Meinungen

Trump steht in der Tradition vieler Mauerbauer

Staatsgrenzen sind eine Realität. Das Bestreben, sie streng zu bewachen, ist eine historische Konstante, in den USA wie anderswo. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Manfred Rösch.

«Ob eine Mauer zu Mexiko ihren Preis wert ist, müssen die amerikanischen Wähler und Steuerzahler wissen.»

Einer hat die Absicht, eine Mauer zu errichten: Donald Trump. Die riesigen USA haben nur zwei Landgrenzen; diejenige zu Kanada wird im üblichen Mass kontrolliert, diejenige zu Mexiko, 3145 Kilometer lang, soll gänzlich verbarrikadiert werden.

Darüber tobt in Washington zwischen dem republikanischen Präsidenten und den oppositionellen Demokraten, die freilich im Abgeordnetenhaus die Mehrheit halten, ein erbitterter Streit. Allerdings verhalten sich die Demokraten ein ordentliches Stück weit scheinheilig. Der erste massive Zaun, zwischen dem südkalifornischen San Diego und der mexikanischen Grenzstadt Tijuana, entstand unter Bill Clinton (im Amt 1993 bis 2001).

Führende Demokraten zeigten sich in der Vergangenheit oft begeistert über Verschärfungen an der Südgrenze. Präsident Barack Obama erklärte 2011 stolz, noch nie sei der Personalbestand von Zoll und Grenzwacht so hoch gewesen wie unter seiner Regierung; er habe den Aufbau der Grenzpatrouillen, der unter seinem Vorgänger George W. Bush begonnen hatte, konsequent fortgesetzt.

«Tear down this wall!»

Benjamin Franklin, ein Gründervater und ein Gelehrter, beschäftigte sich seinerzeit eingehend mit chinesischer Geschichte. Er empfahl Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, die Westgrenze von Pennsylvania, das damalige Problemstück in der Auseinandersetzung mit Indianern und Franzosen, mit einer durchgehenden Mauer nach chinesischem Vorbild zu schützen. Tatsächlich wurde dann eine Reihe von Forts errichtet. John Jay, ein anderer Founding Father, wünschte sich einen Wall um die ganze junge (und weitgehend protestantische) Republik – um französische, italienische, irische oder spanische, somit katholische, Einwanderer fernzuhalten.

«Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten»: So log im Juni 1961 Walter Ulbricht, der kommunistische Machthaber in der damaligen DDR. Zwei Monate später begannen die Arbeiten an der Berliner Mauer. Eine Schande, doch aus Sicht der DDR und der Sowjetunion rational: Die ostdeutsche Wirtschaft drohte wegen des Massenexodus auszubluten, was den ganzen Ostblock destabilisiert hätte. Realpolitiker im Westen wunderten sich eher, dass Ostberlin bzw. Moskau nicht schon vorher die Grenze dichtgemacht hatten.

Ein anderer amerikanischer Präsident, Trumps Parteifreund Ronald Reagan, sprach 1987 in Sicht- und Hörweite des Brandenburger Tors die Worte: «Mister Gorbachev, tear down this wall!» Das wurde damals in Westeuropa eher belächelt, doch zwei Jahre später fiel Ulbrichts Kerkermauer – vom Regime dummdreist zum «antifaschistischen Schutzwall» verklärt –, mit ihr der ganze Eiserne Vorhang, der den Kontinent seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs geteilt hatte.

Mauern, Wälle, Zäune gibt es seit jeher. Sie sind ein Erkennungsmerkmal von Hochkulturen: Städte definierten sich geradezu durch Mauern, zum Schutz der Insider vor den Outsidern, sozusagen. Ganze Reiche ebenso; die zu Recht berühmteste ist eben Chinas Grosse Mauer, die, mitsamt Verästelungen, gut 21 000 km lang ist und an der von 700 v. Chr. bis ins siebzehnte Jahrhundert gebaut wurde. Wie auch immer ihr Kosten-Nutzen-Verhältnis einzuschätzen ist: Als sinnstiftender Faktor der chinesischen Geschichte ist ihre Bedeutung enorm. Hübsch ist übrigens, dass der Begriff «Chinese Walls» in jüngster Zeit Karriere gemacht hat, im Bankwesen – zwecks Verhinderung des Informationsflusses zwischen Geschäftsbereichen, die unterschiedliche Ziele verfolgen.

Weit kleiner, doch auch eindrücklich ist der Hadrian’s Wall, den die Römer zwischen 122 und 128 n. Chr. etwa entlang der heutigen Grenze zwischen England und Schottland anlegten. Die Historiker neigen dazu, die Funktion dieses Walls weniger in der Abwehr einer Invasion der raubeinigen Kelten als, ganz modern, in der Kontrolle (und Verzollung) des Handels- und Personenverkehrs zu verorten.

Nicht zu vergessen der römische Limes, der einst Germanien durchzog, was auf die Dauer das Vordringen teutonischer Barbaren jedoch nicht verhindern konnte. Es gibt übrigens die gewagte These, wonach sich der einst römische Teil des heutigen Deutschlands vom nie lateinisch gewesenen Norden und Osten mentalitätsmässig unterscheide, nach wie vor.

Doch zurück zur Gegenwart. Ungarn hat nach 2015 an der Südgrenze zu Serbien und Kroatien einen soliden Zaun errichtet, um den Zustrom aus Südosten abzublocken, mit Erfolg. Griechenland, Bulgarien, Slowenien, Mazedonien folgten: Überall sind solche Einfriedungen – die deutsche Sprache lässt tief blicken – in Mode gekommen, um der überfordernden Zuwanderung Herr zu werden. In Westeuropa pflegt das politische und mediale Establishment darüber die Nase zu rümpfen, doch das ist ähnlich heuchlerisch wie der Kurs der US-Demokraten.

Mauern teilen Korea und Zypern, manche stehen heute noch in Belfast – zur Trennung verfeindeter Volksgruppen innerhalb des gleichen Staats –, zwischen Malaysia und Thailand werden welche gegen Schmuggler errichtet, die spanischen Exklaven Ceuta und Melilla schirmen sich mit mächtigem Zaunwerk von Marokko ab, Marokko wiederum unterhält einen langen Festungsstreifen durch die ganze Westsahara, Israel hat Mauern gegen das Westjordanland hochgezogen, um sich vor Attentätern zu schützen, anscheinend durchaus wirkungsvoll.

Trump hat das Mauerbauen weder erfunden noch wieder salonfähig gemacht, er ist nicht der Einzige, der es mit Eifer betreibt bzw. zu betreiben versucht, bloss der gegenwärtig Lautstärkste.

Die militärische Nutzlosigkeit solcher Anlagen hat sich spätestens im Zweiten Weltkrieg mit der Maginot-Linie endgültig erwiesen. Das zivile Befestigen und Abdichten von Staatsgrenzen dagegen, so absurd es mitunter wirken mag, hat mal mehr oder weniger einleuchtende, mal mehr oder weniger respektable Gründe. Weltfremder als die Idee von globaler Grenzenlosigkeit ist es kaum.

Ursachen bleiben

Ob eine durchgängige Mauer zu Mexiko (Trump sprach erst von Beton, nun von Stahl) ihren monetären und politischen Preis wert ist, müssen die amerikanischen Wähler und Steuerzahler entscheiden. Der Sog, den der US-Arbeitsmarkt auf verarmte Mittel- und Südamerikaner ausübt, wird so oder so nicht abflauen. An deren Elend sind unfähige Regierungen in ihren Heimatstaaten schuld, doch auch die korrumpierenden und brutalisierenden Effekte des amerikanischen Drogenmarkts auf die Lieferländer im Süden.

Nach dem Sieg im Mexikanisch-Amerikanischen Krieg 1848 verleibten sich die USA ihren heutigen Südwesten ein, von Texas bis Kalifornien. Politische Kräfte in Washington, vor allem Demokraten von der Ostküste, wollten damals sogar ganz Mexiko annektieren. Nicht viel fehlte, und sie hätten sich durchgesetzt – die USA präsentierten sich heute geografisch, demografisch und konfessionell ganz anders. Immerhin: Die Südgrenze, zu Guatemala und Belize, wäre sehr viel kürzer.

Leser-Kommentare

Horst Klophaus 14.02.2019 - 09:22

Ein ausgezeichneter neutraler, emotionsloser, informativer und sachlicher Kommentar. Wie war das noch mit dem “Mauerblümchen”?

https://www.fuw.ch/article/mauerblumchen/