Meinungen

Überraschend vorsichtige SNB

Die Schweizerische Nationalbank hat an ihrer Lagebeurteilung nichts verändert – und damit trotzdem einen wichtigen Akzent gesetzt. Ein Kommentar von FuW-Redaktor Andreas Neinhaus.

«Die SNB positioniert sich viel vorsichtiger als der Marktkonsens.»

Die SNB (SNBN 5'300.00 0%) hat sich an ihrer vierteljährlichen geldpolitischen Sitzung dafür entschieden, alles beim Alten zu belassen. Der Leitzins – sowie der Zins für die Sichtguthaben der Banken bei der SNB – wird auch künftig –0,75% betragen. Die Nationalbank verspricht, dem Bankensystem weiterhin grosszügig Liquidität zur Verfügung zu stellen. Und sie beurteilt den Franken trotz seiner jüngsten Abschwächung als «nach wie vor hoch bewertet». Weswegen sie weiterhin bereit sei, bei Bedarf am Devisenmarkt zu intervenieren – ungeachtet des Manipulationsvorwurfs der US-Regierung.

Vor allem hält sie jedoch an ihrer Wirtschaftsprognose fest. Das Schweizer Bruttoinlandprodukt werde dieses Jahr um 2,5 bis 3% wachsen. Hier hätte man eine Revision nach oben erwarten können. Die Konjunkturforschungsstelle Kof der ETH Zürich rechnet in ihrer ebenfalls am Donnerstag präsentierten Vorhersage mit 3% Wirtschaftswachstum. Das Staatsekretariat für Wirtschaft Seco ebenso. Verschiedene Banken gehen von deutlich höheren Wachstumsraten aus.

Die SNB positioniert sich also viel vorsichtiger als der «Konsens». Sie trotzt damit der Marktstimmung, die auf eine substanzielle weltwirtschaftliche Erholung setzt und die Marktzinsen hat steigen lassen.

Die Botschaft ist am Markt angekommen. Es brauche höhere Notierungen des Euros als die aktuellen 1.10 Fr./€, bevor die SNB über eine Strategie für den Exit aus ihrer lockeren Geldpolitik nachdenke, kommentiert SNB-Watcher Christian Schulz von der Bank Citi. Sie werde auch kaum über eine Zinserhöhung nachdenken, bevor die Europäische Zentralbank den ersten Schritt getan habe.

Solange die EZB weiterhin die Zinsen und die Risikoaufschläge zwischen den Mitgliedländern niedrig hält, kann sich die SNB tatsächlich im Hintergrund halten. Für einmal spielt ihr die grosse Zentralbankschwester in die Hände. Wichtig ist, dass die Nationalbank jetzt keine Akzente setzt, die vom Markt falsch interpretiert werden könnten. Genau diese Gefahr hat sie heute vermieden.