Meinungen English Version English Version »

Trump, Reagan und die Zinswende

Um die gewaltige Steuerreform einzuschätzen, die neulich in den USA realisiert worden ist, lohnt sich der Blick zurück auf die Achtzigerjahre. Ein Kommentar von Hans-Werner Sinn.

Hans-Werner Sinn
«Besonders deutlich werden die Parallelen in der Wirtschaftsentwicklung.»

Wiederholt sich die Geschichte? Als Präsident Ronald Reagan 1981 sein Amt übernahm, senkte er die Höchstsätze der Unternehmenssteuer und die persönliche Einkommenssteuer, und er erlaubte die Fast-Sofort-Abschreibung von Ausrüstungsinvestitionen. Da er zugleich begann, die Wirtschaft zu deregulieren, konnte er seine Politik Angebotspolitik nennen, doch in Wahrheit realisierte er das bis dahin grösste keynesianische Konjunkturprogramm aller Zeiten.

Zwar berief er sich auf den Laffer-Effekt, nach dem sich Steuersenkungen durch den von ihnen ausgelösten Boom angeblich selbst finanzieren. Doch die Realität war ernüchternd. Über zwei Legislaturperioden hinweg verdoppelte er die Defizitquote des Staates im Vergleich zu den zwei vorangehenden Perioden, und die Staatsschuld wuchs viele Hunderte Milliarden Dollar über das hinaus, was ohne die Reformen realisiert worden wäre. Die Konjunktur kam Mitte seiner ersten Amtsperiode gewaltig in Fahrt. Reagan wurde zum Helden der Wirtschaft.

Die Kehrseite des Booms war ein rascher Zinsanstieg. Die Realzinsen für zehnjährige US-Staatspapiere, die noch in den Siebzigerjahren meistens unter 2% lagen und temporär sogar negativ waren, schossen auf einmal hoch und erreichten bereits 1982 einen Wert von 7%, der in den Folgejahren sogar noch übertroffen wurde. Der Aussenwert des Dollars stieg im Vergleich zu den meisten anderen Währungen der Welt. Bis 1982 hatte er sich relativ zur DM um die Hälfte erhöht, bis zum Ende der ersten Amtszeit Reagans sogar auf das Doppelte.

Zinsanstieg

Der Kursanstieg brachte auf der ganzen Welt viele Banken und ganze Volkswirtschaften, die sich in Dollar verschuldet hatten, in Schwierigkeiten, weil sie in heimischer Währung bilanzieren mussten und nun durch die Aufwertung ihrer Passiva plötzlich sehr viel Eigenkapital verloren. 1982 ging Mexiko in Konkurs, kurz darauf  folgten Brasilien, Argentinien und Chile. Fast alle lateinamerikanischen Länder hatten sich in den Siebzigerjahren hemmungslos in Dollar verschuldet und strauchelten.

In Europa waren die Folgen weniger dramatisch, weil man nicht in Dollar verschuldet war. Doch Europa konnte sich dem Zinsanstieg nicht verwehren, ohne eine noch stärkere Abwertung der eigenen Währungen zu riskieren. Die Folge war eine jähe Abschwächung des Baubooms, der in einigen Ländern, vor allem in Deutschland, in den Siebzigerjahren geherrscht hatte.

All dies sollte man vor Augen haben, um die gewaltige Steuerreform einzuschätzen, die in den USA realisiert worden ist: eine Reform, die den Unternehmenssteuersatz von 35 auf 21% gesenkt hat, wiederum Fast-Sofort-Abschreibungen für Ausrüstungsgüter vorsieht, ausserdem die Steuern auf repatriierte Gewinne von US-Unternehmen abschafft und ein Budgetdefizit von 1900 Mrd. $ in einer Dekade hervorbringen könnte.

Währungskrisen

Besonders deutlich werden die Parallelen in der Wirtschaftsentwicklung. So liegt das Wachstum der USA derzeit auf 4%, was aus europäischer Sicht schon astronomisch anmutet. Die Arbeitslosenrate ist so niedrig wie auf dem Höhepunkt der Dotcom-Blase 2000. Die Zinsen steigen weiter. Während es zwischen amerikanischen und deutschen Staatspapieren um die Jahre 2011/2012 gar keine nennenswerten Renditedifferenzen gab, liegen sie nun auf ca. 3 Prozentpunkten. Der Zinstrend hat sich seit dem Sommer 2017, als klar wurde, dass die Steuerreform kommen würde, stark beschleunigt. Auch der Wechselkurs hat bereits reagiert. So schlug die Aufwärtsbewegung des Euros, die im Jahr 2017 dominierte, mit dem Beginn des Jahres 2018 in eine Abwärtsbewegung um.

Diese Abwärtsbewegung wird sich vermutlich fortsetzen, obwohl der Euro bereits unterbewertet ist, weil die EZB sich entschlossen hat, die Zinsen zumindest am kurzen Ende vorläufig bei null zu belassen, während der Zentralbankzins des Fed schon wieder auf 2% gestiegen ist. Die Dramatik der Kursentwicklungen muss nicht die Zeit unter Reagan wiederholen, sie könnte aber erhebliche Ausmasse annehmen und würde dann wiederum einige Länder, die stark in Dollar verschuldet sind, unter Druck setzen.

Die gegenwärtigen Währungskrisen in Argentinien und der Türkei, zwei Ländern, die auch schon 1982 dabei waren, haben wie damals mit einem raschen Währungsverfall und nur noch schwer beherrschbaren Fremdwährungskrediten zu tun. Indonesien, Südafrika und manche andere Schwellenländer sind gefährdet. Südeuropa kann auch keine höheren Zinsen vertragen. Gefahr liegt in der Luft.

Copyright: Project Syndicate.

Leser-Kommentare