Dossier-Bild Ein Artikel aus dem Dossier Entscheidungsjahr 2020
Meinungen

Unsere Welt vor der Zerreissprobe

2020 wird weisen, welche Politik unsere Kultur prägt und ob breit abgestützter Konsens oder das Recht des Stärkeren über allem thront, schreibt FuW-Chefredaktor Jan Schwalbe.

«2020 stellt uns entscheidende Fragen, die beantwortet werden müssen. So oder so.»

Sobald man glaubt, unsere Welt könne nicht noch komplexer sein, werden wir eines Besseren belehrt. Was vor Kurzem undenkbar war, wird über Nacht zur Selbstverständlichkeit – zum New Normal sozusagen, um einen vom Ökonomen Mohamed A. El-Erian geprägten Begriff zu benutzen.

Manchmal sind der schnelle Wandel und unsere Anpassungsfähigkeit durchaus ein Segen. Fortschritt ist ja per se nichts Schlechtes. Doch viel zu oft stellt die Disruption unsere Gesellschaft vor ungeahnte Probleme, die nicht so mir nichts, dir nichts zu lösen sind.

Damit unsere Welt auch die nächste Zerreissprobe ohne gröbere Langzeitschäden übersteht, müssen 2020 die Weichen dafür gestellt werden. Nur auf Zeit spielen und darauf hoffen, dass sich alles von selbst regelt, ist kein Lösungsansatz. Im Gegenteil. Die Zeit spielt gegen uns.

Richtungsweisende US-Wahlen

Viele Probleme lassen sich nicht im Alleingang lösen. Schon gar nicht von der Schweiz. Zusammenarbeit und ein offener Dialog sind unabdingbar. Das ist leichter gesagt als getan. Nationalismus und Protektionismus haben in den letzten Jahren an Anhängerschaft gewonnen. Das stellt die Globalisierung und damit viele über Jahre erarbeitete Lösungsansätze und Initiativen in Frage. Jeder für sich und alle gegen alle ist kein gutes Rezept.

Wenn es ein Ereignis gibt, das 2020 über allen anderen thront und vieles beeinflussen wird, dann sind das die amerikanischen Wahlen im November. Dabei geht es nicht nur um «Trump oder nicht Trump», den Kurs und die Grundwerte der Gesellschaft in den USA sowie um Eigenschaften, die ein Leader der freien Welt verkörpern sollte. Die Wahl hat Signalwirkung für den Rest der Welt.

Was steht ganz oben auf unserer Agenda, und wo liegen die Prioritäten? Was ist uns wichtig, und inwiefern sind wir bereit, auf andere Rücksicht zu nehmen? Brauchen wir die klassischen demokratischen Werte überhaupt noch, oder fühlen wir uns wohler, wenn jemand die Macht an sich reisst und uns einfach vorgibt, wo wir uns hinbewegen?

FuW-Chefredaktor Jan Schwalbe. (Bild: Iris C. Ritter/FuW)

Allein statt zusammen

Entscheidende Fragen, die beantwortet werden müssen. So oder so. «Es ist eine Wahl zwischen einer multikulturellen Koalition und einer Politik, die auf Weisse fokussiert» erklärt Kevin Kruse, Geschichtsprofessor an der Universität Princeton. Wo die Reise hingeht, wissen wir am 3. November.

Ein anderes Kräftemessen ist nicht weniger brisant. Der Handelskrieg zwischen den USA und China. Auch da wird nicht zimperlich miteinander umgesprungen, und auch da ist Donald Trump Protagonist. Schafft er es tatsächlich, China in die Schranken zu weisen, oder gerät das Ganze doch noch völlig ausser Kontrolle?

Ob die Weltwirtschaft in eine Rezession abrutscht und ob sich die Börse auch 2020 wieder in Topform präsentiert, hängt massgeblich von der Entwicklung der Auseinandersetzung zwischen den USA und China ab. Alles läuft langfristig auf eine Abtrennung der beiden Volkswirtschaften hin. Besonders der Technologiesektor steht dabei im Mittelpunkt.

Und nochmals ein Graben und nochmals Trump. Zum Dritten. Klimawandel ist das Stichwort. Vor anderthalb Jahren hat der US-Präsident den Austritt aus dem Pariser Übereinkommen bekannt gegeben. Seither wurde die Klimadebatte erst so richtig losgetreten. Nicht zuletzt dank Greta Thunberg ist das Problem in aller Munde. Die EU-Kommission hat einen «Green Deal» vorgelegt, der zwar noch nicht in Stein gemeisselt ist, aber recht weitreichende Forderungen aufstellt. Doch wie ernst ist es uns damit, den Klimawandel aufzuhalten? Was sind Lippenbekenntnisse, was wird tatsächlich umgesetzt? 2020 wird darauf wichtige Antworten geben. Und wer weiss, vielleicht kommt auch aus den USA – Wahlkampf sei Dank – ein positives Signal.

Warum denn in die Ferne schweifen

Viel auf dem Spiel steht 2020 auch innerhalb der Landesgrenzen. Der Sozialpartnerkompromiss zur Reform der beruflichen Vorsorge, der vom Bundesrat 2020 in eine Gesetzesvorlage gegossen wird, ist umstritten. In den Fokus rückt auch die Beziehung zwischen der Schweiz und der EU.

Kommt das Rahmenabkommen, und wenn ja, wie sieht es aus? Oder wird weiter auf Zeit gespielt und der bilaterale Weg nach altem Rezept so lange wie möglich ausgereizt?

Bei dieser Gelegenheit möchte ich mich bei Ihnen für Ihre Treue und Ihr Interesse an der «Finanz und Wirtschaft» bedanken und wünsche Ihnen viel Lesespass, besinnliche Festtage und ein erfolgreiches 2020 mit möglichst vielen guten Entscheidungen.

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