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Ungleichheit und Wachstum

Zunehmende Ungleichheit gefährdet künftiges Wachstum, weil sie den sozialen Zusammenhalt schwächt und Unterstützung für schädliche politische Strömungen schafft. Ein Kommentar von Fabrizio Zilibotti.

Fabrizio Zilibotti
«Einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Ungleichheit und Wachstum herzustellen, fällt deshalb so schwer, weil Ungleichheit vielfältige Ursachen hat.»

Behindert Einkommensungleichheit das Wirtschaftswachstum? Oder ist sie nötig, damit die richtigen Anreize bestehen in einer Gesellschaft, die Fleiss und Leistung belohnt? Die Verschärfung der Einkommensungleichheit in den vergangenen vier Jahrzehnten hat dieser politisch befrachteten Frage neuen Auftrieb verliehen. Die Ökonomen finden keine schlüssige Antwort. Die Politik hingegen ist sich ihrer Sache nur zu sicher. Für Konservative und Liberale steht ausser Zweifel, dass staatliche Intervention zur Umverteilung von Einkommen die Effizienz des Marktes und das Wachstum bremst. Sozialisten sind überzeugt, dass ungleiche Einkommensverteilung Fortschritt und Wachstum hemmt.

In der Wirtschaftswissenschaft reicht die Debatte zurück zu den Arbeiten von Simon Kuznets in den Fünfzigerjahren. Er stellte die These auf, der Zusammenhang zwischen Wirtschaftsentwicklung und Einkommensungleichheit weise einen glockenförmigen Verlauf auf: In einer gering entwickelten Volkswirtschaft verstärkt sich die Ungleichheit zunächst im Zuge des Wirtschaftswachstums, nimmt dann aber ab, je weiter die Wirtschaft wächst. Historische Untersuchungen z. B. von Williamson 1985, belegen, dass im Grossbritannien des 19. Jahrhunderts die Ungleichheit in der Tat zunächst zunahm, dann aber nachliess.

Hat Kuznets’ These auch heute noch Gültigkeit? Vergleicht man für die Staaten der heutigen Welt die Einkommensungleichheit, gemessen z. B. anhand des Gini-Koeffizienten, mit einem Indikator für wirtschaftliche Entwicklung, etwa dem Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Kopf, scheint sich der von Kuznets postulierte Zusammenhang zu bewahrheiten. Doch Vorsicht: Der Vergleich ist heikel und wird von zahlreichen Faktoren beeinflusst.

Kuznets beschrieb einen statistischen Zusammenhang zwischen Ungleichheit und Wirtschaftsentwicklung. Was aber wissen wir über die ursächliche Wirkung von Ungleichheit auf das Wachstum einer Wirtschaft? Ein Ansatzpunkt ist eine vergleichende Analyse. Lateinamerika weist traditionellerweise eine sehr ungleiche Verteilung der Einkommen auf. In Ostasien war die Ungleichheit seit jeher weniger ausgeprägt. Noch in den Sechzigerjahren waren Südkorea und andere schnell expandierende ostasiatische Länder (z.B. Taiwan, Malaysia usw.) ärmer als die meisten lateinamerikanischen Staaten. Mittlerweile jedoch haben viele von ihnen die lateinamerikanischen Länder eingeholt, gar überholt. Die weniger ungleiche Einkommensverteilung mag der Schlüssel für den Erfolg gewesen sein, etwa weil damit politische Unruhen verhindert wurden. Lateinamerika und Asien unterscheiden sich allerdings in einigen wichtigen Bereichen. Aussagekräftiger ist deshalb der Vergleich mit den Philippinen.

In den Sechzigerjahren wiesen Südkorea und die Philippinen zahlreiche Ähnlichkeiten auf, was BIP pro Kopf, Bevölkerung, Urbanisierung und Bildungsstand angeht. Wenn überhaupt, waren die Philippinen in Sachen Industrialisierung weiter fortgeschritten. Allerdings war die Einkommensungleichheit deutlich ausgeprägter als in Südkorea. Heute ist das BIP pro Kopf in Südkorea fünfmal grösser als das philippinische. Auch hier scheint sich also zu bestätigen, dass Ungleichheit eine Wachstumsbremse ist.

USA – überlegen in Innovation

Betrachten wir als Nächstes China und Russland, die beiden grossen Volkswirtschaften, die den Übergang von der sozialistischen Plan- zur Marktwirtschaft vollzogen haben. Als Chinas Wirtschaft auf den Wachstumspfad einschwenkte, war die Einkommensungleichheit im Land schwach ausgeprägt. Im Zuge des rasanten Wachstums nahm sie massiv zu. Russland hingegen wies schon sehr bald nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion eine ausgeprägte Ungleichheit auf. In den Neunzigerjahren erlebte es eine Periode wirtschaftlicher Stagnation, die in der folgenden Dekade allerdings überwunden wurde: Russlands Wirtschaft expandierte schneller, die Einkommensungleichheit verringerte sich etwas.

In den Industrieländern ist das Bild verschwommener, zumindest in jüngerer Zeit. In den USA, einer der reichsten Volkswirtschaften weltweit, nimmt die Ungleichheit seit Anfang der Achtzigerjahre massiv zu, mehr als in jedem anderen wohlhabenden Staat dieser Welt. Ob die steigende Ungleichheit das Wirtschaftswachstum angetrieben oder im Gegenteil gebremst hat, ist umstritten. Auf jeden Fall erweisen sich die USA immer wieder als die innovativste Volkswirtschaft weltweit. Ebenso haben sie die Erholung nach der grossen Rezession besser gemeistert als Europa. Bedeutet dies also, dass Ungleichheit – entgegen der These von Kuznets – in einem wohlhabenden Land die Wirtschaftsleistung fördert? Ein problematischer Schluss: In Europa haben sich gerade Staaten mit einem starken Wohlfahrtssystem wie Schweden und Norwegen am besten geschlagen.

Einen eindeutigen Zusammenhang zwischen Ungleichheit und Wachstum herzustellen, fällt deshalb so schwer, weil Ungleichheit vielfältige Ursachen hat. Zum Teil rührt sie von Unterschieden in Humankapital und Talent her, die manche Länder besser auszuschöpfen wissen. In den USA ist das hohe Einkommen zu einem bedeutenden Teil Innovation und erfolgreichen Start-up-Unternehmen zu verdanken. So sind von den fünfzig in der «Forbes»-Liste geführten reichsten Amerikanern elf erfolgreiche Erfinder. In ihrer Studie «Innovation and top income quality» haben Aghion, Akcigit, Bergeaud, Blundell und Hemous kürzlich eine starke geografische Korrelation belegt zwischen dem Einkommensanteil, der auf die wohlhabendsten 1% entfällt, und der Innovation, gemessen anhand der Anzahl Patente.

Innovation ist zwar nicht die alleinige Ursache für die wachsende der Ungleichheit in den USA. Die Studie zeigt aber, dass rund 17% der Zunahme von Ungleichheit auf Erfinder und Innovatoren zurückzuführen sind. Dass Amerika sich in der Förderung von Forschung und Innovation besonders hervortut, belegen ausgezeichnete US-Universitäten wie Harvard, MIT, Stanford oder Yale, die ihren europäischen Pendants überlegen sind: Sie ziehen die weltweit herausragendsten Talente an und fördern sie. Und da Forschung und Innovation der Motor von Wirtschaftswachstum sind, ist diese Art von Einkommensungleichheit auf der höchsten Ebene förderlich für hohes Wachstum.

Europa überlegen in Chancengleichheit

Doch Wachstum wird nicht allein von Superstars getrieben. Europa ist besser darin als die USA, Chancengleichheit herzustellen. Staatlich finanzierte öffentliche Bildung ist ein kraftvoller Motor für Chancengleichheit, was wiederum das Wachstum befeuert. Talente finden sich in allen Gesellschaftsschichten – ein freier Zugang zu Bildung ist essenziell, um den Begabtesten den Weg in führende Positionen zu eröffnen. In den USA, und erst recht in vielen Entwicklungsländern, sind gute Schulen für weite Teile der Bevölkerung unerschwinglich. Entgegen der weit verbreiteten Vorstellung vom «American Dream» ist die Intergenerationenmobilität in den USA geringer als in Europa, zudem scheint die soziale Mobilität im Laufe der Zeit abgenommen zu haben. Damit wird Potenzial vergeudet. Die USA verstehen sich darauf, in einer ausgewählten Gesellschaftsschicht die Besten zu fördern. Europa ist besser darin, Chancen für breite Schichten zugänglich zu machen. Es gibt eben keinen simplen Zusammenhang zwischen Ungleichheit und Wachstum.

Fest steht hingegen, dass extreme Ungleichheit den sozialen Zusammenhalt mindert. In einer wegweisenden Arbeit haben Persson und Tabellini 1994 die These aufgestellt, dass in Demokratien mit ungleicher Einkommensverteilung der Ruf nach einer Politik aufkommen kann, die Investitionen und Innovation hemmt. Bis vor kurzem hatte die wachsende Ungleichheit keine sozialen Konflikte zur Folge. In jüngerer Zeit aber macht sich in vielen Industrieländern eine zunehmende politische Polarisierung breit – das Phänomen Donald Trump ist nur ein Beispiel.

Der Protest nimmt vielfältige Formen an, nicht in jedem Fall wird mehr staatliche Umverteilung gefordert. In den USA zum Beispiel wächst der Druck, den freien Handel einzuschränken, während in Europa der Widerstand gegen die Mobilität von Arbeit und Kapital zunimmt. Natürlich gilt es dabei auch andere Faktoren zu berücksichtigen. Man kommt aber um den Gedanken nicht herum, dass die wachsende Ungleichheit irgendwann ihren Tribut an gemässigter Politik und Stabilität fordert.

Der Zusammenhang zwischen Ungleichheit und Wirtschaftswachstum ist komplex. Fest steht hingegen: Eine immer weiter zunehmende Ungleichheit ist eine Gefahr für künftiges Wachstum, weil sie den sozialen Zusammenhalt schwächt und Unterstützung für schädliche politische Strömungen schafft – besonders dann, wenn sich viele Menschen jeglicher Möglichkeit für Aufstieg und Erfolg beraubt fühlen.

Leser-Kommentare

Adrian Gnehm 27.04.2016 - 11:23

Entscheidend ist aber auch die soziale Mobilität. Diese ist in den USA viel höher als in Europa. In England ist die mangelnde soziale Mobilität ein ernsthaftes Problem. Wer in den USA mit einem Unternehmen Konkurs macht, erhält neue Chancen. In der Schweiz sind gescheiterte Unternehmer mit einem Stigma belastet.