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Ungleichheit und Helikoptereltern

Wie Eltern ihre Kinder erziehen, beeinflusst das spätere Humankapital. Das wiederum ist entscheidend für Wachstum und künftige Ungleichheit. Ein Kommentar von Fabrizio Zilibotti.

Fabrizio Zilibotti
«Je mehr Ungleichheit in einer Gesellschaft heute herrscht, desto ungleicher wird das Humankapital von morgen sein.»

Die Ökonomie dreht sich um Geld, Gewinne und Zinsen. So zumindest lautet die gängige Meinung. In Tat und Wahrheit ist Ökonomie heute aber eher ein Instrument zur Analyse des Verhaltens von Menschen – ein Instrument, das sich auf alle Bereiche des menschlichen Tuns, seien es Straftaten, Gesetze, Familie, Kriege und Konflikte, gar die Religion, anwenden lässt. Die Quintessenz des ökonomischen Ansatzes ist, dass der Mensch jeweils sein Möglichstes tut, um seine Ziele zu erreichen, im Rahmen der Grenzen, die sein Umfeld und die eigenen Fähigkeiten ihm setzen.

Da wäre etwa die Familienökonomie. Im Rahmen einer Forschungsarbeit mit Matthias Doepke an der Northwestern University, deren Resultate in einem Buch des Verlags Princeton University Press zusammengefasst werden sollen, untersuchen wir verschiedene Arten der Kindererziehung.

Warum sollten sich Ökonomen, so man mag sich fragen, für die Art und Weise interessieren, wie Eltern mit ihren Kindern umgehen? Nun, unter anderem deshalb, weil dies einen Einfluss auf das spätere Humankapital hat, das auf lange Sicht wiederum entscheidend ist für Wachstum und künftige Ungleichheit. Zu behaupten, Kindererziehung sei primär durch monetäre Ziele getrieben, greift auf jeden Fall zu kurz.

Es sind vor allem Liebe und selbstlose Sorge um ihre Kinder, die hinter dem Engagement der Eltern stehen. Und dies sowohl mit Blick auf die Gegenwart – Eltern wollen, dass ihre Kinder glücklich sind – als auch die Zukunft: Die Kinder sollen im Leben reüssieren.

In den vergangenen Jahren ist über die Erziehung von Kindern eine regelrechte Debatte entbrannt. Ausgelöst hatte sie unter anderem Amy Chua mit ihrem Buch «Die Mutter des Erfolgs: Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte», in dem sie für ein strenges, regelorientiertes Erziehungsmodell plädiert.

Die von Chua propagierten Methoden sind auf heftigen Widerspruch gestossen. Doch diese «Tiger Mom»-Erziehung fügt sich in einen breiteren Trend ein: Vor allem in den gebildeten Gesellschaftsschichten wird mehr Zeit und Aufwand in die Erziehung investiert. Untersuchungen zeigen, dass – vor allem gebildete – Eltern heute deutlich mehr Zeit in die Erziehung der Kinder stecken als in der vorhergehenden Generation.

Der Begriff Helikoptereltern – besorgte Eltern, die ständig über ihren Kindern kreisen, sie führen und beschützen – ist weit verbreitet, vor allem in angelsächsischen Ländern.

Fleiss vor Spass

Aus Sicht der Eltern bringt ein Helikopter-Erziehungsmodell, das darauf abzielt, das Verhalten der Kinder zu kontrollieren und zu beeinflussen, Kosten mit sich, und zwar direkte (Zeit und Aufwand, um die Kinder zu kontrollieren oder ihnen die gewünschten Werte zu vermitteln) wie auch indirekte (Eltern sorgen sich um ihre Kinder, deshalb nehmen sie den Leidensdruck in Kauf, der bei diesem obsessiven Erziehungsverhalten auf den Kindern lastet).

Die erste Vorhersage der ökonomischen Theorie ist deshalb, dass Eltern nur dann gewillt sind, die Kosten eines solchen Erziehungsmodells auf sich zu nehmen, wenn der entsprechende Ertrag genügend hoch ist. Welchen Ertrag also verspricht ein solches Modell?

Ein Vorteil der Helikopter-Erziehung ist, dass die Kinder mit grösserer Wahrscheinlichkeit jeweils denjenigen Weg einschlagen, den die Eltern als richtig erachten. Ob dieses Modell sich «lohnt», hängt also davon ab, wie wichtig es den Eltern ist, dass das Kind die aus ihrer Sicht richtigen Entscheidungen trifft.

Ein häufiger Streitpunkt zwischen Eltern und Kindern ist das Verhältnis zwischen fleissiger Arbeit für die Schule (und somit das spätere Berufsleben) und Spass mit Freunden sowie sonstigen Freizeitaktivitäten. Es gibt kaum Eltern, die sich wünschen, dass ihr Kind die Hausaufgaben öfters links liegen lässt und dafür mehr Spass hat. Die meisten halten ihre Kinder zu mehr Fleiss an.

Auf Fleiss zu pochen, verspricht eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass sie in der Schule und später im Leben Erfolg haben werden. Und wie wichtig das den Eltern ist, hängt wiederum in entscheidendem Masse vom Grad der wirtschaftlichen Ungleichheit in der Gesellschaft ab, besonders davon, ob Bildung sich lohnt.

In einer Gesellschaft, die Bildung und Leistung belohnt und in der gering Qualifizierte einen schweren Stand haben, besteht für Eltern ein grosser Anreiz, die Kinder zu Fleiss anzuhalten. Entsprechend ist zu erwarten, dass der Grad an wirtschaftlicher Ungleichheit mit der Beliebtheit des Helikopter-Erziehungsmodells einhergeht.

In einer Gesellschaft mit wenig ausgeprägter Ungleichheit hingegen, in der Künstler und Schulabbrecher nur unwesentlich weniger verdienen als Ärzte und Ingenieure, können sich die Eltern eine entspanntere Einstellung leisten, entsprechend dürften permissive Erziehungsmethoden verbreitet sein.

Mehr Ungleichheit – weniger Freiraum

Der internationale Vergleich bestätigt die These, dass Einkommensungleichheit in hohem Mass die Art der Kindererziehung beeinflusst. In unserer Forschungsarbeit erfassen wir die Erziehungsstile mithilfe der World Value Survey, in deren Rahmen die Befragten angeben sollen, welche Haltung und welche Werte sie in der Kindererziehung für am wichtigsten halten.

Ein Erziehungsstil, der die Bedeutung von Fantasie und Unabhängigkeit hochhält, gilt als permissiv. Helikoptereltern legen Wert auf Fleiss. Autoritäre Eltern schliesslich pochen in erster Linie auf Gehorsam. Wie sich zeigt, gibt es in Ländern mit höherem Grad an Ungleichheit wie den USA mehr Helikoptereltern, die Fleiss schätzen und Fantasie sowie Unabhängigkeit als weniger wichtig einstufen.

Die Skandinavier hingegen messen Fantasie und Unabhängigkeit einen grösseren Stellenwert bei, was sich mit der Beobachtung deckt, dass in diesen – von geringer Ungleichheit geprägten – Ländern Kinder mehr Freiraum geniessen. Eltern in der Schweiz rangieren dazwischen, tendenziell näher bei den Skandinaviern als den Amerikanern. Das Muster lässt sich auch in den Entwicklungsländern erkennen: In China, einem Land mit ausgeprägter Ungleichheit, gilt Fleiss unter Eltern fast durchweg als erstrebenswert.

Mithilfe eines ökonometrischen Modells leiten wir quantitative Vorhersagen über die Auswirkungen von Einkommensungleichheit ab, gemessen mit dem Interdezilverhältnis der Bruttoeinkommen der obersten und der untersten 10% der Einkommensverteilung. Die USA weisen ein beinahe doppelt so hohes Verhältnis auf wie die Schweiz, was den Umstand bestätigt, dass die Einkommensungleichheit dort ausgeprägter ist.

Entsprechend zeigt sich, dass die Mehrheit (59%) der Eltern in der Schweiz den permissiven Erziehungsstil pflegt, nur 19% sind Helikoptereltern, 22% verfolgen das autoritäre Modell. Im Gegensatz dazu macht das permissive Modell in den USA nur eine kleine Minderheit aus.

Schweden und Schweiz hier, USA und China dort

Wie weit die Ungleichheit die Wahl des Erziehungsmodells beeinflusst, eruieren wir, indem wir die Auswirkungen von Bildung und kulturellen Unterschieden als konstant unterstellen. Nun machen wir ein Gedankenexperiment und stellen uns vor, dass die Schweizer Eltern mit einem Ausmass an Einkommensungleichheit konfrontiert sind, wie es heute in den USA herrscht. In diesem hypothetischen Szenario verändern sich die Anteile der verschiedenen Erziehungsstile in der Schweiz massiv: Der Anteil des permissiven Modells fällt auf 15%, derjenige der Helikoptereltern steigt auf 50% und derjenige der autoritären auf 35%.

Kurz gesagt: Die geringere Einkommensungleichheit erklärt, warum es in der Schweiz weniger Helikoptereltern gibt als in den USA. Sie erklärt auch, warum die Erziehung in der Schweiz weniger permissiv ist als die in Schweden – wie meine eigene Erfahrung als Vater in Schweden bestätigt. Meine schwedischen Freunde schaudern jeweils beim Gedanken an gestresste Schweizer Sechstklässler vor der anstehenden Gymi-Prüfung. Die jedoch ist bloss ein Klacks im Vergleich zum Drama um die Zulassung zum College in den USA – vom brutalen landesweiten Examen namens Gaokao in China ganz zu schweigen.

Ökonomische Anreize haben einen viel grösseren Einfluss auf das Verhalten von Familien, als man gemeinhin zugeben mag. Was bedeutet all dies nun für die neuen Generationen? Nehmen die Eltern ihre Rolle sehr engagiert wahr, werden die Vorteile, in einer wohlhabenden und gebildeten Familie aufzuwachsen, dadurch noch massiv verstärkt.

In seinem Buch «Our kids: the American dream in crisis» beschreibt Robert Putnam eindrücklich, wie die soziale Kluft zwischen amerikanischen Familien wächst, je nachdem, was für Eltern man hat – besonders in einem Land, wo die Gutsituierten ihre Kinder auf teure private Schulen schicken. Je mehr Ungleichheit in einer Gesellschaft heute herrscht, desto ungleicher wird das Humankapital von morgen sein.

Gut möglich, dass dieser Aspekt viel bedeutsamer ist, wenn es darum geht, die Quellen der hartnäckigen Ungleichheit von Einkommen und Chancen zu eruieren, als andere Faktoren (z.B. der Ertrag auf Finanzinvestments), die in der öffentlichen Debatte jüngst breit thematisiert werden.

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