Unternehmen / Schweiz

Ungewissheit um Keramik ist beendet

Daniel Zulauf

Von Peter Morf

Die intensive der Suche der Keramik Laufen nach einer Partnerschaft, die der Gruppe eine neue Perspektive verleiht, ist abgeschlossen: Keramik wird von der spanischen Roca Radiadores übernommen. Roca gehört zu den weltweit führenden Unternehmen im Bereich der Badezimmerausstattung und Sanitärkeramik. Zusammen mit den Aktivitäten der Keramik, die weitergeführt werden, entsteht weltweit das zweitgrösste Unternehmen der Branche mit einem Umsatz von rund 2,1 Mrd. Fr. Marktführer bleibt American Standard.

Familie Gerster verkauft

Die bisherige Mehrheitsaktionärin der Keramik, die weit verzweigte Familie Gerster, verkauft ihre Mehrheit von 62,7% der Stimmen und 42,2% des Kapitals vollumfänglich an die Spanier. Diese offerieren einen Preis von 577 Fr. je Inhaber und 115.50 Fr. je Namenaktie. Für die im Publikum gestreuten Aktien wird ein Angebot in derselben Höhe gemacht, vorausgesetzt, die zuständigen europäischen Kartellbehörden billigen die Transaktion. Danach sollen die Titel, voraussichtlich noch im laufenden Jahr, dekotiert werden.
Die ganze Transaktion kostet Roca rund 420 Mio. Fr., wovon gegen 270 Mio. Fr. an die Familie Gerster fliessen. Der Kaufpreis wird rund zur Hälfte aus eigenen Mitteln bestritten. Auf der Basis eines geschätzten Gewinns von rund 20 Mio. Fr. für das laufende Jahr bezahlt Roca ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 21, was für ein Unternehmen in einer Turnaround-Situation nicht ungewöhnlich hoch ist. Der Preis wird von beiden Seiten als fair betrachtet. VR-Präsident Thomas Gasser stellt dazu folgende Rechnung an: Wird das für das ganze Jahr erwartete operative Ergebnis von rund 65 Mio. Fr. in branchenüblicher Weise verzehnfacht und davon die Schulden von 230 Mio. Fr. abgezogen, resultiert der Kaufpreis von 420 Mio. Fr.
Roca ist ein Familienunternehmen mit einer langen Tradition: Es wurde im Jahr 1917 gegründet und produzierte zunächst Radiatoren. Später erfolgte die Expansion in den Bereich der Sanitärkeramik, der Fliesen und auch der Klimasysteme. Heute werden rund 69% des Umsatzes von knapp 1,5 Mrd. Fr. im Badezimmerbereich generiert, der Rest verteilt sich auf die übrigen Geschäfte. Roca erwirtschaftet einen operativen Cashflow von 274 Mio. Fr., entsprechend 19% des Umsatzes! Die nicht kotierte Roca verfügt über Produktionsstätten in zehn Ländern und beschäftigt 7400 Mitarbeiter.
Das Unternehmen wird seit 25 Jahren von einem von der Familie unabhängigen Management unter Konzernchef Salvador Gabarro geführt. Wie Gabarro an einer Pressekonferenz darlegte, versteht er den Erwerb der Keramik als Schritt zur angestrebten Marktführerschaft. In der Tat ergänzen sich die zwei Unternehmen gut, Doppelspurigkeiten sind nahezu keine vorhanden. Während Roca in Südeuropa, Marokko, Peru und Argentinien gut vertreten ist, liegen die Schwerpunkte der Keramik in Mitteleuropa und Brasilien. Als Wachstumsmärkte sieht Gabarro vor allem den asiatischen Raum, aber auch die USA. Gemeinsam ist den zwei Unternehmen zudem die Philosophie von qualitativ hochstehenden Produkten und einem guten Service.

Schlusspunkt

Aus der Optik der Keramik markiert der Verkauf an Roca den Schlusspunkt hinter eine massive Krise und eine mit viel Mühe bewerkstelligte Ertragswende. Die Probleme haben ihre Wurzeln in der aggressiven Expansion ab dem Jahr 1992. Die damalige Führung baute auf dem Akquisitionsweg ein Konglomerat aus den vier Bereichen Sanitärkeramik, Geschirr, Grobkeramik und Fliesen auf.
In nur sechs Jahren wurden 18 Unternehmen erworben. Das Management hatte sich damit selbst überfordert und einen enormen Schuldenberg angehäuft. Keramik war immer zu klein, um vier voneinander weitgehend unabhängige Geschäftsfelder erfolgreich zu bearbeiten.
Auf Grund notwendig gewordener Restrukturierungen kumulierten sich in den Jahren 1997/98 Verluste in der Höhe von 320 Mio. Fr. Das inzwischen ausgewechselte Management leitete eine Fokussierung auf das Kerngeschäft der Sanitärkeramik, ergänzt durch Fliesenaktivitäten in den USA, ein. Die Bereiche Geschirr, Grobkeramik und Fliesen Europa wurden veräussert.
Im Moment, als der Turnaround gegen Ende des vergangenen Jahres geschafft schien, tauchten zu allem Überfluss grosse Probleme in Brasilien auf. Sie verschlangen die aus den letzten Devestitionen zur Verfügung stehenden rund 100 Mio. Fr. Damit fehlten Keramik die Mittel, um in dem sich konsolidierenden Markt der Sanitärkeramik aus eigener Kraft zu wachsen. Die Gruppe sah sich unter der Führung von VR-Präsident Gasser und Konzernchef Ueli Roost gezwungen, einen finanzstarken und die Aktivitäten der Keramik ergänzenden Partner zu suchen. Dieser wurde mit Roca nach Aussage von Roost in fast idealer Art gefunden. Die Aktivitäten der Keramik werden weiter geführt; Betriebsschliessungen sind nicht vorgesehen.
Dem Aktionär bleibt nichts anderes übrig, als das in wenigen Wochen zu erwartende öffentliche Kaufangebot der Roca zu akzeptieren. Mit Keramik Laufen verschwindet zwar ein traditionsreiches Schweizer Unternehmen vom Börsentableau – dem Industriestandort Schweiz hingegen bleibt es erhalten.

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