Meinungen

Trump und Xi schlagen ein neues Kapitel auf

Die Geschichte der amerikanisch-chinesischen Beziehungen ist wechselhaft. Der bisherige Status quo hatte sich bereits vor Trumps Amtsantritt überlebt. Wie es nun weitergeht, ist unklar. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Ernst Herb.

«China lässt keinen Zweifel daran, dem bisherigen Champion USA auf Augenhöhe begegnen zu wollen.»

Der chinesische Präsident Xi Jinping besucht am Donnerstag und Freitag den amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Der Ton für diese erste Begegnung wurde mit Trumps Androhung, die USA würden im Fall einer Fortführung des atomaren Aufrüstungsprogramms Nordkoreas einen militärischen Alleingang in Betracht ziehen, schon einmal gesetzt. Ob diese Warnung an den schwierigen Verbündeten Chinas ernst gemeint ist, bleibt abzuwarten. Offen bleibt auch, ob die USA – wie von Trump im Wahlkampf zugesagt – gegen China wegen dessen angeblich wettbewerbsverzerrender Wechselkurspolitik und Investitionshemmnissen einen Handelskrieg vom Zaun brechen werden.

Ganz klar ist hingegen, dass die mehr oder weniger korrekten Beziehungen, die Washington und Peking in den vergangenen Jahren gepflegt haben, nicht für garantiert genommen werden können, ganz im Gegenteil. Die USA und China hegten im Verlauf der vergangenen 200 Jahre zwar immer wieder grosse gegenseitige Affinität, doch wurde das oft freundschaftliche Verhältnis auch wiederholt von Phasen intensiven Misstrauens, wenn nicht sogar offener Feindschaft abgelöst.

Zeitenwende 1949

Nichts illustriert das besser als der Sieg der seit 1949 regierenden Kommunistischen Partei im chinesischen Bürgerkrieg. Die USA unterstützen in diesem blutigen Konflikt zwar lange die Seite des nationalistischen Generalissimus Chiang Kai-shek, doch entzog Washington nicht zuletzt auch unter dem Druck der öffentlichen Meinung seiner als korrupt geltenden Kuomintang-Partei die Unterstützung und machte damit den Weg frei für den Aufstieg des Kommunistenführers Mao Zedong.

Die vage Hoffnung, Maos China würde sich als verträglicher Partner des Westens herausstellen, verflog spätestens mit der Intensivierung des Kalten Krieges, der 1950 in Ostasien in den sehr heissen Koreakrieg eskalierte. Dieser Konflikt kostete nicht nur Millionen von Koreanern, sondern auch Abertausenden Chinesen und Amerikaner das Leben.

Nicht minder wankelmütig erwies sich das chinesisch-amerikanische Verhältnis unter den Präsidenten George W. Bush und Hu Jintao Anfang des neuen Jahrtausends. Während der Administration von Präsident Bill Clinton waren in den 1990er Jahren die bilateralen Beziehungen merkbar aufgetaut. Das machte auch die Aufnahme Pekings in die Welthandelsorganisation WTO möglich, was die Grundlage des von Exporten getriebenen Wachstumsbooms schuf. Unter dem Druck Washingtons und unter dem wohlwollenden Blick Pekings fror Nordkorea 1994 zumindest temporär auch sein nukleares Aufrüstungsprogramm ein.

Clintons Nachfolger Bush hatte zu Beginn seiner Amtszeit zunächst einen scharf antichinesischen Kurs eingeschlagen; aus dem Partner wurde damit über Nacht ein strategischer Rivale. Das kulminierte vor 16 Jahren in der Kollision eines amerikanischen Aufklärungsflugzeugs mit einem chinesischen Kampfjet vor der Küste der südchinesischen Insel Hainan. Die überlebende amerikanische Besatzung wurde danach mehrere Wochen in China inhaftiert. In Washington kam während dieser Krise gar der Ruf nach einer militärischen Antwort auf.

Doch die Animosität war mit den Terrorattacken vom 11. September 2001 vergessen. Die USA stürzten sich als Antwort auf die Anschläge in militärische Abenteuer in Nahost. Abgelenkt vom Krieg gegen den Terror, liess die Schutzmacht Japans, Taiwans und Südkoreas in Fernost ein strategisches Vakuum zurück. China half mit den massiven Käufen von US-Anleihen sogar, den Krieg in Afghanistan und Irak zu finanzieren. Umgekehrt trugen amerikanische Unternehmen mit ihren rasant gestiegenen Direktinvestitionen und den damit verbundenen Transfers von Technologie massgeblich dazu bei, dass die Volksrepublik binnen weniger Jahre eine wirtschaftliche Supermacht werden konnte.

Dabei hat sich bereits einige Zeit vor Trumps Amtsantritt abgezeichnet, dass der Status quo angesichts des zunehmend komplexer gewordenen sino-amerikanischen Verhältnisses auf Dauer nicht halten wird. Diese Einsicht hat der diplomatisch wenig feinfühlige Trump nun einfach etwas brutaler ans Tageslicht gebracht.

Dass China im Handel mit den USA allein im Vorjahr einen gewaltigen Überschuss von 347 Mrd. $ erwirtschaftete und das vergleichsweise arme Land im Gegenzug mit seinen Dollarkäufen mithilft, das reiche Amerika zu finanzieren, sind dafür zwar die offenkundigsten, doch nicht einmal wichtigsten Gründe.

Peking macht keinen Hehl daraus, dass es den Yuan zu einer mit dem Dollar vergleichbaren Ankerwährung machen will. Doch blockiert der US-Kongress die Reform der vom Westen dominierten Bretton-Woods-Institutionen Weltbank und Internationaler Währungsfonds, womit China in globalen Finanzfragen von wichtigen Entscheiden ausgeschlossen bleibt.

Die chinesische Regierung wiederum versichert gegenüber ihren Handelspartnern, dass sie ihren Markt gegen aussen öffnen will, doch schützt sie die eigenen Unternehmen im Energie-, im Telekom- oder auch im Agrarsektor mit Verweis auf die nationale Sicherheit vor der ausländischen Konkurrenz. Besonders betroffen von protektionistischen Massnahmen sind mit der Informatik- und der Unterhaltungsindustrie genau die zwei Sektoren, in denen Unternehmen aus den USA – neben der Wehrtechnik – unbestritten an der Weltspitze stehen.

Wettrüsten

Mehr noch als diese kommerziellen Aspekte fällt ins Gewicht, dass die wirtschaftlich erstarkende Volksrepublik auf globaler Ebene auch militärisch zunehmend zu einem direkten Konkurrenten der USA geworden ist. Peking hat dabei nie einen Zweifel daran gelassen, dass China als alte Kulturnation und regionale Hegemonialmacht dem bisherigen Champion USA künftig auf Augenhöhe begegnen will. Das zeigt sich etwa daran, dass Peking im Rahmen des Konzepts der  «neuen Seidenstrasse» seine asiatischen Nachbarn wirtschaftlich und politisch enger an sich binden will.

Vor allem aber investiert China immer grössere Summen in die Modernisierung seiner Streitkräfte. Die USA wiederum haben bereits unter der Administration von Präsident Obama unter dem Motto «Zuwendung nach Asien» damit begonnen, den Hauptharst der im Ausland stationierten Streitkräfte nach Fernost und damit vor die Türschwelle Chinas zu verlegen. Ob dieses Wettrüsten unweigerlich auf einen Krieg hinauslaufen muss, wird die Zukunft weisen. Klar ist jetzt schon, dass sich das chinesisch-amerikanische Verhältnis einmal mehr im Wandel befindet.