Meinungen English Version English Version »

Überwachungs­kapitalismus

Die digitale Vernetzung ist mittlerweile nur noch ein Mittel zum Geschäftszweck anderer. Im Grunde seines Wesens ist der Überwachungskapitalismus parasitär. Ein Kommentar von von Shoshana Zuboff.

Shoshana Zuboff
«Weil wir von der digitalen Welt so abhängig sind, haben wir uns an die Realität gewöhnt, nachverfolgt, analysiert, ausgepresst und manipuliert zu werden.»

Mit dem Beginn eines neuen Jahrzehnts treten wir auch in ein neues Zeitalter der politischen Ökonomie ein. Im Laufe der Jahrhunderte durchlief der Kapitalismus mehrere Entwicklungsphasen – vom Industriekapitalismus über den Managerkapitalismus bis hin zum Finanzkapitalismus. Derzeit stehen wir am Beginn der Ära des Überwachungskapitalismus.

Im Überwachungskapitalismus wird menschliche Erfahrung von Privatunternehmen einseitig beansprucht und in proprietäre Datenflüsse umgewandelt. Ein Teil dieser Daten wird zur Verbesserung von Produkten und Diensten verwendet, der Rest als «Verhaltensüberschuss» betrachtet, der aufgrund der darin reichlich vorhandenen Vorhersagesignale von Wert ist. Diese prädiktiven Daten werden an moderne Fabriken der Maschinenintelligenz übermittelt, wo sie zu hochprofitablen Vorhersageprodukten verarbeitet werden, die Ihre aktuellen und zukünftigen Entscheidungen erahnen. Diese Vorhersageprodukte werden dann auf von den mir so bezeichneten «Verhaltensterminkontraktmärkten» gehandelt, wo Überwachungskapitalisten ihren Geschäftskunden Gewissheit verkaufen. Googles Durchklickrate, die Clickthrough Rate, war das erste weltweit erfolgreiche Vorhersageprodukt und Googles Anzeigenmärkte waren die ersten, auf denen menschliche Verhaltensterminkontrakte gehandelt wurden. Die Überwachungskapitalisten haben es aufgrund dieser Operationen schon jetzt zu immensem Wohlstand gebracht, und immer mehr Unternehmen in nahezu allen Wirtschaftssektoren zeigen sich bereit, auf unser künftiges Verhalten zu wetten.

Die Wettbewerbsdynamik dieser neuen Märkte offenbart die ökonomischen Imperative des Überwachungskapitalismus. Zunächst erfordert Maschinenintelligenz eine Fülle an Daten: Grössenvorteile. Zweitens benötigen die besten Vorhersagen vielfältige Daten: Diversifikationsvorteile. Diese führten zu einer Ausweitung des erfassten Verhaltensüberschusses über Likes und Klicks hinaus in die Offlinewelt: es geht um Ihren Laufstil und Ihr Tempo beim Joggen, Ihre Gespräche beim Frühstück, Ihre Suche nach einem Parkplatz, Ihr Gesicht, Ihre Stimme, Ihre Persönlichkeit und Ihre Emotionen. In der dritten Phase der Wettbewerbsintensität entdeckten die Überwachungskapitalisten, dass die Daten mit der stärksten Vorhersagekraft aus Eingriffen in menschliches Handeln stammen, im Rahmen derer das Verhalten durch Überreden, Tuning, Ausnutzung des Herdentriebs und Modifikation in Richtung garantierter Ergebnisse gesteuert wird. Diese Verlagerung von Wissen zu Macht lässt Technologie von einem Produktionsmittel zu einem global einsetzbaren Verhaltensmodifikationsmittel werden, um «Handlungsvorteile» zu erzielen.

«Instrumentäre Macht»

Diese Macht, menschliches Verhalten aus der Ferne und in grossem Massstab für die Zwecke anderer zu formen, bezeichne ich als «instrumentäre Macht», da sie ausschliesslich über das Medium der digitalen Instrumentierung funktioniert. Instrumentäre Macht bedroht niemanden mit Terror oder Mord. Es tauchen keine Soldaten auf, die Sie in einen Gulag oder ein Lager zerren. Diese neue Art der Macht funktioniert aus der Ferne, indem unterschwellige Reize, die Dynamik des sozialen Vergleichs, Belohnungen und Bestrafungen sowie vielfältige verstärkende Kräfte genutzt werden, um ein Verhalten zu formen, das im Einklang mit den geschäftlichen Interessen dieser Macht steht.

Die Handlungsvorteile bilden dabei einen Schwerpunkt im Experimentierfeld. Im Rahmen der «gross angelegten Ansteckungsexperimente» von Facebook wurde festgestellt, wie auf Facebook-Seiten unterschwellige Reize und die Dynamik des sozialen Vergleichs eingesetzt werden können, um das Verhalten und die Emotionen der Nutzer in der realen Welt zu verändern und gleichzeitig das Bewusstsein der Nutzer dafür zu umgehen. Das von Google entwickelte Augmented-Reality-Spiel Pokémon Go hob diese Experimente auf ein neues Niveau. Wer sich an dem Pokémon-Go-Wahn vor ein paar Jahren beteiligte, spielte nicht nur ein Spiel auf dem Smartphone. Tatsächlich wurden die Belohnungen und Bestrafungen dieser Gamifizierung benutzt, um die Menschen in Scharen in Restaurants, Bars, Schnellrestaurants und Geschäfte zu locken, die zuvor für garantierte «Laufkundschaft» bezahlt hatten.

Ebenso wie im Industriekapitalismus die Produktionsmittel ständig intensiviert wurden, intensiviert der Überwachungskapitalismus die Verhaltensmodifikationsmittel. Der Überwachungskapitalismus demontiert den frühen digitalen Traum, der das Internet als befreiende demokratisierende Kraft betrachtete. Man sollte sich nicht mehr der Illusion hingeben, dass Netzwerke von Natur aus moralisch seien oder dass «Vernetzung» an sich sozial, inklusiv und demokratisch wäre. Im Gegenteil: Die digitale Vernetzung ist mittlerweile nur noch ein Mittel zum Geschäftszweck anderer. Im Grunde seines Wesens ist der Überwachungskapitalismus parasitär und erinnert an Karl Marx’ Beschreibung des Kapitalismus als Vampir, der sich von Arbeit ernährt – nur dass private menschliche Erfahrung an die Stelle der Arbeit getreten ist.

Kostenloser Rohstoff für Produktion und Verkauf

Facebook, Microsoft, Amazon und viele andere machten sich den Überwachungskapitalismus zu eigen, perfektioniert wurde er jedoch zunächst von Google (jetzt Alphabet), ebenso wie General Motors vor einem Jahrhundert den Managerkapitalismus perfektionierte. Als Vorreiter dieser Entwicklung kolonisierte Google flugs die nicht kartierten Bereiche des unregulierten Internets, wo das Unternehmen in einem Umfeld ohne natürliche Feinde wie eine invasive Spezies florierte. Google entwickelte sein Geschäftsmodell in rasantem Tempo und überforderte damit die Fähigkeit öffentlicher Institutionen oder der Nutzer, ihm zu folgen. Aber Google profitierte auch von historischen Ereignissen. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 tendierte der nationale Sicherheitsapparat in den USA dazu, sich die aufkommenden Möglichkeiten des Überwachungskapitalismus anzueignen, sie zu fördern, nachzuahmen und zu schützen, anstatt sie zu regulieren.

Die Überwachungskapitalisten erkannten rasch, dass sie tun konnten, was sie wollten, und das taten sie auch. Während sie hinsichtlich der emanzipatorischen Kraft der Technologie Lippenbekenntnisse ablegten, blieben die wahren Vorgänge – nämlich die unermüdliche und geheime Extraktion privater Erfahrungen als kostenloser Rohstoff für Produktion und Verkauf – hinter den Kulissen verborgen. Ermutigt durch enorme und weiter sprudelnde Einnahmequellen sowie durch ein unreguliertes und unumstrittenes Aktionsfeld waren sie auch durch die inhärente Undurchschaubarkeit automatisierter Prozesse geschützt. Die Menschen erkannten einfach nicht, was vor sich ging und wie die neue wirtschaftliche Logik wirklich funktionierte.

Die Mechanismen und wirtschaftlichen Imperative des Überwachungskapitalismus, die mit den grossen Internetunternehmen ihren Ausgang nahmen, sind zum Standardmodell für internetbasierte Unternehmen im Allgemeinen geworden. Ausserdem erstrecken sich die heutigen Vorhersageprodukte weit über gezielte Onlinewerbung hinaus in viele andere Sektoren wie etwa Versicherungen, Einzelhandel, Finanzen, Gesundheitswesen, Bildung und ein immer breiteres Angebot an Waren und Dienstleistungen.

Extraktive Arrangements

Diese Waren und Dienstleistungen sind jedoch nicht für ein konstruktives wechselseitiges Geben und Nehmen zwischen Herstellern und Verbrauchern gedacht. Sie bilden keine Objekte im Rahmen eines traditionellen Austauschs materieller Werte, sondern fungieren vielmehr als «Aufhänger», mit denen die Nutzer in extraktive Arrangements gelockt werden, wo ihre persönliche Erfahrung geerntet und abgepackt wird, um den Zwecken anderer zu dienen. Ein Gemeinplatz des digitalen Zeitalters lautet: «Wenn es nichts kostet, bist du das Produkt.» Aber das stimmt nicht: Man ist vielmehr der Rohstoff in einem weit umfassenderen Extraktionsprozess.

Das läuft auf einen faustischen Pakt hinaus. Wir alle haben akzeptiert, dass das Internet für soziale und wirtschaftliche Teilhabe mittlerweile unabdingbar geworden ist. Um allerdings in den Genuss der Vorteile zu kommen, müssen wir uns in überwachungskapitalistischer Weise ausbeuten lassen. Weil wir von der digitalen Welt so abhängig sind, haben wir uns an die Realität gewöhnt, nachverfolgt, analysiert, ausgepresst und manipuliert zu werden. Wir rationalisieren («Ich habe nichts zu verbergen») oder beugen uns dem Verlust von Privatsphäre und Entscheidungsfreiheit, ohne zu bemerken, dass uns eine grundsätzlich unzulässige Entscheidung auferlegt wird.

Wie ist es dazu gekommen? Eines der wichtigsten Merkmale des Überwachungskapitalismus ist seine Beispiellosigkeit. Beispiellose Entwicklungen sind per Definition zunächst nicht erkennbar. Begegnen wir etwas Neuem, versuchen wir es durch die Linse vertrauter Kategorien zu verstehen. Als beispielsweise die ersten Automobile auftauchten, bedienten sich viele des Ausdrucks «pferdeloser Wagen», um die neue Technologie zu verstehen.

Völlig neue Akkumulationslogik

Wenn wir eine beispiellose Entwicklung als blosse Erweiterung der Vergangenheit deuten, laufen wir Gefahr, das Abnorme zu normalisieren. Dabei kann es sich um einen gefährlichen Fehler handeln. Als die indigenen Völker auf den präkolumbianischen Karibikinseln erstmals spanische Soldaten mit Brustpanzern auf ihren Stränden stapfen sahen, glaubten sie, Besuch von den Göttern bekommen zu haben und legten den Grundstein für ihre eigene Vernichtung, indem sie den Neuankömmlingen mit ausgesuchter Gastfreundschaft begegneten.

Aufgrund seiner Beispiellosigkeit übersteigt der Überwachungskapitalismus den Rahmen bestehender ökonomischer Konzepte. So greifen wir beispielsweise auf Begriffe wie «Monopol» und «Privatsphäre» zurück, wenn wir uns gegen überwachungskapitalistische Praktiken stellen. Doch obwohl diese Begriffe sicherlich zutreffen, erfassen wir damit nicht das Wesen der neuen Operationen. Im Überwachungskapitalismus geht es nicht nur um Corporate Governance oder Marktmacht. Es geht vielmehr um eine völlig neue Akkumulationslogik mit ihren eigenen ursprünglichen Mechanismen, Methoden, Imperativen und Märkten. Die Folgen reichen über den konventionellen Bereich des Privatunternehmens hinaus und untergraben die Demokratie von oben und unten. Von oben operiert der Überwachungskapitalismus mit beispiellosen Asymmetrien des Wissens und der Macht, wodurch soziale Ungleichheit eher verstärkt als verringert wird. Von unten zielen die Imperative des Überwachungskapitalismus auf menschliche Autonomie, individuelle Souveränität und Entscheidungsfreiheit ab – also auf Fähigkeiten, ohne die Demokratie nicht vorstellbar ist.

Obwohl der Überwachungskapitalismus eine völlig neue Kraft in der Wirtschaftsgeschichte ist, haben wir bereits genug gesehen, um zu wissen, dass er auf offenkundiger Verachtung sozialer Normen und Rechte beruht, die für eine ordnungsgemäss funktionierende demokratische Gesellschaft unabdingbar sind. Ebenso wie die industrielle Zivilisation auf Kosten der Natur florierte, gedeiht der Überwachungskapitalismus auf Kosten der menschlichen Natur. Derzeit sind wir im weltweiten Kampf gegen den katastrophalen Klimawandel mit dem Vermächtnis des Industriekapitalismus konfrontiert. Was wird unser Vermächtnis sein, wenn wir dem Überwachsungskapitalismus freien Lauf lassen?

Copyright: Project Syndicate.