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«Uns fehlt der absolute Siegeswille»

Die Konferenz zur Zukunft des Wirtschaftsraums Zürich endete mit einem Appell von Bundesrat Ueli Maurer.

Die Freude über einen Anlass mit physischer Präsenz, wenn auch nach wie vor mit strikten Coronaregeln, war im Saal des neu umgebauten Kongresshauses am vergangenen Mittwoch förmlich greifbar. Im Rahmen der hybriden Veranstaltung «Gemeinsam für Zürich», zu der sich Teilnehmer auch per Live-Stream online zuschalten konnten, wurden die Herausforderungen für den Werk- und Finanzplatz Zürich diskutiert. Namhafte Vertreter aus Politik, Industrie, Finanzbranche und Forschung nutzten die Plattform zum Dialog und setzten sich mit Fragen des Publikums auseinander.

«Wir müssen weg vom Silodenken», mahnte Regierungsrätin Carmen Walker Späh während der Begrüssungsrunde. Der Finanz- und der Werkplatz müssten Hand in Hand arbeiten, um den hohen Lebensstandard im Kanton aufrechtzuerhalten.

Man könne den weiteren Erfolg nicht garantieren, aber die «Stadt der kurzen Wege» sei heute gut positioniert im internationalen Wettbewerb, betonte Stadtpräsidentin Corine Mauch beipflichtend.

Der Tenor der Diskutanten ging während der gesamten Veranstaltung in eine Richtung: Der Schweiz, dem Kanton und der Stadt Zürich geht es so kurz nach der Krise wieder relativ gut, doch ausruhen auf den Lorbeeren darf man sich auf keinen Fall.

Eurozentristische Sicht

Prof. Dr. Monika Bütler zeigte in ihrem Kurzreferat beispielhaft Verbesserungspotenzial für den Standort Schweiz auf. Talente auf dem internationalen Arbeitsmarkt orientierten sich bei der Jobsuche auch am Einkommenssteuersatz. Zudem würden Zweitverdienste hierzulande mit extrem hohen Steuersätzen bestraft. Das erkläre insbesondere auch die geringe Arbeitsmarktbeteiligung von Frauen.

Das Kurzarbeitsprogramm wurde von allen Teilnehmern als überaus effizientes Instrument zur Sicherung von Arbeitsplätzen und zur Bindung von Fachkräften gelobt. Auch die Überbrückungs­kredite wurden gerühmt. «Von den 24 000 Kre­diten, die wir vergeben haben, sind 10% bereits zurückgezahlt», erläuterte Urs Gauch, Mitglied der Geschäftsleitung der Raiffeisen Schweiz.

Auf die Frage aus dem Publikum nach der Bedeutung des Scheiterns beim Rahmenabkommen mit der EU für den Finanzplatz bemerkte Zeno Staub, CEO der Bank Vontobel, dass die Kosten der Autarkie eben getragen werden müssten. Man müsse sich von der eurozentristischen Sicht verabschieden. «Die Konkurrenz für die Banken und den Finanzplatz Zürich sitzt in London, Hongkong, Shenzhen oder New York», führte Staub weiter aus.

Bei den Vertretern der Industrie schwangen in der Beurteilung zum Abbruch der Verhandlungen mit der EU deutlich mehr Bedenken mit. «80% unserer Produkte gehen ins Ausland, 50% davon in die EU», verdeutlichte Dominique Zygmont als Vertreter von Swissmem, dem Verband der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie.

Das hiesige Industrie-Cluster gehe bis nach Baden-Württemberg oder ins Elsass. Geschlossene Grenzen seien in vielerlei Hinsicht problematisch. «Eine Maschine kauft man nicht auf Amazon, sondern schickt seine Ingenieure auf Reisen», so Zygmont.

In Sachen Innovation spielt die Schweiz ganz vorne mit. Wie Sabine Keller-Busse, President UBS Switzerland, anmerkte, wurde der Schweiz soeben wieder der Innovationspreis der EU-Kommission verliehen. Hierzulande werden viele Start-ups gegründet, doch sobald sie eine kritische Grösse erreicht haben, fehlt es in der Schweiz an mutigen Kapitalgebern. «Die Risikoneigung der Kapitalgeber in Silicon Valley ist viel höher», mahnte Prof. Markus Gross, der auch das Labor der Disney­Research Studios in Zürich leitet.

Mutlose Schweiz

Kritische Worte kamen auch von Peter Grünenfelder, dem Chef von Avenir Suisse: «Im Ranking der Weltbank, wie einfach es ist, in einem Land ein Geschäft zu betreiben (Ease of Doing Business), ist die Schweiz von Rang 10 auf Rang 36 abgerutscht.» Man müsse sich hierzulande der liberalen Rahmenordnung besinnen, die Entbürokratisierung anstreben und die Arbeitsformen der Zukunft fördern.

Beim Thema Nachhaltigkeit und zur Ablehnung des CO2-Gesetzes bezog Zeno Staub eindeutig Stellung: «Die Finanz­institute klären ihre Kunden in der Anlage­beratung gründlich auf über integrale Klimarisiken.» Aber was eigentlich gemacht werden müsste, sei, die Preissignale und die Eigentumsrechte in die freie Marktwirtschaft zu integrieren. «Wir haben einfach nicht den Mut, CO2 zu besteuern und das neutral an die Gesamtbevölkerung zurückzugeben», führte Staub weiter aus.

Die Coronakrise hat auch gezeigt, dass die Schweiz in der Digitalisierung nicht so weit ist wie geglaubt. Bundesrat Ueli Maurer vermisst hierzulande generell den Pioniergeist früherer Zeiten.