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Über Idealisten nachdenken heisst über den Menschen nachdenken; seine Natur und das, was ihn vor allen anderen Lebewesen auszeichnet.

Die Fähigkeit, sich auf ein Ideal hin selbst zu überschreiten, ist das erste Merkmal. Das zweite trennt Idealisten von denen, die wir Realisten nennen. Diese könnten – als Menschen – zwar tun, was Idealisten tun, aber sie wollen es nicht; um eines Ideals, einer geistig-universellen Idee willen wollen sie nicht auf die Befriedigung persönlichster Wünsche verzichten und nicht ihren, tief ins Menschenherz eingesetzten Trieb nach individueller, egozentrischer Macht radikal begrenzen.

Wer ist ein Idealist? Franz von Assisi zum Beispiel, oder Henri Dunant und Sophie Scholl, die für ihren Protest gegen den Hitlerismus hingerichtet wurde. Besonders viele Idealisten findet man in Heldensagen, auf der Bühne und im Film: El Cid, Don Carlos, La Traviata und die Zeuginnen der Humanität von John le Carrés Romanen.

Sind Idealisten also Helden, Ausnahmefiguren des Guten? Das zu bejahen, wird schwierig, wenn wir uns an andere Menschen erinnern, die auch – gemäss dem ersten und dem zweiten Merkmal – «idealistisch» handelten; Leute wie die Selbstmordattentäter von 9/11, erbarmungslose Revolutionäre vom Schlag Robespierres, «Idealistinnen» wie die Farc-Kämpferinnen Kolumbiens, die keine übertriebene Mühe haben, den ideologischen Feind zu erschiessen, aber zugleich bereit sind, sich für ihr Ideal zu opfern.

Eine zwingende Verbindung zwischen dem Idealisten und dem Guten gibt es also nicht. Denn zum einen ist es keineswegs klar, was in einer besonderen Situation «das Gute» ist (je nach Perspektive erscheint uns jemand als abgrundtief böser Terrorist oder als Märtyrer der heiligen Sache), zum anderen neigt der radikale Idealist zu einer Härte und Entschiedenheit – gegen sich genauso wie gegen die Mitmenschen –, die purer, selbstgerechter Fanatismus sein kann.

Auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht: Idealisten sind als solche weder die mehr oder weniger wirklichkeitsfremden Botschafterinnen der besseren Welt noch die von alltäglichen Pflichten entbundenen Träger einer grossen Mission. Zu beidem können sie werden und beides ist selten gut. Was also verbindet ihre besondere Eigenschaft (die Freiheit, über die normalen Lebensbedingungen hinauszuwachsen) mit Prinzipien und Zielen, die nicht von vornherein zweifelhaft oder ambivalent sind? Ich schlage vor, eine weitere Differenz einzuführen: die Trennung zwischen dem moralisch jederzeit zu erwartendem Idealismus und dem ausserordentlichen, grandiosen Idealismus. Es ist die Differenz zwischen dem Idealismus, der uns allen zugemutet ist, und jenem Idealismus, der die Heldinnen und Heiligen auszeichnet.

Die erste Art findet sich schon mit und in der Goldenen Regel. Denn nicht aus Selbstinteresse soll man dem Anderen nicht antun, was man selber nicht erleiden möchte, sondern aus Achtung vor ihm als einem Mit-Menschen; um seiner selbst willen also. Wir haben ihm als unseresgleichen zu begegnen; und wir sollen das nicht bloss deswegen tun, damit es uns besser geht und wir einen Vorteil gewinnen. Das wäre Ausdruck von kalkulierender Egozentrik. Wir sollen es tun – und wir tun es –, weil der Andere für uns mehr ist als ein blosses Mittel; was allerdings nur dann möglich ist, wenn wir uns nicht mehr als Mittelpunkt der Welt begreifen, sondern als Mitspieler eines grösseren Ganzen, das uns – ego und alter ego – gemeinsam übertrifft und umgreift.

Mag sein, dass das für viele Ohren allzu philosophisch-abstrakt klingt. Wem das so vorkommt, dem schlage ich vor, sich zu fragen, wann er das letzte Mal jemandem geholfen hat. Ich zweifle nicht, dass er ein Beispiel finden wird. Und weshalb hat er geholfen? Aus Eigeninteresse? weil es Anstand und Sitte verlangten? Oder aus 39 Empathie; aus dem Gefühl heraus, etwas tun zu wollen, das gut ist für den Anderen, aber nicht unbedingt nützlich für einen selbst? – Eben dies ist die Haltung, die die Goldene Regel verlangt. Wir entsprechen ihr vielleicht öfter, als wir glauben.

«Einspruch!», murmelt plötzlich die Realistin, die wir allzu lange nicht haben reden lassen: «Auch eine Handlung aus MitLeid oder Empathie ist doch ein Tun zugunsten unseres Wohlbefindens, letztlich ein egozentrischer Akt!» Gewiss, Motive sind Motive; ihnen zu folgen, erleben wir stets als mehr oder weniger befriedigend. Doch darum, weil wir sie erleben, können wir sie auch qualifizieren. Und da zeigt sich ein deutlich wahrnehmbarer Gegensatz zwischen Gefühlen altruistischer und Gefühlen egoistischer Natur.

Gegen die elementare Tatsache dieser Unterscheidbarkeit und ihrer Bedeutung ist die zusätzliche Tatsache, dass es Freude macht, einem Mitmenschen geholfen zu haben, kein triftiges Argument. Dennoch sollte man die Stimme der Realistin nie vergessen, wenn wir uns um den Idealisten kümmern. Die skeptische Realitätstüchtigkeit, für die sie eintritt, braucht es, um jene Ambivalenzen zu meistern, die den Idealismus immer wieder zu vergiften drohen. Sie erinnert die Gefahren allzu grosser, allzu zutraulicher Naivität. Sie mahnt vor der Neigung, in fanatischer Unbelehrbarkeit zu erblinden. Und unbestechlich, wie sie mit ihrem klaren Geist ist, beleuchtet sie unsere Versuche, die eigenen Grössenphantasien hinter Helferidealen zu verstecken.

Zum Mindesten wir Normalo-Idealisten haben viele Gründe, realistisch zu sein, wenn wir die eigenen Kräfte mit den Idealen vergleichen, die wir zu haben glauben. Der Umschlag vom enttäuschten Menschenfreund in den Zyniker oder resignierten Weltverächter ist nicht umsonst ein wichtiges Thema der Literatur. Man denke nur an Molières «Menschenfeind». Von den grossen, den singulären Idealisten und Idealistinnen war schon die Rede; mit Namen wie dem heiligen Franz oder Sophie Scholl.

Wir bewundern deren Mut und Selbstlosigkeit und wir wissen zugleich, wie wenig sie uns Durchschnittsidealisten zum Vorbild taugen. Wissen wir es wirklich? Natürlich, es sind Ausnahmefiguren; und jedenfalls in den genannten Beispielen wahrhafte Verkörperungen der Güte und des Guten. Doch sie blieben Menschen wie wir. Durch sie erschliesst sich nicht die Übermenschlichkeit einer fremden Welt, sondern das, was – auch – zur innersten Natur des, also jedes Menschen gehört: mehr sein zu können als der und die, die wir jetzt gerade sind. Und manchmal eben sehr viel mehr als eine kleinliche Ich-AG. In jeder Form des Idealismus zeigt sich, was menschliches Leben gut und gelungen sein lässt: die freie und freundliche Zuwendung zum Anderen, zu dessen Anspruch auf unser Gehör. Im Grossen wie im Kleinen