Meinungen

(Un-)Sichere Wachstumsaussichten

Die Wirtschaft wächst, weil wir es wollen, indem wir heute auf Konsum verzichten, um morgen mehr Wohlstand zu haben. Ein Kommentar von Reto Föllmi.

Reto Föllmi
«Langfristig ist es nicht der Konsum, der die Wirtschaft ankurbelt.»

Es ist wohl untertrieben, dass die gegenwärtige Weltlage von grosser Unsicherheit gekennzeichnet ist. Die Konjunkturaussichten sind durchwachsen, der Handelsstreit zwischen den USA und China, der Brexit und die Spannungen im Nahen Osten führen zu Erschütterungen auf den Börsen. Die ungewissen Aussichten und die Angst, dass wir uns einer Stagnationsphase gegenübersehen, lassen die Zinsen tief – was als Nebeneffekt die Börsenkurse wieder stützt.

Diesen Unsicherheiten zum Trotz müssen wir wieder mal festhalten, dass wir uns weiterhin in einer anhaltenden Phase des Wirtschaftswachstums befinden. Seit Beginn der Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts hat das Pro-Kopf-Einkommen in den Industrieländern durchschnittlich um den Faktor zwanzig zugenommen. Gleichzeitig ist die durchschnittliche Wochenarbeitszeit von über 65 Stunden in der Schweiz auf 42 Stunden gefallen. Diese unglaubliche Verbesserung des Lebensstandards zeigt sich aber nicht nur im steigenden Bruttoinlandprodukt, Grundbildung ist anders als im Jahr 1800 eine Selbstverständlichkeit, und Analphabetismus ist nahezu verschwunden. Breite Bevölkerungsschichten können so am politischen und wirtschaftlichen Leben partizipieren.

Auch gesundheitlich geht es uns immer besser. Die Lebenserwartung ist in dieser Zeit deutlich gestiegen. Im Jahr 1800 lag sie in Westeuropa bei etwa vierzig Jahren, seither hat sie auf achtzig Jahre zugenommen, mit weiter steigender Tendenz. Auch im Alter bleiben wir gesünder und leben länger: Eine Siebzigjährige konnte im 19. Jahrhundert noch mit etwa acht weiteren Lebensjahren rechnen, heute ist es mehr als das Doppelte.

Innovationen sind die Triebfeder

Wachstum ist zentral für die Bekämpfung der Armut. Mussten 1990 noch knapp 1,9 Mrd. Menschen, also etwa 40% der damaligen Bevölkerung in Entwicklungsländern, mit weniger als 1.90 $ pro Tag auskommen, ging diese Zahl bis 2018 nach Schätzung der Weltbank auf weniger als 800 Mio. zurück. Das ist immer noch eine grosse Zahl, aber ein gewaltiger Erfolg des weltweiten Wachstums in den vergangenen drei Jahrzehnten.

Diese unglaubliche Entwicklung ist einmalig in der Geschichte. Wohl gab es schon vor 1800 Wachstumsphasen und auch fortlaufend wissenschaftliche Erkenntnisse, wenn auch das Tempo des Fortschritts weit geringer war. Zwar gab es die Hochkulturen der Antike und die Blüte des chinesischen Reiches, allen diesen Wachstumsepisoden war aber gemeinsam, dass sie irgendwann in Stagnation oder gar Rückschritt übergingen.

Triebfeder des technischen Fortschritts sind Innovationen. Innovationen werden aber nur vorangetrieben, wenn sich unternehmerisches Handeln weiterhin lohnt. Es braucht also ein Umfeld, das sicherstellt, dass erfolgreiche Unternehmerinnen und Unternehmer auch die Früchte ihres Erfolgs ernten können. Zumindest in der westlichen Welt ist dafür eine liberale Demokratie mit einer möglichst freiheitlichen Marktwirtschaft unabdingbar.

Man mag nun einwenden, dass auch Innovationen irgendwann dem Gesetz des abnehmenden Grenznutzens unterliegen: Die Verbesserung eines Betriebssystems von Version 8.0 auf 9.0 steigert den Gebrauchswert wohl nicht mehr so stark wie seine anfängliche Einführung. Tatsächlich nimmt die weltweite Zahl von Arbeitskräften in Forschung und Entwicklung deutlich zu, ohne dass die Wachstumsraten gestiegen wären. Die rekordniedrigen Langfristzinsen, die wir derzeit beobachten, sind nicht nur der Demografie und der Geldpolitik geschuldet, sie sind auch konsistent mit der Erwartung, dass Investitionen in Zukunft nur noch wenig Rendite aufweisen werden. Eine Prognose, die mit «säkularer Stagnation» zusammengefasst wird. Tatsächlich waren die geschätzten Wachstumsraten der Produktivität nach dem Jahr 2000 rückläufig – allerdings nachdem sie in den Neunzigerjahren weltweit einen Sprung nach vorne gemacht hatten.

Dennoch spricht viel dafür, dass wir nicht einer langen Stagnation gegenüberstehen, auch wenn es verwegen wäre, die Wachstumsraten der vergangenen hundert Jahre für die nächsten hundert Jahre zu projizieren. Innerhalb einer Innovationslinie mag die Fortschrittsrate abnehmen. Ein Beispiel dafür ist die Reduktion der Reisezeit im Flugverkehr. Bis zur Einführung der Boeing (BA 331.1699 -1.52%) 757 im Jahr 1957 sank sie exponentiell, seither ist sie konstant und hat mit grösseren Flughäfen sogar eher zugenommen. Andere Beispiele belegen lange Fortschrittslinien. Seit fünfzig Jahren gilt das für die Rechenkapazität von Computern wichtige Moore’sche Gesetz, wonach sich die Dichte der Transistoren auf einer fixen Fläche etwa alle zwei Jahre verdoppelt. Zwar kann dieses Gesetz aufgrund physikalischer Bedingungen einmal an Grenzen stossen, für den technischen Fortschritt ist aber entscheidend, dass bis dann auf neuen, breiteren Produktlinien geforscht wird. Die Möglichkeiten der Nutzung des immensen Datenvolumens durch Machine Learning und künstliche Intelligenz sind unabsehbar.

Aber welche Voraussetzungen halten den Innovationsprozess am Leben? Wachstum ist nicht gottgegeben und auch keine wirtschaftliche Notwendigkeit. Wachstum ist ja in der gesamten Menschheitsgeschichte eher die Ausnahme als die Regel. Auch besteht kein Wachstumszwang in kapitalistischen Volkswirtschaften. Wir wachsen, weil wir es wollen. Wachstum ist nämlich immer mit einem Ressourcenverzicht heute verbunden. Investitionen in physisches Kapital, aber erst recht riskante Anlagen in Forschungs- und Entwicklungsprojekte sind nur durch Konsumverzicht heute möglich – in Erwartung höheren Wohlstands in der Zukunft. Langfristig ist es eben gerade nicht der Konsum, der die Wirtschaft ankurbelt. Eine hohe Sparneigung, Mut zum unternehmerischen Risiko und damit verbunden eine hohe Geduld sind Triebfedern des Wachstums.

Von Hardware zu Software

Kein Wachstum verläuft ohne Hindernisse. Der demografische Wandel wird den Innovationsprozess beeinflussen, die Ressourcen sind begrenzt, trotz breiter Verbesserungen im Umweltschutz hat sich der Klimawandel akzentuiert, weil der Kohlendioxidausstoss weiter zunimmt. Wachstum ist aber genau hier nicht Teil des Problems, sondern der Lösung. Wenn die Kosten des Klimawandels zunehmen, werden sich politische Mehrheiten finden, die den Ausstoss von Kohlendioxid verteuern. Werden Ressourcen knapp, steigt ihr Preis. Preissignale zeigen aber gerade an, in welchen Bereichen sich Forschung und Innovationen besonders lohnen.

Statt auf Lenkungsabgaben setzt die sich momentan radikalisierende Diskussion mehr auf moralische Appelle oder direkte Verbote und Quoten wie Flugkontingente. Erstere verpuffen nach kurzer Zeit, wie aktuelle Passagierzahlen zeigen. Verbotsmassnahmen wirken zwar, kosten jedoch viel mehr als das Erreichen derselben Ziele via Lenkungsabgaben. Wenn wir aber viele Ressourcen einsetzen müssen, fehlt das Geld, das für erfolgreiche Innovationen gerade im Klimabereich nötig wäre. Überdies laufen wir mit Verboten im unsicheren Innovationsprozess die Gefahr, aufs falsche Pferd zu setzen.

Erfindergeist und Entdeckungswille des Menschen sind ungebrochen. Wenn es gelingt, die liberale Demokratie mit einer freien Marktwirtschaft zu bewahren, besteht kein Grund, weshalb die Triebfeder des Wachstums je zum Stillstand kommen sollte. Doch niemand weiss genau, wo der Wachstumspfad hinführt. Halten wir uns bloss vor Augen, wie viele frühere Geräte nun als Apps in einem Smartphone Platz finden. Neue Produkte und Dienstleistungen sind gerade nicht durch Materialverbrauch gekennzeichnet. Künftiges Wachstum wird sicher weniger Hardware und mehr Software enthalten.