Meinungen

Ungenutztes Potenzial im Stromsektor

Die Technologien für eine robustere Versorgung und für zukunftsfähige Geschäftsmodelle sind vorhanden. Ein Kommentar von Claudia Lanz-Carl.

Claudia Lanz-Carl
«Es gibt Beispiele für kleine und innovative Schweizer Energieunternehmen, die bereits in einem intensiven Dialog mit den Kunden stehen und ihre Palette an Dienstleistungen zunehmend ausbauen.»

Die Herausforderungen im Stromsektor sind zahlreich. Besonders das Szenario einer Strommangellage hat die Diskussion in den vergangenen Monaten geprägt. Produzierende Unternehmen sind aufgefordert, sich Gedanken über die Auswirkungen einer Kontingentierung von Strom auf ihre Betriebstätigkeit zu machen, und Konzepte, wie die Versorgung in den Wintermonaten gesichert werden kann, schiessen wie Pilze aus dem Boden. Doch nicht nur im Worst Case, sondern auch im Best Case läuft die Schweiz Gefahr, technologisches Potenzial im Energiesektor ungenutzt zu lassen.

Das ist deshalb besonders problematisch, weil Energie aus volkswirtschaftlicher Sicht eine kritische Ressource ist und optimal bewirtschaftet werden sollte. Verschiedene Charakteristika des Schweizer Stromsektors machen das Erreichen dieses Ziels alles andere als einfach. Der Markt ist heterogen und kleinteilig, mit Hunderten von Anbietern. Er ist teilliberalisiert, und die Frage, ob die Risiken oder die Chancen einer vollen Marktöffnung überwiegen, beantworten Versorger sehr unterschiedlich. Steigende regulatorische Anforderungen und neue Konkurrenz aus dem IT- und dem Telekommunikationsumfeld im Nicht-Monopol-Geschäft sorgen für Handlungsdruck, sie absorbieren die Branche aber auch stark.

So stehen viele Energieversorger vor der Frage, wie sie den Austausch der Zähler bei den Kunden organisieren, auf welche Geräte welches Herstellers sie künftig setzen und wie sie die neu gewonnenen Informationen bestmöglich nutzen. Dabei wird wenig beachtet, dass Over-the-Top-Lösungen (Bereitstellung von Inhalten, Diensten oder Anwendungen über das Internet) einen eleganten Weg darstellen, die vorhandene Infrastruktur – sofern sie einen gewissen Mindeststandard erfüllt – zukunftsfähig zu machen. Es ist möglich, Daten im Sekundentakt auch aus älteren Messgeräten auszulesen und weiter zu verarbeiten.

Mangellagen mildern

Auf Basis der so gewonnenen Daten – bei Produktions- und Verbrauchsstellen – können weitere Herausforderungen angegangen werden. Im Verteilnetz sorgt die Elektrifizierung von Mobilität und Wärme für eine zunehmende Fluktuation der Lasten. In der untersten Netzebene, der Ebene sieben, wo Energie im Quartier einer Stadt oder in einem Dorf verteilt wird, gibt es mehr und mehr Ladestationen für E-Autos sowie Wärmepumpen in Häusern. Netzbetreiber, die die Stromflüsse kennen, simulieren sowie über das Be- und Entladen von Speichern steuern können, vermeiden Überlastung und müssen ihre Netze weniger stark ausbauen als Betreiber ohne solche Kenntnisse. Zudem wird die unterste Netzebene künftig auch für die Steuerung und die Überwachung auf den höheren Ebenen des Stromnetzes sehr relevant sein, da die Produktion mit dem Ausbau von erneuerbaren Quellen immer stärker dezentral geschieht.

Auch die Dokumentation des Strombezugs aus erneuerbaren Energien kann verbessert werden. Während Herkunftsnachweise einmal im Jahr einen Abgleich zwischen der gelieferten Strommenge und dem Verbrauch machen, wird mit im Sekundentakt gewonnenen Daten jederzeit dokumentiert, welcher Strom geliefert und verbraucht wurde. Für Kunden, die Ökologie einen hohen Stellenwert einräumen und sichergehen möchten, dass ihnen kein Graustrom untergejubelt wird, hat diese Gewissheit einen Wert.

Generell muss die Bilanzierung von Energiedaten nicht aufwendig sein. Wenn Daten im Sekundentakt gewonnen und gesichert werden, lassen sie sich je nach Bedürfnis auswerten, gruppieren, umgruppieren und für historische Analysen oder für Prognosen heranziehen. Es ist nicht nötig, heute zu wissen, was morgen gefragt ist. Es ist aber wichtig, die Voraussetzungen zu schaffen, um künftigen Anforderungen zu entsprechen. Je breiter sich solche Anwendungen durchsetzen, desto mehr Möglichkeiten bieten sich, im Alltag und im Ausnahmefall. Denn sollte der Strom knapp werden, könnten Verbraucher und Produzenten je nach Profil zu neuen Bilanzgruppen zusammengeschlossen werden, und Mangellagen würden zumindest abgemildert.

Innovation muss nicht teuer sein

Datenbasiertes Wissen ist wertvoll. Das gilt auch für die Bedürfnisse der Kunden. In Märkten mit hohem Wettbewerbsdruck hat sich diese Einsicht etabliert, und Unternehmen verwenden viel Zeit und Ressourcen darauf, entsprechende Daten nach der Zustimmung ihrer Kunden zu analysieren. Energieversorger werden ebenfalls mehr über ihre Kunden wissen und gleichzeitig die Konformität mit Datenschutzvorgaben und Datensicherheit gewährleisten müssen. Informierte Versorger können ihren Kunden Lösungen rund um Elektromobilität, Energieeffizienz, Klimakonformität und Komfortwärme anbieten und ihre Geschäftstätigkeit erweitern. Es gibt Beispiele für kleine und innovative Schweizer Energieunternehmen, die bereits in einem intensiven Dialog mit den Kunden stehen und ihre Palette an Dienstleistungen zunehmend ausbauen.

Innovation muss auch nicht teuer sein. Es ergibt Sinn, wenn sich Versorger und Netzbetreiber auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren und sich Know-how im Bereich Digitalisierung von einem Partner und im Austausch mit Branchennachbarn holen. Da die Besitzverhältnisse im Stromsektor nur wenig Konsolidierung erwarten lassen, wird die Frage immer relevanter, wie kleine und mittelgrosse Energieunternehmen ihr Geschäftsmodell fit für die Zukunft machen können.

Mehr über die Stromflüsse wissen

Dialog ist eine gute Basis, um das Verständnis für bereits heute vorhandene Technologien zu verbessern und Berührungsängste abzubauen. Dies gilt nicht nur innerhalb der Strombranche, sondern auch für Endkunden – Haushalte und Unternehmen – sowie für Entscheidungsträger in Politik und Verwaltung. Menschen neigen dazu, am Bestehenden festzuhalten und Veränderungen kritisch gegenüberzustehen. Dies hat die Verhaltensökonomie eindrücklich erforscht. Menschen neigen ebenfalls dazu, bei Problemen auf Lösungen zurückzugreifen, die bisher funktioniert haben. Das zeigt sich in der aktuellen Diskussion über eine Strommangellage und dem Konzept der Rationierung knapper Güter. Je grösser die Herausforderung ist, desto wichtiger ist es, den Blick für Neues zu öffnen.

Für Innovation gibt es kein Patentrezept, und es ist nicht vorhersehbar, wo sie zutage tritt. Sie lässt sich aber fördern, und sie sollte genutzt werden, wenn sie da ist. Für Schweizer Versorger ist essenziell, ihre Kunden besser zu verstehen und mehr über die Stromflüsse im Netz zu wissen. Das macht ihre Geschäftsmodelle zukunftsfähig und verleiht ihnen Handlungsspielraum. Die Technologien dafür sind vorhanden.