Dossier-Bild Ein Artikel aus dem Dossier US-Wahlen 2016
Meinungen

Trump legt die Bruchlinien offen

Der Wahlsieg von Donald Trump ist kein typisch amerikanisches Phänomen. Er ist die Konsequenz von Entwicklungen, von denen die Demokratien in Europa genauso betroffen sind. Ein Kommentar von FuW-Chefredaktor Mark Dittli.

«Viel zu lange wurden die Verlierer der Globalisierung im Westen ignoriert»

Donald Trump ist gewählt. Der Mann, den zu Beginn seiner Kandidatur niemand ernst genommen hat. Der Mann, der im Wahlkampf primär mit sexistischen, rassistischen, xenophoben, geopolitisch haarsträubenden Äusserungen aufgefallen ist: Er wird am 20. Januar 2017 als 45. Präsident der USA den Amtsschwur leisten und Barack Obama im Oval Office ablösen. Trump wird sogar – eine historische Seltenheit – beide Kongresskammern auf seiner Seite haben. Das bedeutet, er wird vieles bewegen können.

Man mag nun diskutieren, was die Schwächen von Hillary Clinton waren, doch im Kern stehen nun nur zwei Fragen im Raum. Erstens: Wie wird Donald Trump als Präsident sein, wie wird er regieren? Und zweitens: Wie konnte es überhaupt so weit kommen?

Ein Aufschrei in der flachen Welt

Die kurze Antwort auf die erste Frage: Wir wissen es nicht. Trump ist kein normaler «President-elect». Er hat in seinem Wahlkampf nie ein seriöses Programm präsentiert, das auf Inhalt, Kohärenz und Schwachstellen hätte abgeklopft werden können. Er hat nirgends in seinem bisherigen Leben einen politischen Fussabdruck hinterlassen – weshalb Trump übrigens keineswegs vergleichbar ist mit Ronald Reagan, der als Gouverneur von Kalifornien bereits ein klares politisches Profil besass, als er 1981 ins Weisse Haus einzog.

Alles, was die Öffentlichkeit von Trump bisher sah und hörte, sind erratische Aussagen, Wortfetzen aus Hunderten von Auftritten und eine Charakterskizze. Doch was bedeutet es konkret, wenn Trump sagt, er werde «Amerika wieder gewinnen lassen», mit China besser verhandeln, dafür sorgen, dass die USA nicht mehr ausgelacht würden? Wir wissen es nicht.

Die Reaktion der Finanzmärkte – anfängliche Kursverluste an den Börsen, gefolgt von massiven Gewinnen und einem Ausverkauf an den Bondmärkten – verdeutlicht es: Sie suchen Richtung in einem Zustand von kompletter Ungewissheit. Monate werden vergehen, bis etliche Fragen beantwortet sind: Wen wird Trump in sein Kabinett aufnehmen – Marionetten oder erfahrene Schwergewichte? Wie wird Trump auf der aussenpolitischen Bühne agieren, zum Beispiel, wenn er das erste Mal auf Chinas überaus macht- und symbolbewussten Staatspräsidenten Xi Jinping trifft?

Und wie wird Trump führen, wenn er mit einer echten Krise konfrontiert ist? Die Art, wie Franklin D. Roosevelt die USA durch die Grosse Depression und den Weltkrieg führte, die strategische Besonnenheit, mit der John F. Kennedy die Kubakrise meisterte, die Schwäche, die Jimmy Carter in der Irankrise offenbarte, die Entscheide, die George W. Bush nach den Terroranschlägen von 9/11 traf: Auch Trump wird irgendwann auf das Ereignis treffen, das seine Präsidentschaft definieren wird. Und wir wissen nicht, welche Charaktereigenschaften ihn dann leiten werden.

Konkreter ist die Antwort auf die zweite Frage. Eine aus europäischer Warte verlockende Erklärung, wie es zum Sieg des Demagogen kommen konnte: So ist halt Amerika. Show zählt mehr als Substanz. Trumps Grossspurigkeit kam unter den weniger gebildeten, am Weltgeschehen nicht interessierten Einwohnern zwischen den Appalachen und der Sierra Nevada gut an. Sie sind halt etwas einfach, die Amerikaner abseits der Küsten.

Nichts wäre dümmer, als das Phänomen Trump auf diese Weise zu erklären. Die Antwort liegt tiefer, und sie betrifft die offenen Demokratien in Westeuropa genauso wie die USA. Fakt ist: Trump hat keine Bewegung gestartet. Aber er hat eine Strömung erkannt, ein Unwohlsein, einen Frust in Teilen der Bevölkerung, der sich gegen die herrschende Ordnung richtet. Sein Ruf, «Make America Great Again», traf einen Nerv, ein profundes Gefühl der Unzufriedenheit, den Wunsch nach Veränderung – ohne dass Trump jemals in die Details gehen musste, was denn genau er zu verändern gedenkt.

Woher kommt diese Welle der Unzufriedenheit, die Trump bis ins Weisse Haus trug? Zur Beantwortung dieser Frage ist ein Blick auf die vergangenen knapp dreissig Jahre nötig. Mit dem Fall der Berliner Mauer, dem Zusammenbruch der Sowjetunion und wenig später der beschleunigten Öffnung Chinas begann die heute herrschende Weltordnung. Diese Ära war geprägt von immer freierem Handel, von einer globalen Arbeitsteilung auf zuvor unerreichtem Niveau, von einer zunehmend «flachen», digital vernetzten Welt.

Die Hochzeit der Globalisierung, von 1990 bis 2008, hat Hunderte Millionen Menschen auf dem Globus, von China über Indonesien bis Brasilien, aus der Armut gehoben. Diese Jahre waren auch enorm einträglich für die reichsten Schichten in Europa und Nordamerika. Beide Bevölkerungsgruppen, die aufstrebende Mittelklasse in Schwellenländern und die Oberschicht in den Industrienationen, haben markanten Einkommens- und Vermögenszuwachs erzielt, wie der Ökonom Branko Milanovic in seinem Buch «Global Inequality – A New Approach for the Age of Globalization» darlegt.

Doch es gibt eine Bevölkerungsgruppe auf der Welt, deren reales Einkommen in den vergangenen rund dreissig Jahren nicht gestiegen, ja sogar marginal gesunken ist: die unteren und mittleren Schichten in den westlichen Industrienationen. Ihre Einkommen stehen unter dauerhaft hohem Konkurrenzdruck aus Niedriglohnländern – und sie besitzen zu kleine Vermögen, um von den Boomphasen an den Aktien- und Immobilienmärkten profitiert zu haben. Sie sind die Verlierer der Globalisierung, die Leidtragenden allzu offener Grenzen auf den Güter- und Arbeitsmärkten.

Zerstörte Illusionen

Diese Erkenntnis ist nicht neu per se, doch sie wurde in der Politik – generell in den westlichen Eliten – viel zu lange negiert. Die Flut der Globalisierung hebt alle Boote, lautete während fast drei Jahrzehnten die allgemein akzeptierte Wahrheit. Das mag zwar auf global aggregierter Ebene zutreffen, aber eben nicht im Bevölkerungsgefüge einzelner Staaten.

Während Jahren wurden die Bruchlinien in den westlichen Demokratien – besonders, aber nicht nur, in den USA und Grossbritannien – durch einen steten Aufbau der privaten Verschuldung kaschiert; auf Pump finanzierter Immobilienbesitz und Konsum hielt die Illusion am Leben, die Mittelschicht partizipiere am globalen Wachstum der Einkommen und Vermögen. Die Finanzkrise von 2008 zerstörte diese Illusion. Die Geldpolitik der Notenbanken in den vergangenen acht Jahren hat die Ungleichgewichte noch verstärkt: Niedrigst- und Nullzinsen begünstigen die Eliten, weil sie die Vermögensmärkte aufblähen, doch die Sparer – eben die Mittelschicht – leiden.

Spätestens die Wahl von Trump legt die zum Teil horrenden Gräben in den westlichen Demokratien offen. Der Grafikdesigner in San Francisco, die Bankerin in London, die Politologin in Berlin oder der Journalist in Zürich mögen die flache, globalisierte Welt geniessen, doch immer breitere Bevölkerungsschichten fühlen sich von ihren Eliten verraten und missverstanden.

Sie, die von Hillary Clinton im Wahlkampf als «Deplorables» – Bedauernswerte – bezeichnet wurden, sind nicht dumm. Sie stehen schlicht auf der Verliererseite der herrschenden Weltordnung. Sie wollen diese Ordnung verändern. Und wenn sie ein demokratisches Ventil dazu erhalten, dann nutzen sie es und tun ihren Wunsch nach Veränderung kund. Sie taten es am 23. Juni 2016 in Grossbritannien, sie taten es am 8. November in den USA. Sie werden es möglicherweise am 4. Dezember in Italien tun, wenn Ministerpräsident Matteo Renzi seine Verfassungsreform vor das Volk bringt. Und sie werden im kommenden Jahr in den Niederlanden, in Frankreich und in Deutschland in nationalen Wahlen die Möglichkeit erhalten, es zu tun. Der Brexit-Entscheid und die Wahl von Trump waren erst der Anfang.

Leser-Kommentare

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Jean Ackermann 14.11.2016 - 09:31
Wenn man die “weniger gebildeten, am Weltgeschehen nicht interessierten Einwohner zwischen den Appalachen und der Sierra Nevada ” den “mainstream-gebildeten und -geformten Einwohnern in Europa” gegenüberstellt, kann man keinen grossen Unterschied im “Weiten Weltblick” feststellen. Der Unterschied zwischen Amerika und Europa liegt eher darin, dass die Amerikaner dann schnell ihrem Bauchgefühl folgen, während Europäer, die ihrem Bauchgefühl folgen rigoros in… Weiterlesen »
Peter Martin Wigant 14.11.2016 - 23:26
Liebe FuW, Mark Dittli hat einen ausgezeichneten Artikel geschrieben. Die Politikverdrossenheit ist nicht bloss ein Zeichen der Unzufriedenheit der unteren Schichten. Nein, sie ist ein Zeichen dass es an der Zeit ist, etwas zu ändern. Und die Politiker sitzen in ihren Elefenbeintürmen und beklagen dass die Wähler “es” nicht verstehen. Der Souverän hat bisweilen die Zeichen der Zeit klarer erkannt… Weiterlesen »