Trump aber nie präsentiert.

Während der gesamten Debatte feuerte Trump Lüge um Lüge fast im Sekundentakt. Eine sinnvolle inhaltliche Debatte über Pläne und Massnahmen konnte so nicht stattfinden. Das konnte aber auch nicht erwartet werden.

Aus der Ruhe locken liess sich Biden nur selten. Auch er konnte zwar kaum brillieren. Er verwechselte Zahlen, Namen und verlor ab und zu den Faden. Doch mit den einstürzenden Lügengebäuden von Trump konnte er nicht mithalten.

Nicht genug, um Rückstand einzuholen

Für Trump war es definitiv zu wenig, um genügend unentschlossene Wähler ins Boot zu holen. Dafür hätte er sie entweder mit Empathie und Verständnis im republikanischen Lager willkommen heissen oder Biden derart aus der Fassung bringen müssen, dass sein Herausforderer einen Fehler begangen hätte. Doch so weit kam es nicht.

So bleibt auch nach der zweiten und damit letzten Debatte alles wie bisher. Die Ausgangslage des Rennens hat sich kaum verändert und Bidens Wahl ins Weisse Haus wird immer wahrscheinlicher.

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