Meinungen

Türkei fühlt die Schwerkraft

Erdogan stemmt sich gegen ökonomische Gesetzmässigkeiten. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Alexander Trentin.

«Die Hoffnung, der Präsident besinne sich nach seinem Wahlsieg auf einen gemässigteren Kurs, hat sich schnell verflüchtigt.»

Die türkische Lira ist diese Woche in ein gewohntes Verhaltensmuster verfallen: Sie hat sich auf ein neues Allzeittief abgewertet. Für einen Dollar kann man nun mehr als fünf Lira kaufen. Seit Anfang Jahr hat die türkische Währung mehr als ein Viertel an Aussenwert verloren. Die USA hatte am Mittwoch Sanktionen gegen zwei türkische Minister ausgesprochen. Grund ist, dass Ankara einer Forderung Washingtons nicht nachkommt, einen amerikanischen Pfarrer aus der Haft zu entlassen.

Für die Wirtschaft der Türkei ist die schwache Währung Gift: Die Inflation steigt durch wachsende Einfuhrpreise. Im Juli ist die Jahresteuerung auf 16% gestiegen. Die Unternehmen haben grosse Verbindlichkeiten in Fremdwährungen: Die Abwertung sorgt daher für eine höhere Schuldenlast und wachsenden Zinsaufwand.

Krisengefahr wächst

Das Risiko einer Krise im Finanzsystem wächst. Eigentlich müsste die Zentralbank die Zinsen deutlich erhöhen, um die Währung zu stabilisieren. Doch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan, nach der Verfassungsänderung und seiner Neuwahl im Juni so mächtig wie nie, setzt auf eine lockere Geldpolitik. Die Absturzhöhe der Wirtschaft wächst damit immer weiter.

Gegen die Abwertung fallen Erdogan nur beschwörende Reden an die Türken ein, die Landeswährung aus Patriotismus nicht umzutauschen, dazu wilde Theorien, dass die «internationale Zinsmafia» sich gegen das Land verschworen habe. Die Hoffnung von Anlegern, dass sich der Präsident nach seinem Wahlsieg auf einen gemässigteren Kurs besinnen wird, hat sich schnell verflüchtigt. Die letzten vernünftigen Stimmen in der Regierung wurden hinausgedrängt.

Das alte Rezept versagt

Das bisherige Rezept funktioniert immer weniger: das Wachstumspotenzial zu überreizen, Arbeitsplätze zu schaffen und die Löhne zum Steigen zu bringen – und dafür Inflation und eine abwertende Währung in Kauf zu nehmen. Die Probleme sind hausgemacht, doch sie treten wegen der Lage auf den internationalen Finanzmärkten nun erst richtig zu Tage. Durch höhere US-Zinsen wird Kapital wählerischer und für die Schwellenländer insgesamt etwas knapper. Am Ende wird die Türkei jedoch die Schwerkraft wirtschaftlicher Gesetzmässigkeit fühlen. Im Kampf Erdogans gegen ökonomische Prinzipien wird er unweigerlich den Kürzeren ziehen.

Je mehr die Bevölkerung erkennt, wohin die Wirtschaft steuert, in umso grössere Gefahr gerät Erdogans Machtbasis. Da  kommt die Eskalation des Streits mit den USA vielleicht gar nicht ungelegen. Natürlich sind Sanktionen schmerzhaft, die Abwertung kann von Ankara nicht erwünscht sein. Erdogan hat jedoch nun einen Sündenbock, auf den er verweisen kann. Es ist ein regelmässig angewendetes Konzept populistischer Politiker, über aussenpolitische Krisen von inneren Problemen abzulenken. Erdogan bietet also nun eine Performance für sein Wahlvolk. Ein ähnlich gestimmter Populist wie US-Präsident Donald Trump ist dafür der ideale Bühnenpartner.

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